Letztes Update am Fr, 10.11.2017 08:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


USA

Wo Dekadenz gefeiert wird: Zu Besuch im Nobel-Skiort Aspen

Aspen ist das Wintersportzentrum für die Schönen und Reichen. Dekadenz wird hier nicht verachtet, sondern gefeiert. Gleichzeitig setzt der Skiort für die Upper Class auf Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Wie passt das zusammen?

© APA/dpaSeilbahnfahren im Öko-Skiort: Manche der Kabinen produzieren mit Solarzellen am Dach Strom.



Hippies in Strickpullovern vermutet man in Aspen eher nicht. Im Winter ist das schicke Skistädtchen in US-Bundesstaat Colorado ein beliebter Schneespielplatz für Filmstars und Superreiche.

Dann kurven teure Schlitten zu exklusiven Hotels in der kleinen Innenstadt mit ihren Pelzläden, Schmuckhändlern und gediegenen Restaurants, wo die Flasche Wein schon einmal ein paar tausend Dollar kostet. Doch das ganze Geld schützt nicht vor dem Klimawandel. In Aspen dauert die frostfreie Zeit heute einen Monat länger als 1977. Das 22 Quadratkilometer große Skigebiet mit über 300 markierten Pisten verteilt sich auf vier Berge. Aspen hat viel zu verlieren. Und deshalb ist der Nobelskiort nicht untätig.

Shopping muss trotzdem sein in Aspen, bei vielen Gästen sitzt das Geld locker.
- APA/dpa

Schon vor 20 Jahren gründete die „Aspen Skiing Company“ als erstes Unternehmen der Branche eine Umweltschutzabteilung. Den CO2-Verbrauch zu reduzieren sei „gut fürs Gewissen und gut fürs Geschäft“, sagt Matt Hamilton, Direktor für Nachhaltigkeit. Seine Firma habe sich dazu verpflichtet, bis 2020 ein Viertel weniger Emissionen zu verursachen als im Jahr 2000.

Ausgerechnet Aspen entpuppt sich als Öko-Vorkämpfer in der Ski-Industrie. Doch wie rettet man den Winter? Kleine Solarzellen sitzen auf den Kabinendächern der Gondel Silver Queen und versorgen MP3-Spieler mit grünem Strom, wenn die Seilbahn auf den knapp 3400 Meter hohen Aspen Mountain surrt. Steil sind seine Flanken und schmal ist das anspruchsvolle Skigebiet. Wie die meisten modernen Hütten im Skigebiet ist auch das aus Holz und Naturstein gebaute Gipfelrestaurant LEED-zertifiziert, das ist eine Klassifizierung für ökologisches Bauen. Davor wartet Meghan Loury im Schneegestöber. Die junge Frau mit den roten Wangen leitet Schneeschuh-Touren für den örtlichen Naturschutzverein. Die „Skiing Company“ ist ein wichtiger Geldgeber.

Der örtliche Naturschutzverein zeigt den Touristen die Umgebung, auch Wild ist zu sehen.
- iStock

Die Wollmütze tief ins Gesicht gezogen stapft Meghan voran. Von herumspringenden Rehen, schlummernden Schwarzbären und listigen Hermelinen erzählt die Naturpädagogin. „Schaut her“, sagt sie leise und bricht ein Stück Rinde von einer toten Kiefer. Darunter liegen verzweigte Mini-Tunnel. Baumschädlinge wie Borkenkäfer können bei wärmeren Temperaturen nun auch in höheren Lagen leben. Der Ausflug soll nachdenklich machen.

„Protect Our Winters“ (Schützt unsere Winter) heißt ein Verband, den die „Aspen Skiing Company“ aktiv beim Lobbying für Klimaschutz in Washington unterstützt. In Aspen brauchte es kaum Überzeugungsarbeit. Etwa drei Viertel der 6000 Einwohner des Ortes sind Demokraten.

Den Gästen will die Skifirma keine Diskussion aufzwingen. Doch Urlauber sind auch Wähler und die prominenten unter ihnen oft einflussreich. „Die Marke Aspen ist ein didaktisches und politisches Werkzeug“, erklärt Hamilton.

Zwar bekommen die Skifahrer nicht die firmeneigene 147-Kilowatt-Photovoltaik-Freiflächenanlage zu sehen. Auch nicht das von der Skifirma finanzierte Methangas-Projekt im nahen Somerset, wo aus Kohlegruben austretendes Treibhausgas in Energie verwandelt wird, das den gesamten Jahresstrombedarf des Unternehmens deckt.

Doch wer etwas genauer hinsieht, findet überall im Skigebiet subtile Klimaschutz-Hinweise, auch auf dem Buttermilk. So heißt der kleinste und einfachste Berg im Quartett, beliebt bei Familien und Skischülern mit nur 44 meist breiten Abfahrten. An den Liftmasten werben hier Aufkleber für „Solar, Wind, Saving, Action“ – Saving heißt Sparen.

Mit gut 13 Quadratkilometern Fläche und 20 Liften ist Snowmass größer und vielfältiger als die drei Schwestergebiete. Fein gewalzte Waldabfahrten, sanfte Cruiser-Hänge sowie Pisten für Baumslaloms erstrecken sich über mehrere Gipfel. The Cirque ist mit 3813 Metern der höchste. Das letzte Stück des Höhenkammes muss man per Muskelkraft erklimmen. Auf Snowmass Mountain läuft ein erstes Mikro-Wasserkraftwerk, das im Frühling von Schmelzwasser angetrieben wird. Weitere sollen folgen, auch auf Aspen Highland, Liebling der Einheimischen. Eine Solaranlage gibt es dort schon.

Mit Schneeschuhen stapft man umweltgerecht durch die Wälder.
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Gefeiert wird bei Raclette, Fondue und Apfelstrudel zum Beispiel im „Cloud 9“. Alpinen Hüttenzauber gibt es in den Rockies sonst nicht – hier schon. Mit genug Champagner intus wird auf dem Tisch getanzt. Überfluss und Geltungsdrang, wie passt das zu grünen Ambitionen?

„Wir sind nicht perfekt“, gibt Hamilton zu. Manche Gäste wollten partout nicht mit Umweltpolitik belästigt werden. Andere wiederum beschwerten sich vehement über beheizte Gehsteige und Privatflieger für zwei Leute plus Pudel.

Blieben alle zu Hause, würde das Klima am besten geschont. „Aber der Bedarf ist nun einmal da“, sagt Hamilton. Machte Aspen dicht, würden die Skifahrer halt woanders hinfahren. Und dort ist der Schnee nicht unbedingt grüner. (APA)