Letztes Update am Fr, 27.10.2017 12:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kapverdische Inseln

Jenseits von Afrika, nördlich und südlich des Windes

Stop & go: Die Kapverdischen Inseln westlich von Afrika waren lange Zeit nur eine kurze Zwischenstation auf dem Weg nach Amerika. Heute treibt es immer mehr Gäste für immer länger hin. Und manche bleiben sogar für immer.

© istockEin Schiffswrack am Strand beweist, dass die Wellen an den Kapverdischen Inseln nicht zu unterschätzen sind.



Jenseits von Afrika haben die nördlicheren Inseln über dem Wind und die südlicheren Inseln unter dem Wind vor allem eines gemeinsam: Wind und Wellen. Bisweilen auch starken Wind und hohe Wellen. Wer alles zusammen richtig genießen will, sollte ein bisschen Boot fahren. Die Liberdadi, das Flaggschiff der Cabo Verde Fast Ferries, ist gleichzeitig Autofähre und Katamaran und verbindet seit Kurzem die südlichen Ilhas de Sotavento – das sind die unter dem Wind – im Linienverkehr.

Davor gab es ab und zu Frachtschiffe zwischen den Inseln, die ab und zu untergingen. Ein abgeschiedenes Leben auf einer Zwischenstation zur Neuen Welt, 500 km vor der Westküste Afrikas gelegen, mehr war da nicht. Von 1461 bis 1975 zur portugiesischen Krone gehörig, blieb die internationale Rolle der Kapverden bescheiden: Die Insel Santiago als Umschlagplatz im transatlantischen Sklavenhandel bis 1620, die Insel Sao Vicente als Salzhandelszentrum bis 1850. Dann Kohleversorgungsstation für die Dampfschifffahrt nach Amerika, später obligatorischer Tankstopp auf der Insel Sal für die ersten Amerika-Flüge, dazu ein dicker Knoten von Unterseekabeln: Nur neun der 15 Inseln sind heute bewohnt: Von den 525.000 Menschen lebt fast die Hälfte auf Santiago. Drei Viertel davon sind jünger als 15. Ein Wunder, dass noch immer so viele da sind.

Porto Novo auf der Insel Santo Antão.
- istock

Cabo Verde bleibt ein merkwürdiges Stück Afrika, wo die Alugueres (Sammeltaxis) brandneue japanische Kleinbusse sind, die auch halbleer für ein paar Passagiere fahren. Oft auf nagelneuen Straßen. Manchmal sogar fast nach Fahrplan, wenn die Marktfrauen gegen Mittag nach Hause in ihre Bergdörfer fahren und dabei lustige Lieder singen. Draußen grasen Ziegen, drinnen gackern Hühner, frisch gekauft. Cesaria Evora und Mayra Andrade, kapverdische Sängerinnen von internationaler Bekanntheit, würden ihre Texte kaum wiedererkennen. Und trotzdem klingt es melodisch schön.

Nur gut für die Inseln, dass es Touristen gibt. Und davon immer mehr, auch wenn über die Hälfte auf bloß zwei Inseln bleiben: Sal und Boa Vis­ta, die beiden östlichen Ausläufer der Ilhas de Barlavento, den Inseln über dem Wind, sind Traumziele für Strandliebhaber geworden und längst auch im Angebot von Pauschalreiseveranstaltern.

Der Pico do Fogo spuckte 2015 zuletzt Feuer.
- Spreitzhofer

Viele wollen ein wenig das frühere Flair der Kanaren schnuppern, wie es damals war, bevor dort Betonburgen für Chartergäste kamen – Paradiese für Segler und Surfer, Sonnenanbeter auf Zeit und richtige Aussteiger für länger. Überall sonst geht es noch recht beschaulich zu. In Brava und Maio sogar noch beschaulicher, sofern das überhaupt geht. Denn die Liberdadi kommt nur ein paarmal wöchentlich, seit das Schwesterschiff Kriola 2015 außer Dienst gestellt wurde – je nach Wetterlage kann das dauern, wenn sie überhaupt kommt, nach etlichen Stunden Hüpfen, Hopsen und Schlingern. Kleine Flughäfen für die Propeller-Flugzeuge der TACV, der regionalen Fluglinie, wird man hier zwar finden, die wirklichen Flugtage halten sich in Grenzen.

Schnellen Schrittes geht es runter vom Vulkan.
- Spreitzhofer

Der hiesige Berg- und Wandertourismus steckt vergleichsweise noch in den Kinderschuhen, doch auch das sollte sich bald schon geändert haben: Die Kapverden sind vulkanischen Ursprungs, mit fabelhaft verwachsenen Calderas, tiefen Schluchten und magischen Küstenpfaden auf Santo Antao (eine der Inseln über dem Wind), wo so manche bärtige Aussteiger unten an der Ribeira do Paul, einer moosig grünen Schlucht, längst Biogemüse ziehen. „Ein Gläschen kann nicht schaden“, sagt Stefan, der mit der italienischen Weinkooperative auf Fogo gute Geschäfte gemacht hat, was ihm auch anzusehen ist.

Die Insel Sao Vicente liegt gleich gegenüber in Sichtweite – eine Stunde nur per Linienschiff, einer ausgemusterten spanischen Armas-Autofähre, die schon in den 1980ern einige Kanareninseln verbunden hat. Mindelo, das bunte Hafenstädtchen, gilt als Kulturhauptstadt von Cabo Verde. Wo ältliche Kreolen-Ober im Hotel Chave d’Ouro in schneeweißen Anzügen Mousse au Chocolat servieren und Fado-Bands schwermütige Weisen spielen, ist das andere Afrika weiter weg als die eine Flugstunde nach Senegal.

Blick auf die Küste und die Täler von Santo Antão.
- Getty Images

Gleich beim Turm von Belem, heute eine Kunstgalerie, liegt der Fischmarkt, wo meterlanger Fang aus Alugueres in Kombis umgeladen wird. Doch mehr als zwei Fischriesen, fünf Fischer und ein wenig Beifang passen selten hinein. Wer will schon einen glitschigen Krakenarm am Schoß? Pastellfarbene Kolonialbauten säumen die palmbestandene Promenade, die paar Straßencafès sehen sehr portugiesisch aus, und die dunklen Kathedralen mit den morschen Heiligenfiguren riechen reichlich kolonial-katholisch: Über 90 % sind Christen hier, doch nur 16 % der Erwachsenen verheiratet, weil portugiesische Gesetze die Heirat von Sklaven mit Europäern verboten haben und Traditionen hier länger halten als anderswo.

Den rauen Charme der windigen Inseln muss man mögen. Und das fällt gar nicht besonders schwer. Wer noch nicht genug gesehen hat, muss höher hinauf und den Pico do Fogo auf Fogo erklimmen, mit 2830 m die höchste Erhebung weit und breit. Fogo heißt Feuer, und das spuckt der kahle Vulkan auch regelmäßig, zuletzt 2015, als einige Ansiedlungen in der Caldera unter glühender Gesteinsschmelze verschwanden. Ohne Führer ist der Aufstieg verboten, auch wenn der Weg nicht zu verfehlen ist. Die 850 Höhenmeter zurück zu den geduckten Steinhütten am Fuß des rotschwarzen Riesenkegels gehen vorbei wie im Flug – in den knietiefen Ascherinnen ist schnelles Abwärts-Lauf-Waten gefragt, sonst fährt zuerst das Sammeltaxi und dann die Liberdadi unten im Hafen von Sao Filipe, dem Hauptort auf Fogo, ohne uns los. Was schade wäre, denn der schneidige Nachmittagswind verspricht einen unvergesslichen Ritt durch den westafrikanischen Atlantik: mit Gesichtern, grünlicher als das grünste Kap. (Günter Spreitzhofer)

Infos Kap Verde

Einreise: Visum erforderlich, Entweder bei Einreise am Flughafen (ca. 25 Euro) oder vor Reiseantritt (Honorarkonsulat der Republik Kap Verde, Wien, www.konsulat-kapverde.meixner.at )

Anreise: Kap Verdes nationale Fluggesellschaft TACV fliegt nonstop von München auf die Kapverdischen Inseln (Sal und Boa Vista), andere Flüge gehen meist mit TAP Portugal über Lissabon. Fahrpläne und Preise regionaler Bootsverbindungen: www.cvfastferry.com

Beste Reisezeit Oktober bis Juni.