Letztes Update am Fr, 10.11.2017 08:44

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Jordanien

Totes Meer: Glücksmomente in Salz und Schlamm

Seit Jahrtausenden ist die Heilkraft des Toten Meeres bekannt. Das magnesiumreiche Wasser erfrischt die Haut, eine Seeschlammpackung streichelt sie glatt. Jordanien, an der Ostseite des Toten Meeres, lockt mit Wohlfühloasen.

© Martina Katz



Von Martina Katz

Meray Kopty steht barfuß im Schlamm. Die 26-jährige Jordanierin blickt auf das Dutzend schlammschwarzer Menschen, die sich entspannt im Toten Meer treiben lassen. Am goldenen Sandstrand funkeln schneeweiße Salzkristalle wie Diamanten. Meray greift mit beiden Händen in den warmen Matsch zu ihren Füßen. Sie verteilt einen Klumpen der mit feinem Korn gespickten Masse auf ihrem Körper: zunächst auf Armen, dann auf Bauch, Rücken und Beinen, zum Schluss im Gesicht.

Die Frau aus der Hauptstadt Amman schlüpft in ihre Badelatschen, schlurft zu einer der Holzbänke und setzt sich neben ihren bereits eingeschlämmten Vater Jack. Gemeinsam beobachten sie das schwerelose Treiben im salzigen Binnensee. „In einer Viertelstunde wird die Sonne den Schlamm auf unserer Haut so weit trocknen, dass er aufplatzt. Ein tolles Gefühl. Allein schon deshalb kommen wir jedes Jahr für Wellness-Ferien hierher“, erzählt Meray. „Die im Toten Meer enthaltenen Mineralien wie Magnesium, Kalium, Kalzium und der Schlamm sind gut für die Haut. Sie machen sie zart und entspannen dazu noch den ganzen Körper“, ergänzt Jack.

Amparo, von Kopf bis Fuß mit Seeschlamm eingeschmiert, zeigt die Salzkristalle des gesunden Wassers.
- Martina Katz

Das Tote Meer, eingerahmt von den Gebirgszügen Jordaniens und den judäischen Bergen, die sich vom Westjordanland bis nach Israel erstrecken, ist seit Jahrtausenden bekannt für seine Heilkraft. Schon Königin Kleopatra wusste das. 30 Prozent Salzgehalt, eine Fülle gelöster Mineralien und die reine Luft locken heute noch königliche Häupter zum größten natürlichen Spa der Welt – das jordanische Königspaar Rania und Abdullah II., das spanische Kronprinzenpaar oder Angehörige des schwedischen Königshauses.

Wie Meray und Jack reiben sie sich vor der orangefarbenen Bergkulisse mit dem schwarzen Heilschlamm ein, nehmen ein Bad in der blauen Salzlake oder lassen sich in den Resorts verwöhnen, die beim Dorf Sowayma neben Tomaten-, Mais- und Ruccola-Feldern in sonst karger Wüstenlandschaft am Wasser liegen. Mitten im Jordangraben, 400 Meter unter Meeresniveau, speist das Tote Meer neben kleinen Gebirgsbächen nur ein nennenswerter Fluss: der Jordan. Sein Wasser staut sich im abflusslosen Binnensee und verdunstet in der jordanischen Hitze. Was bleibt, ist ein kräftiger Cocktail aus Salz und Mineralien, der das schon in der Bibel erwähnte „Meer im Osten“ neunmal salziger macht als das Mittelmeer oder die Nordsee. Kein Ort für Lebewesen, sollte man meinen.

Vom Berg Nebo hat man einen fantastischen Blick auf das Gelobte Land, das heutige Westjordanland in Israel.
- Martina Katz

Tatsächlich zeigt sich kein Fisch, kein Wasservogel, keine Libelle. Nicht einmal ein Frosch. Doch in den Tiefen des Meeres haben Wissenschafter ein einzigartiges Labyrinth entdeckt. Unzählige Süßwasserquellen in haushohen Brunnen sind über Hunderte von Metern miteinander verbunden und geben Algen und zahlreichen Bakterienarten einen Lebensraum. Diese glaubte man mit dem ständig steigenden Salzgehalt seit Mitte der 1970er-Jahre bereits ausgestorben.

Ganz anders die außergewöhnliche Mineralienvielfalt, auf welche die Gesundheitsleistung des Toten Meeres zurückzuführen ist. Aus den natürlichen Stoffen des Salzsees entwickelt man hochwertige Pflegeprodukte für einen sanften Tourismus. In 40 lokalen Labors werden heute Gesichtsmasken, Badesalze, Shampoos, Cremes, Duschgels und Seifen hergestellt.

Am beliebtesten ist jedoch, was mehr oder weniger pur aus dem See kommt: natürliche Schwefelseife und Schlamm. Den benutzt auch Amparo. Die Kolumbianerin steht eingeschlämmt mit Mann und Freunden im Ufersand und betet.

Das dünne Fladenbrot wird von den Beduinen noch traditionell zubereitet.
- Martina Katz

„Wir verbinden hier die Hoffnung auf ewige Jugend mit unserem Glauben. Jordanien hat so viele geschichtsträchtige Stätten, auch am Toten Meer“, sagt sie. „Morgen fahren wir nach Bethanien zum Ort der Taufe Jesu am Jordan. Übermorgen zum Grab des Moses auf dem Berg Nebo. Und in der nächsten Woche wollen wir uns Lots Höhle am Südteil des Toten Meeres, in den Bergen von Safi, anschauen.“ Amparo lacht. Wie in der Bibel nachzulesen, flüchtete Lot mit Frau und Töchtern in die Berge, als Gott die lasterhaften Städte Sodom und Gomorrha vernichtete. Seine Frau erstarrte dabei zur Salzsäule, da sie das göttliche Gebot missachtete, sich nicht umzusehen.

Neben alldem darf natürlich die Gesundheit nicht zu kurz kommen. „Deshalb plane ich heute einen reinen Wellness-Tag, nehme eine Nebeldusche mit Minzduft und genieße mit meinem Mann eine Open-Air-Sonnenuntergangs-Massage für Paare“, erklärt Amparo und blickt auf den endlos scheinenden See und seine gleißende Salzkruste.

Umweltschützer hingegen schlagen Alarm. Seit Jahren sinkt der Grundwasserspiegel des Toten Meeres. Dessen Ausmaß lag vor 40 Jahren noch bei fast 1000 Quadratkilometern. Heute misst es weniger als zwei Drittel davon. Wissenschafter rechnen damit, dass der Salzsee in ein paar Jahrzehnten ausgetrocknet sein wird, wenn sich nichts ändert. Wenn nicht Industrie, Landwirtschaft und Privathaushalte der Anrainerstaaten darauf verzichten, Süßwasser aus dem speisenden Jordan abzuleiten. Ganze fünf Prozent der ursprünglichen Menge fließen heute noch ins Tote Meer.

In ihrer Sorge stellen Israel, Jordanien und die palästinensische Autonomiebehörde gemeinsame Überlegungen an. Zum Beispiel zum Bau einer Pipeline, die Wasser vom Roten zum Toten Meer pumpt, wodurch auch dringend benötigtes Trinkwasser gewonnen werden soll. Die von ihnen in Auftrag gegebene Machbarkeitsstudie der Weltbank hat eine mögliche Realisierung bestätigt, der Bau soll im nächsten Jahr beginnen.

Es gibt also Hoffnung für das Tote Meer, so dass auch die Kinder von Meray und Amparo sich schwarz eingeschlämmt auf dem salzigen Wasser treiben lassen können.

Informationen zu Jordanien

Anreise: KLM/Air France fliegt ab Wien über Paris nach Amman (ab 445 Euro, www.klm.com ). Turkish Airlines fliegt über Istanbul (ab 445 Euro. www.turkishairlines.com ). Weiter mit dem Bus nach Sowayma in 1,5 Stunden.

Übernachten: Original jordanische Wellness-Atmosphäre gibt es im Dead Sea Spa Hotel (4 Sterne, DZ ab 141 Euro, www.dssh.jo ).

Das luxuriöse Mövenpick Resort & Spa Dead Sea bietet moderne Zimmer in einem schönen Garten (ab 169 Euro, weitere Informationen unter www.moevenpick-hotels.com ).

Weitere Infos: www.visitjordan.com




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