Letztes Update am So, 29.01.2017 15:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Manchester : Gelegenheit macht Liebe

Das Wetter ist schlimm, das Essen arg, die Freundlichkeit der Bewohner bescheiden und die Preise unverschämt. Wer den Wert solcher Vorurteile selbst checken will, sollte die Gelegenheit, England zu bereisen, nutzen. Eine Gelegenheit, aus der eine Liebe zu England werden kann.

Englischer Rasen und viel Kohle, Teil 1: Ein sechs Quadratkilometer großer Park umschließt das Lyme-Herrenhaus, erbaut von Kohlebaronen in Mittelengland.

© FuiszEnglischer Rasen und viel Kohle, Teil 1: Ein sechs Quadratkilometer großer Park umschließt das Lyme-Herrenhaus, erbaut von Kohlebaronen in Mittelengland.



Fußball, stattliche Herrenhäuser, beeindruckende Parkanlagen, imposante Kirchen, spannende Museen (auch rund um König Fußball), historische Städte da und revitalisierte Stadtzentren dort, düsterer Nebel und milder Sonnenschein; und Fußball natürlich – das ist England. Aber natürlich ist nicht ganz England so. Hier geht es um die Fußball-Hauptstadt Europas, um Manchester und seine Umgebung.

In seinen mehr als 100 Länderspielen erzielte Manchesters Stürmer-Ikone Wayne Rooney im Durchschnitt alle 210 Minuten ein Tor. Das ist für einen angehenden Alt-Star nicht schlecht – für einen modernen Reisenden allerdings doch lähmend lang: In 140 Minuten fliegt man von Innsbruck-Kranebitten nach Manchester, fährt in nur 15 Minuten mit der Bahn ins Zentrum und kann schon 160 Minuten nach dem Start in einem der legendären Pubs vor Anker gehen.

Im Briton’s Protection an der Great Bridgewater Street zum Beispiel. Da könnte die Tour der Aha-Erlebnisse beginnen: Das Ale – das britische Synonym für Bier – ist tot, es lebe das Bier. Im Briton’s Protection gibt’s jede Menge sehr guter Biere – die als Ale zu bezeichnen eine Beleidigung wäre – und mehr als 200 Whiskys.

Englischer Rasen und viel Kohle, Teil 2: 75.000 Fans schauen im Old Trafford auf die Spieler von Manchester United, dem reichsten Verein der Welt.
Englischer Rasen und viel Kohle, Teil 2: 75.000 Fans schauen im Old Trafford auf die Spieler von Manchester United, dem reichsten Verein der Welt.
- Fuisz

In dem vielfach ausgezeichneten Lokal endet auch das Märchen vom grausamen britischen Essen, das außer „fish ’n’ chips“ nicht viel zu bieten hätte: Wildschweinpasteten, Hasenrücken in Weinsauce, Pilzpasteten und eine Reihe weiterer Köstlichkeiten lassen Leib und Seele schon am Anreisetag lachen. Und wenn man das Briton’s Protection erst einmal gefunden hat, kennt man auch schon die Gegend zwischen der City, dem Rochdale Canal und dem River Medlock, jener Region also, in der man sich für künftige Abenteuer vernünftig stärken kann.

Wer (nicht nur) wegen des Fußballs nach England reist, sollte den Begriff der „Englischen Woche“ kennen: Gespielt wird am Mittwoch, am Samstag und am Sonntag. An diesen „Englischen Wochentagen“ herrscht Ausnahmezustand – aber an den spielfreien Wochentagen kommt in Manchester und Umgebung auch keine Langeweile auf. So lockt Fußballfans sicher das „National Football Museum“.

Das nach Meinung seiner Macher „größte und beste Fußballmuseum der Welt“ bietet in einem gläsernen Hochhaus faszinierende Blicke auf die Geschichte des Fußballsports, eine Pokalsammlung, interaktive Spielereien (Elfmeterschießen etc.), historische Filme – und das alles bei freiem Eintritt an sieben Tagen der Woche.

Hier irrt Herr Boateng

Da fragt man sich doch tatsächlich, was jener zumindest in Fußballerkreisen bekannte Jerome Boateng gemeint hat, als er nach seiner Zeit bei Manchester City ätzte: „In England ist alles schlecht, sogar das Wetter.“ Da gebührt diesem Herrn Boateng, der bisher mehr Rote Karten gesammelt als Tore geschossen hat, doch glatt noch ein Platzverweis.

Und wenn man schon im Zentrum Manchesters – einer Metropole zwischen industrieller Tradition und Moderne – unterwegs ist, sollte man noch am Rathaus vorbeischlendern, die gotische Kathedrale besuchen oder das Museum für Kunst und Industrie – bevor man zu einem Ausflug in die Stadt der Erzrivalen von Manchester United, nach Liverpool, startet.

In den Pubs von Manchester stimmen sich die Fans mit mehr oder weniger deftigen Liedern auf das Match ein.
In den Pubs von Manchester stimmen sich die Fans mit mehr oder weniger deftigen Liedern auf das Match ein.
- Fuisz

Eine gute Autostunde westlich von Manchester lockt Liverpool und dort vor allem der historische Teil der Hafenstadt, die Docks, die seit 2004 Weltkulturerbe sind.

Drei wuchtige Bauwerke, die aus schwer verständlichen Gründen als die „Drei Grazien“ bezeichnet werden, beherrschen das Bild, in das sich schrill moderne Betonklötze wie das Museum of Liverpool mischen. Vor einer der „Grazien“, dem Port of Liverpool Building, findet man einen tonnenschweren Denkanstoß, was in Liverpool (außer Fußball) noch gespielt wird: Vor einem Jahr wurde hier das Beatles Monument aufgestellt, von dem es zu Fuß in nur wenigen Minuten zum Albert Dock und dem darin untergebrachten Beatles Museum geht.

Zeitreise nach Yesterday

Für erlebbare Erinnerungen an „Yesterday“, „Let it Be“ oder „Yellow Submarine“ werden stolze 14 Pfund verlangt – aber ein Besuch des Museums ist eine nette Einstimmung, bevor man in den Cavern Club, drei Stockwerke unter der Mathew Street Nummer 10, eintaucht. Nach ihrem ersten Auftritt im Jahr 1961 spielten die Beatles bis 1963 allein im legendären Cavern Club 292-mal.

Jeder weiß, wo New York ist – aber wo ist das alte York? Rund 120 Kilometer östlich von Manchester liegt jene 2000 Jahre alte Stadt, die dem neuen York in Amerika den Namen gab: 1664 erkämpfte die Royal Navy das damalige Nieuw Amsterdam von den Holländern und benannte es zu Ehren des damaligen Herzogs von York New York.

Im Eisenbahnmuseum von York findet man die erste Dampflok, die ab 1830 zwischen Liverpool und Manchester verkehrte.
Im Eisenbahnmuseum von York findet man die erste Dampflok, die ab 1830 zwischen Liverpool und Manchester verkehrte.
- Fuisz

Damit ist über die historische Bedeutung der 140.000-Einwohner-Stadt schon viel gesagt: Es gibt eine intakte Stadtmauer, die größte mittelalterliche Kathedrale (zweimal so groß wie ein Fußballfeld) und viele Kilometer der legendä­ren Snickelways: enge Gassen, deren bis zu 1000 Jahre alte Fachwerkhäuser mit überhängenden Obergeschoßen die wahrscheinlich schönste englische Altstadt bilden.

Mit mehr als einer Million Besucher pro Jahr ist das National Railway Museum in York auch nicht gerade ein Ort der Stille – aber ein absolutes Muss für jeden Besucher der Region. Das Eisenbahnmuseum (Eintritt frei) in der Heimat des legendä­ren Eisenbahnbauers George Stephenson zeigt in mehreren Hallen 100 Lokomotiven und 200 Schienenfahrzeuge, darunter zum Beispiel mehrere Salon-Waggons des Britischen Königshauses. Unter den Gustostückerln findet man die legendäre Mallard-Dampflok, die mit 204 Stundenkilometern den „ewigen Weltrekord“ für Dampflocks hält, oder auch die Rocket, die schon 1830 Züge zwischen Manchester und Liverpool hin- und herzog. Die Rocket, das Zugfahrzeug der ersten „Holzklasse“ für mutige Reisende, wurde übrigens 1923 mit Buster Keaton in der Stummfilm-Western-Komödie „Verflixte Gastfreundschaft“ weltweit bekannt.

Mittel-England verdankte seinen einstigen Reichtum vor allem dem damals wichtigsten Energielieferanten – der Kohle. Wobei natürlich nur ein kleiner Kreis politischer Günstlinge mit der Kohle richtig Kohle machte. So lebte zum Beispiel die Familie Leigh im sechs Quadratkilometer großen Lyme Park (so groß wie das Gemeindegebiet von Lans) so gut, dass sie mit dem Geld aus dem „schwarzen Gold“ neben einem beeindruckenden Herrenhaus sogar ein eigenes Privatgefängnis für widerborstige Angestellte bauen konnte. Mit der Entwertung der Kohle ging die Familie, die seit Generationen nichts anderes konnte als Politisieren, pleite und schenkte ihr Anwesen dem National Trust. Diese Stiftung erhält nun Lyme House und den Park. Sehenswert – und nur rund 40 Kilometer südlich von Manchester.

Anpfiff

Den Begriff der „Englischen Woche“ kennen wir ja bereits. An Spieltagen kann man ihn auch erleben: Wenn Manchester United spielt, wird ein Spaziergang durch die Stadt zum Slalom zwischen Fanartikel-Händlern, in den Pubs (auch in den vornehmen) wird darauf hingewiesen, dass Bier ganztägig nur in Plastikbechern ausgeschenkt wird, und vor den Stammlokalen der echten Fans bilden sich Warteschlangen von United-Anhängern, die sich Stunden vor jedem Spiel mit mehr oder weniger deftigen Liedern auf das Match im Old Trafford Stadion einstimmen. Was die angeblich so kühl-distanzierten Briten hier aufführen, könnte man ohne Zweifel als total abgefahrenes Saufgelage einer grölenden Horde abtun (was es ja auch ist) – man muss den englischen Fans aber zugutehalten, dass sie den Grad ihrer Alkoholisierung so dosieren, dass sie lustig sind – aber nicht angriffslustig: Unsicherheit oder das Gefühl, bedroht zu sein, gibt es weder vor und schon gar nicht im Stadion.

Beeindruckend ist auch, wie das 75.000 Besucher fassende Old-Trafford-Stadion von Manchester United (das Stadion des Stadtrivalen Manchester City fasst 55.000 Fans) in wenigen Minuten bis auf den letzten Platz besetzt – und nach Spielende auch innerhalb weniger Minuten wieder komplett verlassen ist. Eindrücke, die zu erleben und zu genießen man kein Fußball-Fanatiker sein muss, die aber eine Reise in die Mitte Englands zu einem ganz besonderen Erlebnis machen können. (Stefan Fuisz)

Im Eisenbahnmuseum von York findet man die erste Dampflok, die ab 1830 zwischen Liverpool und Manchester verkehrte.
Im Eisenbahnmuseum von York findet man die erste Dampflok, die ab 1830 zwischen Liverpool und Manchester verkehrte.
- Fuisz