Letztes Update am Di, 31.05.2016 08:40

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Täglich zu Tisch mit dem Kapitän

Entschleunigung, Ruhe, Exklusivität der etwas anderen Art. Eine Fahrt mit dem Frachtschiff kann zum Erlebnis werden. Reisende schwärmen vom Leben an Bord in gut ausgestatteten Kabinen, mit traumhaften Fotomotiven und viel Kontakt zur Besatzung.

© Frachtschiffreisen PfeifferDer Horizont ist das Ziel. Frachtschiff auf der Fahrt über ein spiegelglattes Meer.



Wem ohne Halligalli und Rund-um-die-Uhr-Animation schnell fad wird, also fad mit sich selbst, für den ist diese Art des Reisens sicher nichts. Wer sich fernen Ländern und Des­tinationen hingegen langsam, in fast meditativem Tempo annähern will, findet auf solchen Großvehikeln vielleicht die Erfüllung: auf Frachtschiffen. Mit den Ozeanriesen werden nicht nur tonnenweise Container und Waren über die Meere geschippert; viele bieten auch eine Mitfahrgelegenheit für Reisende.

Eckhard Reeh ist Dauergast auf Linienschiffen. Schon 26-mal ist der Deutsche mit einem solchen Transportmittel in See gestochen. Sämtliche Fahrten zusammengezählt, hat er 300 Tage an Bord verbracht. Reehs längste Tour dauerte vier Wochen. Er ist vom Reisen auf Frachtschiffen derart begeistert, dass er alle Welt daran via Internet teilhaben lässt (www.meine-frachtschiffreisen.de).

Rendezvous mit Delfin und Wal

Nah dran am wirklichen Leben an Bord: So könnte man Herrn Reehs Faszination für Urlaub auf dem Frachtschiff beschreiben. „Man kann sich auf dem Schiff frei bewegen, erlebt die See ganz nah und kommt in Kontakt mit Seeleuten aus der ganzen Welt“, berichtet Reeh der Tiroler Tageszeitung. Dazu kommen viel Ruhe, um Bücher zu lesen, und fast schon kitschig intensive Sonnenuntergänge. Die Fotomotive gehen dem Hobbyfotografen nicht aus. Delfine und Wale hat er mehrmals vor die Linse bekommen.

Tafeln mit der Crew. Passagiere und Besatzung essen dreimal täglich zusammen.
- Frachtschiffreisen Pfeiffer

Auf ein Kreuzfahrtschiff würde Reeh nicht wechseln wollen. „Dort sind Tausende Menschen, es gibt permanent Action und eine Massenabfertigung in den Häfen – das ist ganz sicher nichts für mich, letztlich ist es aber wohl eine Geschmackssache.“ Auch vom Meer selbst bekomme man auf kommerziellen Luxuslinern wenig mit, findet Reeh. „Gefahren wird ja vor allem nachts.“

Hart ist das Leben an Bord eines Frachters bei Wind und Wetter. Die Gästekabinen hingegen präsentieren sich meist sehr komfortabel in luftiger Höhe über dem Laderaum, bestehen aus zwei Zimmern mit Bad und bestem Blick aufs Meer.

Zufall ist das keiner. Denn die Unterkünfte werden eigentlich für die Chefs höchstselbst gebaut und eingerichtet. „Sie heißen daher auch ,Eignerkabinen‘“, erzählt Nina Pfeiffer. Weil Schiffseigner aber nur selten an Bord gehen, werden ihre Kabinen an Passagiere weitervermietet. Das ist auch das Kerngeschäft von Frau Pfeiffer: Sie betreibt eine Reiseagentur in Wuppertal (Nordrhein-Westfalen) und vermittelt Plätze auf Frachtschiffen.

Je nach gewähltem Frachter und Route schlägt sich eine Passage für einen Alleinreisenden mit Kosten von 90 bis 120 Euro pro Tag zu Buche. Das ist zweifellos nicht ganz billig. Man erhält dafür aber eine weitgehend exklusive Reise. Mehr als zwei, drei Kabinen sind für Externe nämlich selten verfügbar. Auch die Crew braucht ja Platz zum Schlafen.

Riese auf dem Ozean. Fast 400 Meter lang ist dieser Frachter. Passagiere wohnen in der Etage gleich unter der Kommandobrücke.
- MA CGM Marco Polo

Vollpension ist inbegriffen und Familienanschluss garantiert. Gemeinsam mit Kapitän und Mannschaft wird gegessen, oder nach Feierabend noch bei einem Gläschen zusammengesessen. Im Trinkbehältnis befindet sich jedoch meist kein Alkohol. Flüssiges dieser Art ist auf vielen Schiffen verboten, seit es auf See immer wieder zu Zwischenfällen gekommen ist, sozusagen Trunkenheit am Schiffssteuer. Frau Pfeiffers Kunden, pro Jahr sind es etwa 1000, blieben vor solchem Unheil bisher aber verschont.

Destinationen fast überall

Rundfahrten von der Nord- in die Ostsee bis St. Petersburg, Finnland und Schweden; hinauf in den hohen Norden ans Nordkap; auf die Kanarischen Inseln, weiter nach Afrika oder gleich ganz über den großen Teich nach Amerika: Viele Winkel der Welt lassen sich mit Frachtschiffen erreichen. Ausgangspunkt ist meistens Hamburg oder Bremerhaven. Für Tiroler würde sich aber auch das deutlich nähere Genua als Startpunkt anbieten.

Mitbringen sollte man genügend Zeit und Muße. Denn eine solche Fahrt folgt ihren eigenen Regeln. „Als Passagier ist man wortwörtlich Gast und muss sich dem Alltag an Bord unterordnen“, sagt Pfeiffer. Die Crew sieht Touristen jedoch als willkommene Abwechslung. „Die Besatzung freut sich darüber, dass sich jemand für ihre Arbeit interessiert.“ Natürlich dürfen Fahrgäste auch hinein ins Allerheiligste eines Frachtschiffes: die Kommandobrücke. Von hier aus werden die oft Hunderte Meter langen Containerschiffe manövriert, ihrem Zielhafen entgegen.

Nur wenige Gästekabinen gibt es an Bord eines Frachters. Die Ausstattung kann sich sehen lassen.
- Frachtschiffreisen Pfeiffer

Dort angekommen, sind Landgänge möglich. Die Dauer hängt davon ab, wie lange das Be- oder Entladen des Schiffes benötigt. „Da muss man zeitlich flexibel sein“, betont der weitgereiste Eckhard Reeh. Abfahrtszeiten könnten sich auch einmal ändern, was berufstätige Reisende vor Probleme stellen kann. Jüngere Menschen würden daher wohl Kreuzfahrtschiffe vorziehen.

Bei Reisen auf Frachtschiffen gilt die – oft zitierte – Genussformel wirklich: Der Weg ist das Ziel. (Markus Schramek)