Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.11.2019


Konsum

Kauf-nix-Tag soll wachrütteln gegen Schrankleichen

Dem Black Friday folgt der Kauf-nix-Tag. Er soll die Menschen dazu bewegen, bewusster einzukaufen. Die Wienerin Nunu Kaller hat seit Jahren dem Konsum-Wahnsinn abgeschworen und hilft anderen, sich zu ändern.

Der morgige Kauf-nix-Tag soll achtsam machen hinsichtlich des Konsumverhaltens. Denn so genannte Schrank­leichen – ungenützte Kleidung – gibt es überall, nicht nur in überquellenden Kästen.

© iStockphotoDer morgige Kauf-nix-Tag soll achtsam machen hinsichtlich des Konsumverhaltens. Denn so genannte Schrank­leichen – ungenützte Kleidung – gibt es überall, nicht nur in überquellenden Kästen.



Von Susann Frank

Innsbruck – Extreme ziehen Extreme nach sich. So wurde dem Black Friday der Kauf-nix-Tag entgegengesetzt. Ersterer ist seit 2005 der umsatzstärkste Tag des Jahres in den USA, Letzterer wurde 1992 in Kanada erfunden. Längst sind beide Bewegungen in Österreich angekommen. Heute ist Black Friday, morgen folgt sein Gegenspieler. „Die Idee des Kauf-nix-Tages ist gut“, sagt Nunu Kaller. Die 38-jährige Wienerin beschäftigt sich seit Jahren mit dem heimischen Konsumverhalten.

„Das Phänomen des Masseneinkaufs ist besonders bei Kleidung jeden Monatsanfang in den Shoppingcentern zu beobachten“, betont Kaller. Der nachgewiesene Adrenalinausstoß beim Neuerwerb ist dabei nicht zu verachten, für so manch einen ist es ein Ausgleich bei Problemen im Leben. Kaller: „Der Kick wird jedoch immer schwächer, deswegen folgen immer schneller neue Einkäufe – bis hin zur Sucht.“

Laut einer Studie der Arbeiterkammer Wien, die 2017 veröffentlicht wurde, sind ein Viertel der Österreicher kaufsuchtgefährdet, elf Prozent sind kaufsüchtig. „Deswegen ist der Tag ein gutes Proteststatement gegen die Konsumgesellschaft“, sagt Kaller.

Die Buchautorin (u. a. „I kauf nix“) ist nach ihrem rigorosen Selbstversuch, sich ein Jahr lang kein neues Kleidungsstück zuzulegen, im bewussten Konsum angekommen. Auch abseits von Kleidung. Klamotten, die sie sich gönnt, erwirbt sie gern auf Tauschpartys und im Second-Hand-Laden. Bei Neukäufen achtet sie auf nachhaltige Produktion. Auf die schnelle und umweltzerstörende Mode, die zu Schleuderpreisen angeboten wird, etwa bei H&M oder Primark, verzichtet Kaller.

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Die Umweltorganisation Greenpeace macht mit provokanten Bildern heute auf die Sünden der „Fast fashion“-Hersteller aufmerksam. Der Kleidungsmarkt ist jedoch nur ein Teil unserer Konsumgesellschaft.

Kaller hat diesbezüglich vollstes Verständnis für Menschen, die ein Jahr lang auf etwas Bestimmtes sparen und es sich am Black Friday verbilligt kaufen. Wenn es dann wirklich billiger ist. So warnt unter anderem etwa das Verbraucherportal Mydealz nach Auswertung von mehr als 60.000 Angeboten der vergangenen fünf Jahre vor unrealistischen Rabattangaben und rät, Werbeversprechen zu hinterfragen.

Auch deswegen findet Kaller das „darauf folgende Proteststatement gegen die Konsumgesellschaft gut“. Sie selbst räumt ein, wieder mehr Kleidung im Schrank hängen zu haben. Auch weil totaler Verzicht Unzufriedenheit auslösen kann. Verbote seien nicht der richtige Weg. Wichtig sei eine langfristige Veränderung zum bewussten Konsum.

Wie Extremes Extremes auslösen kann, zeigt das Beispiel Marie Kondo. Die gehypte japanische Aufräum-Expertin, die auch gezielt ausräumte, mutiert derzeit zur Shopping-Online-Queen. Wodurch? Sie bietet u. a. teure Dekorationsartikel zum Verkauf an. „Es sind die irrsinnigsten Sachen“, sagt Kaller. Wie sie sich diese Entwicklung erklären kann? „Nur mit purer Gier nach noch mehr Geld. Das ist absurd.“ Doch es spiegelt vieles auf dieser Welt wider. Der Kauf-nix-Tag versucht wachzurütteln – so genannte Schrankleichen in Form von ungenützten Klamotten kennt schließlich wohl jeder.

Fragen für Einsteiger

Drei Fragen, die zu bewussterem Konsum verhelfen können:

Passt mir das wirklich? Nichts kaufen, in das man zukünftig durch Abnehmen reinpassen will, oder es vielleicht doch etwas zu groß anziehen wird, weil es gerade ein Schnäppchen ist. Genau diese Artikel sind laut Nunu Kaller prädestinierte Schrankleichen.

Brauche ich das wirklich? Oder ist es die zehnte weiße Hose, das elfte schwarze T-Shirt oder der zwölfte Mantel im gleichen Design im Schrank? Das Nachdenken darüber verhilft zum Zurücklegen beim unnötigen Kleidungsstück.

Will ich das wirklich? Ist das ausgesuchte Stück eine Ergänzung des Kleiderschranks oder ist es doch ein Impuls- bzw. Frustkauf, mit dem ein bestimmtes Gefühl sozusagen weggekauft werden soll? Ein Kick, der nur kurzzeitig anhält!

Nunu Kaller ist zufriedener mit gemäßigtem Konsum.
Nunu Kaller ist zufriedener mit gemäßigtem Konsum.
- Florian Waitzbauer

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