Letztes Update am Fr, 20.10.2017 08:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Am Ufer der Loire und am Rand des Atlantiks

Mit ihren ausladenden Boulevards und Plätzen, ihren stolzen Bürgerhäusern und dem blütenweißen Herzogsschloss strahlt Nantes bretonische Lebensart und Wohlstand aus.

© iStockVor dem Schloss der bretonischen Herzöge erstrahlt ein Brunnen.



Von Nantes weiß man als Unbedarfter gerade noch, dass es in der Bretagne liegt – oder zumindest gelegen ist – und kennt vielleicht das Chanson von Barbara, das mit der Zeile beginnt: „Il pleut sur Nantes.“ Das lässt Melancholie und Trübsinn vermuten. Stimmt aber nicht: Als wir Nantes im Frühsommer besuchten, schien die halbe Stadt die breiten Boulevards auf- und abzuspazieren, während die andere Hälfte die Plätze und Cafés im Freien bevölkerte.

Der Himmel war strahlend, die Luft warm, und die Platanen und Pappeln in den Avenuen schimmerten in ihrem blassen Erbsengrün. Die Stadt atmete ein „Je ne sais quoi“ an Heiterkeit und bretonischer bzw. gallischer – durchaus nicht galliger – Lebensart.

Auf dem ehemaligen Werftgelände der Île de Nantes stapft dieser überdimensionale Elefant umher.
- Sager

Dass Nantes zur Bretagne gehöre, stimmt überraschenderweise auch nicht. Wie Stadtführerin Chris­telle Dugast betont, ist es nämlich die Hauptstadt der Region Pays de la Loire – mitnichten der Bretagne. „Aber das ist Blödsinn“, ergänzt Christelle, „mit dem Pays de la Loire haben wir historisch überhaupt nichts zu tun!“ – Außer dass man an deren Ufern lebt, könnte man anmerken.

Die zentralgewaltliche französische Administration hat sich um derlei Finessen noch nie gekümmert. Nantes gehört nun also seit 1941 nicht mehr zur Bretagne, deren Hauptstadt es viele Jahrhunderte war.

Die Nantais, die Stadtbewohner, ignorieren das ebenso wie Reiseführer, und die angrenzende Tourismusregion La Baule

Halbinsel Guérande wirbt gar mit dem Slogan „Bretagne Plein Sud“. Das Stadtschloss in Nantes gehörte jedenfalls ohne Zweifel den Herzögen der Bretagne. Der wehrhafte Bau samt Burggraben und blütenweißem Renaissanceschloss beherbergt heute das Stadtmuseum.

Ein Blick auf das nächtliche Nantes, hier ragen das einzige Hochhaus und ein Kran im Kreativviertel heraus.

- iStock

In ihm wuchs die letzte bretonische Herzogin Anne de Bretagne (1477 bis 1514) auf, eine in Frankreich bekannte historische Gestalt. Schloss und Kathedrale befinden sich im Bouffay-Viertel, dem mittelalterlichen Teil der Innenstadt, heute ein lebendiges Ausgehviertel mit Restaurants, Bars und Cafés. Daran wiederum schließt sich das aktuelle Stadtzentrum an, das aufs 18. Jahrhundert zurückgeht. Damals wurden die Stadtmauern geschleift, wodurch ausladende Boulevards wie der heutige Cours Franklin Roosevelt entstehen konnten, die der Stadt eine luftige Großzügigkeit geben.

Vom Cours Franklin Roosevelt sind es nur wenige Schritt bis zur Place Royale, einem großen repräsentativen Platz aus dem 18. Jahrhundert mit Restaurants und einem Brunnen, dessen Figur eine Allegorie auf die Loire und ihre Nebenflüsse darstellt. Hier geht die Rue Crébillon ab, die Shopping-Straße Nr. 1, und hier ist auch die glasüberdachte Passage Pommeraye zu bestaunen, eine kuriose frühe Shopping-Mall, die Mitte des 19. Jahrhunderts dem Vorbild der Pariser Passagen nachgebildet wurde. Dementsprechend prunkt sie auf drei Ebenen mit viel Stuck, Säulen, Gipsfigürchen, gusseisernen Balus­traden und Kandelabern.

Ein Stück weiter steht nicht nur die Oper, ein weißer, klassizistisch tempelartiger Bau aus dem 18. Jahrhundert, sondern auch die berühmte Brasserie La Cigale, eine üppig dekorierte, mit Malerei und Keramik befrachtete Brasserie aus der Ausgangszeit der Belle Époque. Jetzt ist es Zeit, sich ein Glas Muscadet zu genehmigen, das ist ein lokaler trockener Weißer, der gut zu Austern und Meeresfrüchten passt.

Ein Überblick über das historische Zentrum der Stadt.
- iStock

Hier im Umkreis von Place Royale und Place Graslin ist man im Zentrum von Nantes. Wer sich einen Überblick über die Ausdehnungen dieser – mit immerhin 290.000 Einwohnern, davon 60.000 Studenten – sechstgrößten Stadt Frankreichs verschaffen will, tut das am besten von der Rundum-Terrasse von Le Nid aus, einem Lokal im 32. Stock des einzigen Hochhauses der Stadt auf der Place de Bretagne.

Die stolzen Bürgerhäuser der Nantaiser Innenstadt mit ihren schmiedeeisernen Balkönchen und hohen schmalen Fensterläden zeugen von einem Jahrhunderte zurückreichenden Wohlstand. Worauf sich der gründete? Klarer Fall, auf den Handel. Ähnlich wie Bordeaux war Nantes ein bedeutender Hafen, obwohl es ebenfalls nicht direkt am Meer liegt, sondern etwa 60 km landeinwärts an der Loire.

Auch der prächtige Jardin des plantes, einer der größten botanischen Gärten Frankreichs, war ein Nebenprodukt der schwunghaften Überseeschifffahrt: Neben Gewürzen wurden exotische Pflanzen nach Nantes eingeführt. Für sie war – und ist – das Klima vor Ort günstig: in den Wintern nicht zu kalt, in den Sommern nicht zu heiß, und ausreichend feucht. Der Jardin des plantes umfasst heute 11.000 verschiedene Pflanzenarten.

Die Kathedrale glänzt im Sonnenlicht.
- iStock

Die Werft auf der Île de Nantes, einer ans Stadtzentrum grenzenden Loire-Insel, musste 1987 geschlossen werden. Jean-Marc Ayrault, der damalige Bürgermeister und spätere Premierminister, überlegte: Welche neuen Industrien könnte man auf dem großen obsolet gewordenen Werftgelände ansiedeln? Genau: die Kreativindustrien.

Nach und nach wurde das Areal in eine Freizeit- und Kulturzone umgewandelt, in der immer „etwas los“ ist. Die „Machines de l’île“ sind überdimensionale mechanische Geschöpfe, etwa eine Spinne, eine Ameise, eine Art Phönix und insbesondere ein Elefant, der, mit Besuchern auf Galerien obenauf, mehrmals täglich auf dem Gelände hin- und herstapft; ein Karussell birgt Unterwasser-Fabelwesen, die nicht nur von Kindern bestiegen werden: Reminiszenzen an Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ bzw. „20.000 Meilen unter dem Meer“.

Im „Quartier de la création“ sind Unternehmen der Kreativindustrien und eine Kunsthochschule angesiedelt worden, und Jean Nouvel hat einen neuen Justizpalast gebaut – in Schwarz mit viel Stahl und Glas und Gitterstrukturen, die einen leichten Gefängnis-Touch vermitteln. Es gibt Klubs, Bars und Ausstellungshallen und ein Überbleibsel des Industriezeitalters in Form eines knallgelb angemalten Krans. (Harald Sager)

Informationen zu Nantes

Anreise: Mit der Bahn zum Flughafen München, täglich mehrere Flüge München – Nantes mit einem Stopp und retour.

Unterkunft: Das Vier-Sterne-Haus Oceania Hôtel de France www.oceaniahotels.co.uk hat den Vorteil, gleich nebenan von der Place Graslin und vom Stadttheater gleichen Namens – und somit mitten im Zentrum von Nantes – zu liegen.

Das im Jahr 1926 eröffnete Fünf-Sterne-Hotel Barrière Hermitage www.hermitage-barriere.com , ein einstiges Art-déco-Juwel im Seebad La Baule, ist eben erst stilecht runderneuert worden. Die Küche ist ebenso tadellos wie die Lage direkt an der Uferpromenade, an die sich eine kilometerlange Bucht aus Sandstrand anschließt.

Die Reise erfolgte auf Einladung von Atout France, Nantes Tourismus, La Baule Tourismus und Bretagne Plein Sud.




Kommentieren


Schlagworte