Letztes Update am Mo, 29.07.2019 16:09

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Virgil Abloh: Modestar, der von der Straße aus arbeitet

Der US-Amerikaner Virgil Abloh gilt als der Modedesigner der Stunde. Unkonventionell und umtriebig drückt er der altehrwürdigen Branche mit dem Handy seinen Stempel auf.

Virgil Abloh
ist groß in Mode und liebt den unkonventionellen Auftritt.

© Anne-Christine POUJOULAT/AFPVirgil Abloh
ist groß in Mode und liebt den unkonventionellen Auftritt.



Von Deborah Darnhofer

Was früher getrennt, ist jetzt vereint. Die Kleider der US-Straßen vermischen sich mit denen eines französischen Luxushauses. Klobige, trotzige, grelle Sachen mit eleganten Schnitten, zarten Stoffen und althergebrachten Emblems. Geschafft hat das ein Mann: Virgil Abloh.

„Ich bringe das traditionelle Schneiderhandwerk mit modernem Lifestyle zusammen“, lässt er in der Presse verlautbaren. Er spielt mit seiner Distanz zur gediegenen Modebranche und zur Nähe der lebendigen Hip-Hop- und Straßenkultur – und erreicht damit die Massen. Mit der Durchmischung der Designbranchen, einem irren Arbeitstempo, einer Präsenz rund um den Erdball und einem Bollwerk namens „Social Media“ – der Hang zum Englischen sei dieses Mal verziehen – gilt er derzeit als einer der einflussreichsten Modemacher.

Straßenwert in der Modewelt

Off-White:
Die eigene Marke des US-Amerikaners ist bunt und wild. Stars wie Gigi Hadid (r.), Rihanna und Neymar können sich nicht sattsehen. Die weiten Schnitte zelebrieren die Lässigkeit der Straße.
Off-White:
Die eigene Marke des US-Amerikaners ist bunt und wild. Stars wie Gigi Hadid (r.), Rihanna und Neymar können sich nicht sattsehen. Die weiten Schnitte zelebrieren die Lässigkeit der Straße.
- Anne-Christine POUJOULAT/AFP

Seine Marke „Off-White“ wird gerade als heißester Kandidat am Modehimmel gehandelt. Außerdem ist er Kreativdirektor der Herrenlinie des französischen Modeimperiums Louis Vuitton. Damit verschafft er dem altehrwürdigen Unternehmen viel Aufsehen und neue, jüngere Käufer. Denn gerade die in den 1980er- und 1990er-Jahren geborene Generation der so genannten Millennials hält große Stücke auf ihn und kauft sie ihm ohne Umschweife ab. Auf Kleider, Laufstege und den regen Onlinehandel – seine Stücke sind regelmäßig innerhalb weniger Tage ausverkauft – beschränkt sich der 38-Jährige aber nicht.

Zahlreiche Kooperationen mit namhaften Firmen, wie Sneaker-Schneider Nike, Schuh-Fetischist Jimmy Choo, Jeanslegende Levi’s, Möbelmacher Ikea und Vitra sowie Kofferhersteller Rimowa oder Sprudelkrösus Moët & Chandon, ist er schon eingegangen. Ob es ihm dabei um „Kohle“ oder Kreativität geht, lässt er nicht durchblicken. „Jeder wird klassifiziert“, philosophierte Abloh einmal in einem Interview. „Aber ich bin heute das, morgen das. Etwas zu erschaffen, bedeutet Freiheit.“

Florales verwischt die Geschlechtergrenzen.
Florales verwischt die Geschlechtergrenzen.
- Anne-Christine POUJOULAT/AFP

So wird er als Umtriebiger und Unkonventioneller von Verehrern gefeiert, als übereilter, zu hoch gehandelter Modestar von Kritikern verschmäht und als sicherer Geldbringer von Firmen vereinnahmt. Kopien seiner Werke sind bereits vielfach im Umlauf. Selbst schaut sich Abloh aber auch Designs ab und kokettiert mit den erschaffenen Wiederholungen.

Hauptsache präsent sein

Louis Vuitton: Virgil Abloh ist Kreativdirektor der Herrenkollektion des französischen Modehauses. Für das Jahr 2020 setzt er auf zarte wie grelle Töne.
Louis Vuitton: Virgil Abloh ist Kreativdirektor der Herrenkollektion des französischen Modehauses. Für das Jahr 2020 setzt er auf zarte wie grelle Töne.
- Anne-Christine POUJOULAT/AFP

Das alles scheint den gelassen wie getrieben wirkenden US-Amerikaner, der als Sohn ghanaischer Einwanderer in einem Vorort Chicagos aufwuchs und auf Wunsch des Vaters Bauingenieurwesen sowie Architektur studiert hat, nicht im Geringsten zu stören. Er lebt von der Präsenz und Diskussion. Da ist es egal, ob sich diese negativ oder positiv gestaltet.

In gezimmerte Schubladen will er sich nicht einordnen, gibt ihnen lieber neue Ordnungen. Für sein Arbeitspensum bräuchte er metaphorisch ohnehin einen riesigen Schrank. Dabei reichen Abloh ein Handy und ein Flugzeug, um seiner Kreativität Flügel zu verleihen. Er soll 320 Tage im Jahr unterwegs sein, an einem Tag in Paris die neue Kollektion vorstellen, an einem anderen in Basel seine Möbelentwürfe. An einem Tag besucht er Ehefrau Shannon und die beiden Kinder in Chicago, um am nächsten Richtung Tokio aufzubrechen. Mal entwirft er eine Kampagne auf dem Weg zum Flughafen, mal findet er ein Instagram-Konto interessant und engagiert dessen Urheber. Ideen diskutiert er mit seinem Team am liebsten über den Nachrichtendienst seines Handys.

Dasselbige scheint er nie loszulassen. „Ich selbst bin immer online, auf allen Kanälen vertreten“, gesteht Abloh bei einem Pressegespräch. „Ich arbeite regelrecht von der Straße aus.“ Grenzen, zeitliche, örtliche oder fachliche, sind für ihn fließende, die er leichtfüßig übertritt. Bei dem 38-Jährigen drehen sich Uhren und Flugzeugturbinen so schnell wie Platten auf dem Musikpult. Nebenbei oder besser mittendrin lebt er sich seit Jugendtagen als DJ „Flat White“ aus. Als künstlerischer Leiter brachte ihm sein Musikgespür – in Zusammenarbeit mit Freund und Förderer Kanye West sowie Jay-Z – eine Grammy-Nominierung für das Studioalbum „Watch The Throne“ ein.

Wests Fanartikel-Firma war es, mit der Abloh vor rund zehn Jahren im Modegeschäft erstmals Fuß fassen konnte. Dadurch wurden Kapuzenpullis und Shirts laufsteg- und Abloh bald massentauglich. „Du scheiterst nur, wenn du aufgibst, es zu probieren“, lautet einer seiner Sprüche. Damit findet er vor allem bei den Jungen viel Anklang, die er mit seiner Unverfrorenheit an die edle Designwelt heranführen will.




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