Letztes Update am So, 23.11.2014 06:29

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Schönheitsideale

Ideale Schönheit im Web 2.0

Schönheitsideale werden seit jeher von den Medien über Bilder transportiert. Durch das Internet verbreiten sich Trends schneller, digitale Bildbearbeitung kann unrealistische Vorstellungen schaffen. Eine Studie zeigt, wie sehr die Online-Welt den Sinn für Attraktivität gleichschaltet.

© EPADer volle Kussmund von Hollywood-Star Angelina Jolie entspricht einem gängigen Schönheitsideal.



Ende der 1950er Jahre verkörperte Marilyn Monroe das Idealbild einer schönen Frau. Sie trug Kleidergröße 42. In den Siebzigern wurde die androgyne Twiggy zum Schönheitsideal der Generation. Kate Moss dominierte die 90er. Heute, im Internet- und Photoshop-Zeitalter, kann sich im Prinzip jeder sein Schönheitsideal selbst zimmern: die vollen Lippen von Schauspielerin Angelina Jolie und die balkigen Augenbrauen von Supermodel Cara Delevingne zum Beispiel. Der kleinste gemeinsame Nenner bleibt: dünn sein.

Wie sehr allein der Internetzugang die Prägung des Schönheitsideals beeinflusst, zeigt eine Studie um Carlota Batres von der schottischen St. Andrews University, die im Juli im Wissenschaftsjournal PLoS One publiziert wurde. Zwei Personengruppen im Alter von 18 bis 25 Jahren wurden dafür im mittelamerikanischen Entwicklungsland El Salvador befragt. Eine hatte Internetanschluss, die andere war „offline“. Alle mussten 30 Bildpaare ähnlicher – mittels digitaler Bildbearbeitung minimal veränderter – Porträts hinsichtlich ihrer Attraktivität beurteilen. Das Ergebnis überraschte die Forscher: Die Studienteilnehmer ohne Internet fühlten sich von jenen Männerbildern mehr angezogen, die weichere, femininere Gesichtszüge zeigten.

Interessantes Detail: Der Großteil der „Offline“-Teilnehmer besaß auch keinen Fernseher und kam aus eher ländlichen Gegenden mit mehr Kriminalität. Bei den Frauenbildern waren die Ergebnisse hingegen erwartungsgemäß: Wie bereits in früheren Studien bevorzugten die Probanden aus den ärmlicheren Gegenden vollere Frauengesichter, weil sie als gesünder wahrgenommen werden.

Die Forscher erklären die Resultate damit, dass Menschen ohne Internet – und ohne Fernseher – logischerweise weniger dem Einfluss von Medien ausgesetzt sind, die über Werbung, Webseiten, TV-Shows und Filme bestimmte Schönheitsideale transportieren: Maskulinität bei Männern, Femininität und niedriges Gewicht bei Frauen. Weibliche Filmhauptrollen seien dazu meist mit Frauen besetzt, die einen niedrigen Body-Mass-Index aufweisen. Wer mit diesen Schönheitsidealen konfrontiert sei, würde Verhalten und Vorlieben eher verändern.

Die Hälfte der 15-Jährigen findet sich zu dick

Diesen Trend bestätigt auch Johanna Zierl, Psychotherapeutin bei „intakt“, einem Therapiezentrum für Menschen mit Essstörungen in Wien. „2013 wurde in einer Meta-Analyse von 33 Studien gezeigt, dass Medienkonsum von Bildern, die das Schönheitsideal zeigen, zu einer größeren Körperunzufriedenheit und zur Störung des Essverhaltens führen“, betont sie die Gefahren des unkritischen Medienkonsums. Selbstwahrnehmung und Realität würden nur allzu oft auseinanderklaffen, zitiert Zierl eine Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von 2012: „Bei einer Umfrage zur gewichtsbezogenen Selbstwahrnehmung glaubten 50 Prozent der 15-jährigen österreichischen Mädchen, zu dick zu sein, obwohl nur 11 Prozent tatsächlich übergewichtig waren.“

Zierl beobachtet, dass durch das Zeitalter der sozialen Netzwerke wie Facebook oder den Online-Fotodienst Instagram der persönliche Kontakt und die persönliche Rückmeldung zurückgedrängt werden. „Die hübsche beste Freundin hat bestimmt auch Ecken und Kanten oder einmal einen schlechten Tag. Die Facebook- oder Instagram-Accounts von Supermodels suggerieren hingegen, dass sich das Leben einzig um das Aussehen dreht und es jeder schaffen kann, fantastisch auszusehen und damit glücklich zu sein. Es geht sehr schnell, Bilder werden geliked oder eben nicht und damit bewertet.“

Die Hemmschwelle, durch gezielte Maßnahmen den Körper zu verändern, werde immer niedriger. Dies sei nicht nur bei jungen Frauen so, sondern bereits bei Kindergartenkindern. Bei Frauen ab 50 hat das Phänomen sogar einen Namen: „Desperate Housewives“-Effekt nach der gleichnamigen TV-Serie mit den perfekt gestylten Hausfrauen als Hauptdarstellerinnen. „Die Werbung suggeriert, dass man auch mit 50 wie eine 30-Jährige aussehen sollte. Auch das Konkurrenzdenken spielt eine Rolle. Das erzeugt Druck“, erklärt sie.

Die Medien verteufeln will Zierl, die selbst für Frauenmagazine gearbeitet hat, aber nicht. Ihr Anliegen ist es, zu einem verantwortungsvollen und kritischen Umgang damit zu motivieren. Konsumenten sollten die Entstehung von Bildern hinterfragen. Für das Therapiezentrum „intakt“ hat sie dafür im Oktober die Initiative „Liebe dich, so wie du bist“ mit Laienmodels gestartet. „Die Kampagne ist sehr erfolgreich. Ein Kritikpunkt war allerdings, dass die Frauen auf den Plakaten sehr hübsch sind. Wir sehen in unserem Therapiezentrum viele Frauen, die für andere sehr schön sind, aber sich selbst und ihren Körper ablehnen. Die Frauen auf unseren Sujets lieben sich selbst und sind deshalb schön“, erklärt sie.

„Schönheit ist auch demokratischer geworden“

Der Kärntner Schönheitschirurg Peter Durnig wird in seinem Beruf immer wieder mit den Einflüssen des Internets konfrontiert: „Trends kommen schneller in Umlauf und die Bilder sind überarbeitet. Doch durch das Internet ist Schönheit auch demokratischer geworden. Man kann vieles schön finden. Die jüngeren Patienten haben ein sehr breites Wissen. Sie fragen aber auch oft nach ganz neuen Sachen aus dem Internet, von denen man noch gar nicht weiß, ob sie sich bewähren werden.“ Früher sei das Schönheitsideal ein Gesamtkunstwerk gewesen, heute wolle man eher „die Nase von dieser und die Lippen von jener“. Die Lippen von Angelina Jolie würden z. B. öfter nachgefragt. Durnigs Patientenkreis wird breiter – jünger und älter. Vor allem die prophylaktischen Botox-Injektionen würden im Trend liegen: „Patienten wollen sich jugendlich halten. Die Brustvergrößerung zum 16. Geburtstag ist hier hingegen kein Thema“, sagt er. Es gebe aber auch Unterschiede bei den Generationen. Bei den Augenbrauen beobachtet er zum Beispiel, dass ältere Frauen eher einen rundlichen Bogen wie Greta Garbo wünschen, die 40- bis 50-Jährigen eine nach oben hin ansteigende Braue, wie sie Supermodel Gisele Bündchen hat, und die Jungen den Balken von Cara Delevingne bevorzugen. Über das Internet werde auch vermehrt ein angelsächsisches Schönheitsideal verbreitet. Der Unterschied sei aber: „In den USA ist man stolz, zu zeigen, dass man sich eine Operation leisten kann. In Europa steht man auf Natürlichkeit. Die Schauspielerin Renée Zellweger wäre in Europa wahrscheinlich nie so verändert worden wie in den USA, wobei man allein von den Bildern ausgehend nicht genau sagen kann, was bei ihr tatsächlich alles gemacht worden ist“, erklärt der Experte. Durnig streicht hervor, dass nicht alles machbar und auch sinnvoll ist. „Bei Bildvorlagen sind Licht und Perspektive häufige Probleme. Auch die Individualität hat einen großen Stellenwert. Nicht jede Nase passt in jedes Gesicht. Proportionen haben schon in der Antike eine große Rolle gespielt“, gibt er zu bedenken. Attraktivität bedeutet für ihn „optisch ansprechend“, Schönheit gehe „viel tiefer“. Als Arzt freue es ihn, dies unterstützen zu können. Viele Frauen würden nach einem Eingriff so viel Selbstbewusstsein gewinnen, dass sich ihr ganzes Auftreten verwandle, „wie von der Puppe in einen Schmetterling“.

„Victoria‘s Secret“ am Pranger

Das Selbstwertgefühl ist auch für die Salzburger Erziehungswissenschafterin Martina Guggenbichler und die Fotografin Linda Leitner entscheidend, wenn es um die Wirkung medialer Bilder geht: „Es ist eine Tatsache, dass jedes Bild bearbeitet ist. Dessen muss man sich bewusst sein. Die Bilderflut beeinflusst die Selbstwahrnehmung. Es kommt auf das eigene Selbstwertgefühl an, wie man damit umgeht.“ Auch Guggenbichler selbst erwische sich ab und zu beim Bewundern eines unrealistischen Bildes, sagt sie. Negativbeispiel sei laut Leitner die aktuelle „Victoria’s Secret“-Werbung, die mit extrem schlanken Models und dem Slogan „The perfect body“ – der perfekte Körper – warb. Erst nachdem sich 26.000 Menschen mit einer Online-Petition darüber empörten und der Konkurrent „Dear Kate“ eine Gegenkampagne mit unterschiedlichen Frauenfiguren und demselben Slogan lancierte, änderte „Victoria’s Secret“ den Spruch. Die US-Ausgabe des Modemagazins Vogue habe hingegen ein positives Zeichen gesetzt: „Die US-Vogue ist Spitzenreiter bei den Size-Zero-Models. Jetzt gibt es zum ersten Mal eine Kampagne mit Models mit ,normalen’ Körpern’“, freut sich Guggenbichler. (Theresa Mair)

Ideale Schönheit im Web 2.0
1.

Testpersonen verglichen in El Salvador die Attraktivität bei 30 computergenerierten Bildpaaren, die fast identische Männer- und Frauengesichter zeigen. Feine Unterschiede liegen in den Gesichtszügen, die Femininität oder Maskulinität anzeigen, und auch im Gewicht. Das Resultat: Jene Teilnehmer, die regelmäßig „online“ sind, bevorzugten mehrheitlich die maskulineren Männer mit größerem Kopf und die schlankeren Frauen, wie sie auf dem abgebildeten Beispiel jeweils links dargestellt sind. Salvatorianern ohne Interneterfahrung gefielen femininere Männer und vollere Frauengesichter besser – so wie die Abbildungen rechts zeigen.

2.

Mit der Kampagne „Liebe dich selbst“ (r.) will das Therapiezentrum „intakt“ auf die Gefahr, die durch unkritischen Konsum unrealistischer Ideale entsteht, hinweisen.

Vier Schönheitstrends aus dem Netz

1.

Caras Finger. Bastle dir deinen Körper, wie er dir gefällt, ist die Devise. Auf Twitter haben Fans von Cara Delevingne für einzelne Körperteile des Models bereits eigene Fanseiten erstellt. Wer will, kann jetzt über Caras Finger, ihre Thigh Gap und ihre rechte oder linke Augenbraue kommunizieren.

2.

Fettpölster „wegfrieren“. Die Methode sei vielversprechend, habe aber ihre Grenzen, sagt der Experte für ästhetische Chirurgie Peter Durnig. Eine Maschine kühle dabei das Gewebe ab, die Durchblutung zu den Zellen werde reduziert und dadurch maximal 25 
Prozent der Fettzellen abgebaut.     

3.

Lückenhaft. Die Thigh Gap, eine Lücke zwischen den Oberschenkeln bei geschlossenen Beinen, wird seit Monaten im Internet gehyped. Experten warnen, dass der Trend ein unnatürliches Körperbild zeige und zu Essstörungen führen 
könne. Ein weiterer gefährlicher Magertrend ist die so genannte Bikini-Bridge: Das Höschen spannt sich im Liegen wie eine Brücke zwischen den Beckenknochen. Schönheits-Experte Durnig hat von beiden Trends „immer mal wieder gehört“. Eine „massive Nachfrage“ kann er in der Praxis nicht bestätigen.

4.

Pamela Anderson für eine Nacht. Eine große Oberweite verspricht Kochsalzlösung, die – in die Brust gespritzt – 24 Stunden lang hält und sich dann wieder abbaut. Sinnvoller für Frauen, die sich ernsthaft Gedanken über eine Brustvergrößerung machen, ist laut dem Experten Peter Durnig eine 3D-Simulation, bei der man sich ein Bild vom Ergebnis machen kann.