Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 23.08.2017


Reise

Osttiroler Radfamilie: Mit dem Kinderfahrrad auf großer Tour

In den vergangenen Wochen hat die Osttiroler Radfamilie Kanada erfahren – und das buchstäblich. Seit Kurzem sitzt auch der fast sechsjährige Ben fest im Sattel: Er bekam ein eigenes Rad. Demnächst führt die Reise in die USA.

Peter (2. v. l.) und Petra (2. v. r.) mit ihren Kindern Ben und Esmé sowie holländischen Freunden in Calgary.

© Petra StrangerPeter (2. v. l.) und Petra (2. v. r.) mit ihren Kindern Ben und Esmé sowie holländischen Freunden in Calgary.



Von Claudia Funder

Außervillgraten, Kanada – Acht Monate sind Petra Stranger, Peter Van Glabbeek und ihre Kinder Ben und Esmé, die vor ihrer Radtour durch Amerika in Außervillgraten lebten, bereits in Übersee unterwegs. Sie reisten durch vier Staaten und haben dabei mit Muskelkraft stolze 8200 Kilometer abgespult. „Wir haben bereits so viel erlebt, einfach unglaublich“, schwärmt Petra mit Zwischendurch-Blick zurück. „Und wir trafen zahlreiche hilfsbereite, freundliche Menschen – überall. Kein einziges Mal haben wir uns unsicher oder unwohl gefühlt.“

In den vergangenen Wochen wurde Kanada intensiv erkundet. Start war in Vancouver. Highlight der Tour: der 232 Kilometer lange Icefields Parkway, Kanadas Traumroute, die zwischen Banff und Jasper verläuft. Derzeit radelt das Quartett von Calgary Richtung Süden – gemeinsam mit holländischen Freunden, die die Familie ein Stück des Weges begleiten wollen.

Ben ist stolz auf sein eigenes Rad und den neuen Helm.
Ben ist stolz auf sein eigenes Rad und den neuen Helm.
- Petra Stranger

Kräftig in die Pedale zu treten, ist längst zur alltäglichen Normalität geworden. „Radfahren ist nicht mehr anstrengend – auch nicht bei Regen oder Hitze oder über einen steilen Pass in den Bergen“, erzählt Petra. Und mittlerweile ist auch Ben, der im September sechs Jahre alt wird, auf den Geschmack gekommen. Monatelang im Weehoo-Radanhänger mitgereist, wünschte er sich ein eigenes Rad. „Wir waren erst skeptisch“, erinnert sich Pe­tra. Mehrere Stunden pro Tag auf dem Sattel zu sitzen, schien doch ein großer Kraftakt zu sein. Die perfekte Lösung fand man dann aber in einem so genannten FollowMe-Kinderfahrrad, das mit spezieller Kupplung bei Bedarf an Peters Rad angehängt werden kann. Am meisten Spaß hat Ben freilich, wenn er selbst fahren darf. „Er schafft bis zu 30 Kilometer am Tag, das hätte ich mir nie gedacht“, staunt Petra über Kondition und „Biss“ des Juniors. „Ich bin froh, dass ich jetzt ein eigenes Fahrrad habe und möchte es viel benutzen“, sagt Ben. Er liebt die Farbe – und natürlich die knallgelbe Bärenglocke, die unterwegs jemand verloren haben dürfte. Nun ist sie unter Bens Sattel montiert, das Klingeln soll Bären abschrecken. Zu Gesicht bekam die Familie übrigens bereits mehr als ein Dutzend dieser pelzigen Raubtiere und wusste sich bei Begegnungen stets richtig zu verhalten.

Von Kanada mit seiner facettenreichen Natur ist die Familie begeistert: „Es ist wunderschön hier.“ Vergleichsweise eintönig gestaltet sich hingegen die Kost, die man zu sich nimmt: Müsli, Brot, Erdnussbutter, Obst, Nudeln und Gemüsesauce. „Wir essen immer das Gleiche“, berichtet Petra. „Langweilig, aber Lebensmittel sind hier extrem teuer.“ In den Bergen gab es Bäche und Flüsse, aus denen man trinken konnte. Im Flachland nicht. „Wir fragten am Abend in Häusern nach Wasser“, erzählt Petra. „So lernten wir viele Einheimische kennen und durften auch in Gärten schlafen.“ Eine der besonderen Begegnungen war die mit der Inuit-Frau Jessie, die viel über Leben und Herkunft erzählte.

Inuit-Frau Jessie mit Ben und Esmé – eine von vielen Begegnungen, die in Erinnerung bleiben.
Inuit-Frau Jessie mit Ben und Esmé – eine von vielen Begegnungen, die in Erinnerung bleiben.
- Petra Stranger

Apropos Herkunft: Drückt die Radfamilie mittlerweil­e manchmal das Heimweh? „Nicht wirklich“, antwortet Petra. „Über Internet kann man gut mit der Familie und Freunden zu Hause Kontakt halten.“ Gedanklich ist man ohnehin schon beim nächsten Ziel: In zwei Wochen geht es in die USA. „Wir haben ein sechsmonatiges Visum, aber es kann sein, dass uns bei der Grenze nur drei Monate gewährt werden. Das wird noch spannend“, ergänzt Petra.

Ob es klappt und was die vier in den USA erleben: Wir werden die TT-Leser weiterhin auf dem Laufenden halten.

Im Schlepptau unterwegs: Mit einer speziellen Kupplung lässt sich Bens Fahrrad bei Bedarf an jenes von Peter anhängen.
Im Schlepptau unterwegs: Mit einer speziellen Kupplung lässt sich Bens Fahrrad bei Bedarf an jenes von Peter anhängen.
- Petra Stranger