Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 03.03.2018


Tirol

Ein Pater, der ständig auf Reisen war

Robert Miribung wurde erst im hohen Alter sesshaft. Weltweit engagierte sich der Jesuitenpater für Benachteiligte und Kranke. Dabei wollte der gebürtige Südtiroler ursprünglich gar nicht Priester werden.

© Rudy De MoorMit seinen 87 Jahren geht Pater Robert Miribung noch immer mit dem Elan – und vor allem dem Gedächtnis – eines Zwanzigjährigen durchs Leben.



Von Kathrin Siller

Innsbruck – Pater Robert Miribung ist ein Langschläfer. Als wir um viertel nach zehn ins Innsbrucker Jesuitenkolleg kommen, sitzt er gerade beim Marmeladebrot. Ob wir das Interview nicht auf nächste Woche verschieben könnten, fragt er nervös. Er sei erkältet. Aber schon ein paar Minuten später hat er seine Verkühlung vergessen und erzählt mit spitzbübischem Charme von Tagen, die über 80 Jahre lang zurückliegen.

Sein Leben begann vor 87 Jahren auf dem höchsten Bergbauernhof in Wengen im Südtiroler Gadertal. Eine Stunde mussten die Kinder – Miribung war das dritte von acht – von 1442 Metern zur Schule marschieren. An die erste Schulstunde erinnert er sich, als ob’s gestern gewesen wäre: „Es war die Zeit des Faschismus, wir sprachen ja nur Ladinisch und plötzlich hatten wir Lehrer aus Sizilien und haben kein Wort verstanden. Aber sie waren einfach nett, da habe ich die besten Erinnerungen“, schmunzelt er. Als Italien kapitulierte, marschierte Hitler in Südtirol ein. Die Kinder bekamen einen Bäcker als Lehrer vorgesetzt. Er war einer der wenigen, der Deutsch konnte.

Keine Berührungsängste: In China engagierte sich Miribung für Leprakranke.
- Jesuitenmission

Der vife Bursch fiel den Lehrern auf und so kam es, dass ihn der Kooperator zum Studieren ins Vinzentinum nach Brixen schicken wollte. „Das bedeutete also, dass ich Pfarrer werden sollte. Dagegen wehrte ich mich vehement“, erinnert er sich. Der Zweite Weltkrieg durchkreuzte die Pläne des Geistlichen. Als Miribung erfuhr, dass es nichts mit dem Studium würde, freute er sich diebisch.

Der 15-Jährige lief wie alle Buben des Dorfes mit Gamsbart auf dem Hut herum, führte Mist und wollte Tischler werden. Doch es kam anders. Nach Kriegsende kam der Pfarrer erneut auf ihn zu und sprach über die Möglichkeit, studieren zu gehen. „Ich habe mich vor meinen Freunden richtig geniert, sagte aber Ja.“ Und damit kehrte auch die Lust aufs Lernen zurück. Miribung übersprang eine Klasse, Latein und Griechisch liebte er, die strengen Regeln weniger. „Wir wurden spazieren geführt und wenn uns Mädchen entgegenkamen, mussten wir umdrehen“, grinst er vielsagend.

Kontakt zu den Mädchen gab es trotzdem. „Hilda etwa kokettierte mit mir. Sie weinte bitterlich, als sie erfuhr, dass ich zu den Jesuiten gehen würde.“ Dieser Entschluss trug den 22-Jährigen aus dem beschaulichen Südtirol hinaus in die Welt. „Ich sollte erst nach sechs Jahren wieder nach Hause kommen.“

Nachdem Miribung endlich einen Pass bekommen hatte, zog er zum Noviziat nach Kärnten. Dann ging’s Schlag auf Schlag: Philosophiestudium in Pullach bei München, Praktikum in Kalksburg bei Wien, wo er zum Präfekten des Gymnasiums aufstieg. Ungern ließ er seine Schüler, deren Namen er immer noch weiß, zurück, musste aber zum Theologiestudium nach Innsbruck übersiedeln. Mit 33 Jahren wurde er zum Priester geweiht. Nach einem Abstecher nach Florenz („zum Italienisch-Auffrischen“) wurde er in Kalksburg zum Leiter des Internats ernannt. „Ich hatte aber das Gefühl, dass mir das Amt über den Kopf wächst, schließlich hatte ich keine Pädagogik- oder Psychologieausbildung.“ Er entschloss sich zu einem Pastoralpsychologie-Studium in Innsbruck.

Miribung mit Leprakranke.
- Jesuitenmission

Der Traum, in die Mission zu gehen, sollte sich erst spät erfüllen: Mit 40 wurde er endlich zum Missionsprokurator bestellt und war total aus dem Häuschen. Der „Projektmensch mit dem Computer im Kopf“ koordinierte in seinen 29 Amtsjahren Missionsprojekte weltweit: Mit Spendengeldern – er sammelte sie wie besessen – baute er in China über 50 Kirchen auf, die durch die kommunistische Kulturrevolution zerstört worden waren, aber auch Schwesternkonvente, Krankenhäuser und Leprastationen. Für sein Engagement erhielt er vor einigen Jahren den Freinademetz-Orden. „Wenn ich nach China kam, marschierten oft 3000 Menschen mit Musikkapellen auf“, wundert er sich noch heute über seine Popularität. Mindestens 15-mal reiste er in sein „Lieblingsland“.

Miribung kennt auch den Rest der Welt – ob Burkina Faso, Brasilien oder Burma – wie die Taschen seiner Strickjacke. Eine Weltreise führte ihn von Indien über Japan in die USA – „ich war überall“. Mittlerweile hat er das Reisen aufgegeben. Die Knie wollen nicht mehr. Doch wenn er könnte, würde er sich wohl noch heute in ein Flugzeug setzen.