Letztes Update am Fr, 29.09.2017 08:15

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Südkorea

Wo die Erste Welt noch exotisch ist

Immer wieder dominiert Nordkorea die Medien. Dabei wartet knapp südlich der Grenze das bunte, friedliche Sokcho förmlich darauf, entdeckt zu werden,

© iStock Typischer Tempel: Der buddhistische Naksan-Tempel liegt auf halber Strecke zwischen Sokcho und Yangyang.



Sokcho gehörte bis vor dem letzten Krieg noch zu Nordkorea. Allein dieser eine Satz schafft jede Menge Bilder im Kopf – doch sie gehen alle an der Realität vorbei. Wieso dann dieser Einstieg in einen Text, der von einer der schönsten Gegenden Südkoreas handelt? Eine Region, in der steile, grün, rot und gelb bewachsene Berge aus goldenem Granit bis kurz vor das Ostmeer im Pazifik reichen? Ein Landstrich, der infrastrukturell alles zu bieten hat und dennoch weit weg ist von den Megacities Asiens? Nun, weil dieser Satz die Probleme verdeutlicht, unter denen der Ruf dieses ganzen schönen, sicheren und erstaunlich exotischen Landes leidet.

Wer nach Südkorea reisen möchte, kann sich darauf gefasst machen, regelmäßig mit Phrasen konfrontiert zu werden. Erstens so etwas wie: „Braucht ihr ein neues Samsung oder einen Kia?“ Oder, zweitens: „Na, solange ihr nicht nach Nordkorea geht!“ Die koreanische Halbinsel zwischen Japan und Nordchina wird allzu oft auf diese beiden Faktoren reduziert: Auf die menschenverachtende, atombombensüchtige Diktatur des Kim-Klans im Norden sowie auf südkoreanische Industrieprodukte.

Durch Schluchten wandert man durch den Seoraksan-Nationalpark.
- Eberhard

Doch ausgerechnet dieses dicht bevölkerte Erste-Welt-Land hat mit Ecken wie Sokcho noch das echte Asien zu bieten – in atemberaubender Landschaft. Denn obwohl Sokcho mit seinen 90.000 Einwohnern für koreanische Verhältnisse ein Dorf ist, bietet die Hafenstadt Langnasen aus dem Westen mit quirligen Märk­ten und Streetfoodmeilen Exotik pur. Das bestätigen Zuzanna und Odrej, ein tschechisches Paar, das noch wenige Tage zuvor in Japan war. „Hier gibt es noch viel mehr Leben und sogar noch ein wenig Unordnung auf den Straßen“, sagen sie. „In Japan ist alles aufgeräumt, hier herrscht zwar meistens Ordnung, aber es gibt auch noch ein bisschen Trubel.“

Einige Wegweiser sind auch für Nicht-Koreaner zu verstehen.
- Eberhard

Doch der Star der Gegend liegt im Hinterland: der Seoraksan-Nationalpark. Vor allem im Herbst bietet er Wanderern und Kletterern eine Kulisse der Extraklasse. Die Gipfel der steilen Berge ragen bis zu mehr als 1700 Meter hoch in den Himmel. Zwischen ihnen donnern Wasserfälle in enge, über die Jahrtausende ausgespülte Täler. Diese wiederum sind von Tempeln und Schreinen gespickt.

Vor dem Wandern steht jedoch das Organisieren in Sokcho. Das sollte dank Busverbindungen in den Park im 20-Minuten-Takt sowie Karten, Flyern, PDFs und Apps, kurzum allen Vorzügen eines Industrielands, eigentlich kein Problem sein. Eigentlich.

Denn Korea ist exotisch. Dazu gehört, dass erstaunlich wenige Menschen Englisch sprechen. Obwohl Koreaner – außer Busfahrer, die ihren eng getakteten Fahrplan einhalten müssen – extrem freundlich sind, gestaltet sich die Informationsbeschaffung schwierig. Versprochen: Es warten nette Gespräche mit dem aufrichtigen Wunsch des Gegenübers, einem zu helfen. Doch am Ende kann es gut sein, dass außer unzähligen Verbeugungen und guten Wünschen wenig Informationsgehalt, geschweige denn irgendeine Planungssicherheit herauskommt.

Koreanisch-Lektion für Anfänger

Der zweite Knackpunkt ist die Schrift. Zwar tauchen in manchen Bussen und Bahnen Ortsnamen in unserem Alphabet auf. Häufiger jedoch sind, als zweite Schriftsprache, chinesische oder japanische Schriftzeichen zu sehen. Aber: Das koreanische Alphabet „Hangeul“ lässt sich leicht lernen. Das führt bereits bei der Reisevorbereitung zu Exotik und Erfolgserlebnissen.

Die Basis von Hanguel besteht wie bei uns aus 24 simplen Buchstaben. Stets in Dreierblöcken zu Silben angeordnet, formen diese die Worte. Wer diese 24 Zeichen lernt, kann nach wenigen Stunden Worte lesen und damit Ortsnamen oder Speisen identifizieren und auseinanderhalten. Beides ist nämlich oft nicht auf Englisch ausgeschrieben.

Beispielsweise springt dann bei einem Abendspaziergang durch Sokchos bunt beleuchtete Seitengassen das Nationalgericht Bibimbab ins Auge – mit seinen vielen B’s ist es ein unverkennbares Wort. Was dahintersteckt ist simpel, aber auch lecker: Bibimbab basiert auf Reis, garniert mit verschiedenen Gemüsesorten und einem Eigelb.

Es ist günstig und empfiehlt sich auch deshalb für alle Korea-Einsteiger, weil es zu den wenigen Speisen gehört, deren Schärfe nicht gleich die Geschmacksnerven des Durchschnittseuropäers überstrapaziert.

Statuen des Sinheungsa-Tempels im Nationalpark.
- Eberhard

Zwar verfügt die Hafenstadt Sokcho über sehenswerte Ecken am Meer, dazu gehören etwa die Lagune Yeongnangho mit ihren Kranichen und eine Pagode auf den Klippen. Doch wollen die meisten Bibimbab-gestärkten Reisenden stattdessen lieber den Seoraksan-Nationalpark im Hinterland ansteuern. Diesen werden sie daher nur selten für sich allein haben, gerade wenn sie ihn durch den üblichen Osteingang Seorak-dong betreten. Denn die Koreaner bereisen ihr Land viel und gerne. Dazu trägt auch bei, dass sie nicht mal eben so mit dem Auto über eine Grenze fah­ren können. Wegen des noch immer anhaltenden Kriegszustands mit den Nachbarn im Norden können sie nur per Schiff oder Flugzeug in ein anderes Land gelangen.

Also wandern zahlreiche, oft in neueste Outdoorkleidung gehüllte Binnenreisende an ihren freien Tagen durch die Wälder des Seoraksan-Nationalparks. Doch der bunte Trubel verteilt sich nach der 19 Meter hohen Buddha-Statue am Eingang schnell. Manche sehen sich die nahen Tempel an, andere wandern zum beliebten Aussichtsberg Ulsanbawi oder auf dem Weg der Wasserfälle. Beide Touren stehen in ihrem Aufbau stellvertretend für viele Touren im Land: Durch Wälder, die sich im Herbst in einen farbenfrohen Fleckenteppich verwandeln, geht es ins Reich des kompakten Granits. Und sobald es steil wird, steht Treppensteigen an. Stufen durchziehen das ganze Land mit seinen zwar nicht hohen, aber stets steilen Bergen. Wo diese gut erschlossen sind, führen Holztreppen in die Höhe, andernorts erwarten die Wanderer noch hohe, ungleichmäßige Felsstufen.

Buddha, Mönche und Amerikaner

Wer noch weiter in den Nationalpark vordringt, staunt über die beinahe alpine Landschaft. Doch Schriftzeichen im Fels oder eine kleine Höhle mit Buddha-Statue und einem dort lebenden Mönch schaffen es trotzdem stets, das Fernreisegefühl aufrechtzuerhalten.

Die Zahl der Wanderer hält sich hier mittlerweile in Grenzen, sodass Entgegenkommende mit einem freundlichen „Annyeonghaseyo“ – Guten Tag auf Koreanisch – grüßen. Mit etwas Übung lässt sich auch dieses Wort als Korea-Neuling bald problemlos aussprechen. Manchmal öffnet es – wie so oft in den fremden Ländern dieser Welt – die Tür zu einem Gespräch.

Der Markt in Sokcho mit seinen Essensverkäufern.
- Eberhard

Nicht beleidigt sein sollten Reisende aus Europa, wenn eine der ersten Fragen des Gegenübers immer wieder „American?“ lautet. Denn für Koreaner sehen weiße Westler mehr oder minder gleich aus. Und noch heute befinden sich rund 30.000 US-Soldaten in Südkorea, gehen in dem 50-Millionen-Volk aber geradezu unter.

Im herbstlichen Sokcho jedenfalls dominieren keine monochromen Bilder von Militär oder Industrie. Vielmehr prägen zu dieser Zeit die bunten Blätter der Bäume und die Neonlampen des 90.000-Seelen-Dorfs die besondere Optik. Geruch und Geschmack der exquisit-scharfen Küche verwöhnen und fordern Nase und Gaumen gleichermaßen. Auch der Klang der Sprache will, in den Ohren nachklingend, so gar nicht in bekannte Muster passen.

Und noch lange werden sich die Hände an ihre ersten Versuche erinnern, mit Stäbchen zu essen. Was bleibt, sind Sokcho-Erinnerungen für die eigenen Sinne. (Frank Eberhard)

Infos Südkorea

Anreise: Flüge nach Südkorea kommen in den meisten Fällen in der Hauptstadt Seoul an. Jeden Tag fahren von dort aus mehrere Busse in drei Stunden nach Sokcho. Mehr Leben und die besseren Unterkünfte finden sich nördlich des Hafens.

Beste Zeit:

Im Herbst ist die Temperatur zum Wandern angenehm, das Wetter stabil und die Natur am schönsten. Alternativ bietet sich der Frühling an.

Unterkunft:

Im Nationalpark gibt es Wanderhütten, die gerade im Herbst rechtzeitig gebucht werden sollten. Ansonsten bieten sich Tagestouren von Sokcho aus an. Alle 20 Minuten fährt ein Bus zum Nationalparkeingang Seorak-dong. In der Stadt stehen zahlreiche Hotels, Motels und Hostels zur Auswahl.




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