Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 14.10.2017


Reise

Aussteigen für Fortgeschrittene: Tiroler geht neue Wege in Portugal

Tausche Krawatte gegen Wasserflasche: Dominik Croce war bis vor Kurzem Chef von bis zu 35 Mitarbeitern in der Innsbrucker Moser Holding. Heute lebt er von Bogenbaukursen in Portugal.

Dominic Croce packt alles, was er und seine Familie für ihr „neues Leben“ brauchen.

© Thomas Boehm / TTDominic Croce packt alles, was er und seine Familie für ihr „neues Leben“ brauchen.



Von Judith Sam

Innsbruck – Dominik Croce ist Entschleuniger. Hauptberuflich. Der 36-Jährige gibt Kurse, wie man Abstand vom Alltagsstress gewinnt – ob beim Gemüseanbau, beim Wandern oder Bogenbauen. Ein ungewöhnlicher „Karriereschritt“ – besonders, wenn man bedenkt, dass der 36-Jährige noch bis vor wenigen Wochen Leiter der Online-Plattform Verkauf und Chef von bis zu 35 Mitarbeitern bei der Moser Holding in Innsbruck war.

Heute lebt Croce in Portugal, wo seine und eine befreundete Familie acht Hektar Land gekauft haben, auf denen sie Gleichgesinnten anbieten, naturnahen, autarken Urlaub zu machen. Derzeit gibt es auf dem Grundstück weder Strom noch Wasser. Aussteigen für Fortgeschrittene quasi.

„Ich mochte meinen Beruf. Aber ich war stets getrieben – von Kundenterminen, Anrufen oder Projekt-Deadlines“, sagt der gebürtige Fulpmer. Der Sinneswandel kam mit seiner Ausbildung zum Überlebenstrainer. Drei Tage lebte Croce nur mit Messer, Schlafsack und Wasserflasche ausgerüstet in einem Wald nahe Kitzbühel: „Ich habe mich tagelang nur damit beschäftigt, einen Bogen aus einem Kantholz zu bauen. Kein Handy, kein Stress, kein Druck. Es war beinahe meditativ, sich mal auf nur eine Aufgabe zu konzentrieren.“

Auf einem Grund in Portugal lebt er in einem Wohnwagen, bis das Haus renoviert ist.
Auf einem Grund in Portugal lebt er in einem Wohnwagen, bis das Haus renoviert ist.
- Thomas Boehm / TT

Zuhause empfing ihn sein zehnjähriger Sohn mit zwei Fragen: warum er sich so viel Mühe für einen Bogen gibt, wo Amazon einen besseren über Nacht ins Haus liefert und warum er nicht öfter etwas macht, das ihm so viel Energie gibt.

Damals realisierte der zweifache Vater, dass er eine wunderbare Familie hat, die er jobbedingt kaum sieht: „Es war stets ein Drama für meinen fünfjährigen Sohn, wenn ich morgens das Haus verließ.“ „Papa, wann kommst du wieder?“, war die tägliche Frage. „Jetzt, wo wir in Portugal den ganzen Tag zusammen sind, sagt er nur ,Ciao, Papa‘, wenn ich ins eine Autostunde entfernte Lissabon fahre.“

Ganz so entspannt sahen Croces Tiroler Bekannte seine Pläne nicht: „Ihre Reaktion reichte von Skepsis bis hin zu ,Ihr seid doch verrückt‘.“

Zugegeben, es ist gewöhnungsbedürftig, wenn Croce etwa von seiner Klokiste erzählt: „Wir streben nach einer reduzierten Lebensweise. Da sollen nicht zehn Liter Wasser bei jeder Spülung vergeudet werden. Stattdessen setzt man sich auf eine Kiste, erledigt sein Geschäft und wirft Holzstreu darauf. So wird alles geruchsfrei zu Kompost fermentiert.“

Damit nicht genug: Derzeit wohnen die Croces und die fünfköpfige Familie von Nicolas Curtil, dem früheren Betreiber des Innsbrucker Restaurants „Chez Nico“, in Wohnwägen. „Wir sind erst dabei, Bungalows für die Gäste und zwei kleine Häuser für uns zu bauen. Außerdem wird das Haupthaus saniert, das vorerst nur eine Ruine aus Stampflehm ist“, sagt Croce. Über den Baufortschritt kann man sich auf thepureside.com informieren.

"Wir sind erst dabei, Bungalows für die Gäste und zwei kleine Häuser für uns zu bauen. Außerdem wird das Haupthaus saniert, das vorerst nur eine Ruine aus Stampflehm ist“, sagt Croce.
"Wir sind erst dabei, Bungalows für die Gäste und zwei kleine Häuser für uns zu bauen. Außerdem wird das Haupthaus saniert, das vorerst nur eine Ruine aus Stampflehm ist“, sagt Croce.
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Gäste sind bereits jetzt willkommen: „Wer weiß, wie man einen Dachstuhl baut, uns beim Gemüseanbau oder dem Ausheben des Naturbadesees hilft, bekommt gratis Kost und Logis.“ Für die Zeit, wenn alles errichtet ist, haben die Familien noch keine Preisvorstellungen: „Ich habe von dem Konzept gelesen, dass die Touristen bestimmen, wie viel sie für den Urlaub bezahlen – je nachdem, wie viel er für sie wert war. Vielleicht orientieren wir uns daran.“

Wie auch immer – der Gast muss Hand anlegen. Wer damit rechnet, mittags ein opulentes Buffet oder nachmittags flippige Animateure vorzufinden, ist bei Croce falsch: „Man kocht für sich selbst, wird Bungalow oder Zelt mieten können und geduscht wird mit Bio-Seife, weil wir das gebrauchte Wasser zum Gießen der Beete weiterverwenden.“

Um ihre Gäste zu unterhalten, planen die Familien, Wellness-, Koch-, Handwebe-, Yoga-, Survival-, Fitness- und Gesundheitskurse anzubieten. Ein typisches Entschleunigungs-Beispiel wäre eine Wanderung zum 15 Kilometer entfernten Meer – nur mit einer Wasserflasche im Gepäck: „Was man während der vierstündigen Wanderung an Nahrung braucht, findet man unterwegs. Von Beeren bis zum Gänseblümchen.“

Bei all dem drängt sich eine Frage auf: Lohnen sich diese Entbehrungen, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen? Croce ist davon überzeugt: „Noch sind unsere Kinder so klein, dass sie bei uns sein wollen. Das muss man nützen.“

Ein Jahr lang werden sie zuhause unterrichtet. Später besuchen sie voraussichtlich die Schule des fünf Minuten entfernten Ortes Roncão. „Sollten unsere Kinder eines Tages wieder in Tirol leben wollen, steht ihnen das offen. Wir haben unser Haus in Fulpmes nur vermietet – um nicht alle Brücken abzureißen. Denn wer weiß, wo uns das Leben hinführen wird.“




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