Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.01.2018


Luftfahrt

Flugsicherheit: Über den Wolken bleibt‘s gefährlich

Das Fliegen war 2017 so sicher wie noch nie. Trotzdem beschäftigen sich Unfallforscher und Luftfahrtexperten mit neuen Gefahren. Bei der Drohnen-Sicherheit ist Österreich europaweites Vorbild.

© iStockSymbolfoto.



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Gute Nachricht für alle mit Flugangst: Noch nie war Fliegen so sicher wie 2017. Hintergründe und neue Gefahren, die die Experten beschäftigen.

Mehr Daten: Die Luftfahrt hat seit März 2017 eine grundlegende Vorgangsweise geändert. „Traditionell wurde alles aufgrund von Unfällen und Vorfällen untersucht, daraus wurden Schlüsse gezogen. Man hat also immer versucht, aus der Vergangenheit zu lernen“, erklärt der Salzburger Luftfahrtsicherheitsexperte und Pilot Thomas Friesacher.

Seit 31. März aber ist das Data4Safety-Programm der EASA (European Aviation Safety Agency) in Kraft. „Vorher hat jede Fluglinie ihr eigenes Süppchen gekocht, jetzt kann man aus den übergreifenden Daten aller lernen.“ Durch moderne Statistikprogramme lassen sich dadurch schneller Gefahrenpunkte ausfindig machen. Lösungen können so erarbeitet werden, bevor überhaupt Unfälle passieren.

Technische Unterstützung: Den Piloten das Fliegen so einfach wie möglich zu machen, gelingt den Flugzeugherstellern laut Friesacher immer besser. Dabei geht es nicht nur um ergonomischere Cockpits. Keine Fehlinterpretationen zuzulassen, sei das Ziel. „Wir wissen sehr genau, wie der Mensch unter Stress reagiert. Das System darf keine Fehler möglich machen. Dazu werden falsche Reize minimiert“, erklärt der Unfall- und Sicherheitsforscher.

Blinkt etwa ein rotes Licht vor dem Piloten auf, drücke dieser möglicherweise aus Reflex darauf. Soll das nicht der Fall sein, gelte es, eine bessere Alternative zu finden. Flugzeuge würden heute auch intensiver in Simulationen getestet.

Auch die Fluglotsen können dank neuerer Technik immer mehr „sehen“. „Wenn ich heute im Flugzeug eine falsche Höhe einstelle, sieht das der Controller und kann mich darauf hinweisen“, sagt Friesacher. Die gegenseitige Kontrolle wird erleichtert, Fehler können verhindert oder schnell korrigiert werden.

„Neben anderen Faktoren trägt natürlich auch die technische Entwicklung dazu bei, dass Fliegen sicher ist“, sagt auch Markus Pohanka von der Austro Control, der Österreichischen Gesellschaft für Zivilluftfahrt. Neben moderneren Instrumenten in den Flugzeugen gibt es auch bei der Flugsicherungstechnik Fortschritte. „Das sind etwa neue GPS-Systeme, mit denen der Lotse die Flugzeuge und ihre Daten besser erkennt. Auch die Anflüge, wie etwa in Innsbruck, verbessern sich auf Satelliten-Basis.“

Standardisierung: Feste, weltweit standardisierte Abläufe bei Piloten und Lotsen verhindern Überraschungen. „Ein Airbus wird beispielsweise auf der ganzen Welt mit genau denselben Handlungen geflogen. Da kann ein Afrikaner neben einem Asiaten sitzen und das Flugzeug wird sicher geflogen“, erklärt Friesacher. Kulturelle Unterschiede sollen so als Unfallursache verhindert werden, die Pilotentrainings unterliegen diesen höheren Standards.

Übermüdung: Als eine der größten Gefahren gilt Übermüdung. Friesacher hat dazu an der Cranfield University (GB) eine Studie zum Pendelverhalten von Piloten durchführen lassen. Für Piloten gelten zwar gesetzliche Ruhezeiten, das reicht laut Friesacher aber nicht immer. „Viele Fluglinien haben strengere Regeln, als der Gesetzgeber vorgibt, sonst kann es trotzdem vorkommen, dass die Crew nicht wirklich ausgeschlafen zum Dienst erscheint.“

Hinzu kommen oft noch Pendelfahrten zum Dienstort, die sich laut Friesacher äußerst kritisch auf die Flugsicherheit auswirken.

Anstellungsverhältnisse: Wo Piloten nicht gewerkschaftlich organisiert sind, kann es problematisch werden. „Fehler sollen in der Luftfahrt gemeldet werden, damit andere daraus lernen. Wenn jemand aber als Einzelkämpfer unterwegs ist und Entscheidungen über mehrere 100.000 Euro treffen muss, ist man schnell in einer prekären Situation. In solchen Firmen würde ich nicht fliegen wollen“, sagt Friesacher. Dann steht unter Umständen der Sicherheit das große Geld gegenüber.

Dass es solche Anstellungsverhältnisse gibt, hängt wohl auch mit der Preisspirale bei Flügen zusammen: Immer billiger lautet die Devise. „Es hat sich auch die Klientel im Flugzeug verändert. Man muss sich schon fragen, ob ein Flug nach London so günstig sein sollte wie die anschließende Taxifahrt.“

Drohnen: Seit 2014 gilt in Österreich ein Regulativ für Drohnen. Über 250 Gramm Gewicht müssen sie bewilligt werden – 4500 Anträge wurden seitdem gestellt, 3800 genehmigt. „Wir haben außerdem eine App – Drone Space – entwickelt, die dem Nutzer zeigt, ob und wo er mit seiner Drohne fliegen darf“, sagt Pohanka. Gefährliche Annäherungen zwischen Drohnen und Flugzeugen gab es daher in Österreich noch nicht – im Gegensatz etwa zu Deutschland oder Großbritannien.

Die deutsche Flugsicherung geht für 2018 von mehr als einer Million Drohnen allein im deutschen Luftraum aus. Einige unfreiwillige Begegnungen gab es bereits, etwa im Landeanflug auf München. Demnächst soll nach österreichischem Vorbild aber eine EU-weite Regelung für die Drohnen in Kraft treten.

Cyber-Attacken: Laut dem Schweizer Luftfahrt-IT-Unternehmen SITA wollen künftig 95 Prozent der Fluggesellschaften und 96 Prozent der Flughäfen bis 2020 in Cybersicherheitsprogramme investieren. „Das ist nicht so weit weg“, meint auch Friesacher. Immer mehr Flugzeuge verfügen über WLAN an Bord. Das ist zwar von den Steuergeräten gänzlich getrennt, doch „wo man eine Tür einbaut, auch wenn sie verschlossen ist, schafft man auch neue Möglichkeiten“, sagt der Pilot zum Flugzeug-Hacken.

Dass bald Computer gänzlich das Fliegen vom Menschen übernehmen, sei zwar technisch schon zum großen Teil und bald gänzlich möglich. Doch so schnell werde das nicht kommen. „Bei Umwelteinflüssen – etwa der Einschätzung von Gewitterzellen, speziellen Winden – ist der Mensch noch überlegen.“