Letztes Update am Fr, 02.03.2018 09:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Marx und seine Odyssee von Trier bis London

Im Jahr seines 200. Geburtstages ist Karl Marx allgegenwärtig. Der Mensch hinter dem Mythos ist dabei mitunter schwer zu fassen – es sei denn, man folgt ihm durch Westeuropa.

© dpa/gms/DriessenEin bombastisches Grabdenkmal zeigt im Londoner Highgate Cemetery die Stelle, an der Karl Marx begraben wurde.



Karl Marx und Friedrich Engels waren ziemlich beste Freunde. In ihrem Londoner Exil trafen sie sich täglich, wohnten nur zehn Fußminuten voneinander entfernt. Touristen können den genauen Weg noch heute nachgehen – und dabei das Wohlstandsgefälle erleben, das den meist erwerbslosen Philosophen von dem reichen Industriellensohn unterschied.

Das perfekt erhaltene Haus von Engels befindet sich in der Regents Park Road 122 im superteuren Stadtteil Primrose Hill. Hippe Läden und Cafés reihen sich aneinander, und der gleichnamige Park Primrose Hill lockt mit einer fantastischen Aussicht über London.

Der Weg zu Marx führt über eine alte Eisenbrücke und quer über den steil ansteigenden Haverstock Hill, der die Londoner Innenstadt mit Hampstead verbindet.

Lebensweg von Marx

1818. Karl Marx wird in Trier geboren.

1835. Zum Studieren der Rechtswissenschaften zieht es den 18-Jährigen nach Bonn.

1843. Heirat mit Jenny von Westphalen, Aufenthalt in Paris, später in Brüssel.

1849. Karl Marx geht mit seiner Familie ins Exil nach London, mit Friedrich Engels besteht eine innige Freundschaft.

1883. Der deutsche Philosoph stirbt in London, das Bild unten zeigt ihn etwa um 1875.

Nur wenige Straßen, und doch sind es unterschiedliche Welten: Marx’ Adresse, die Maitland Park Road, ist geradezu trist. Das vierstöckige Haus, in dem der Autor des „Kapitals“ seine letzten acht Lebensjahre verbrachte, steht nicht mehr, stattdessen ist hier sozialer Wohnbau entstanden. Viele Bewohner sind Migranten – wie Marx es war.

Es ist die Endstation eines Lebenswegs, der ganz woanders beginnt – im fernen Deutschland, in Trier. Ein Besuch dort macht vor allem eines deutlich: Der sozialistische Cheftheoretiker war selbst kein Proletarier. Dafür reicht ein Blick auf sein barockes Geburtshaus. Es hat durchaus etwas Herrschaftliches.

Das Haus in der Brückenstraße beherbergt heute ein Museum, das aber nicht mehr über die ursprüngliche Einrichtung verfügt. Am 5. Mai 2018 – Marx’ 200. Geburtstag – soll es neu gestaltet wiedereröffnen. Marx selbst hatte nie Erinnerungen an das Haus, denn schon ein Jahr nach seiner Geburt zog die Familie in die Simeongasse um.

Mit 18 Jahren verließ Marx seine Heimatstadt und ging zum Studieren nach Bonn. Im Universitätsmuseum im Kurfürstlichen Schloss sind Originaldokumente ausgestellt, die vermerken, dass er „wegen nächtlichen ruhestörenden Lärmens und Trunkenheit“ im Studentenkarzer eingebuchtet wurde. Merkwürdigerweise hat sich das Museum deshalb zu einem Pilgerort für Touristen aus der Volksrepublik China entwickelt. „Sie amüsieren sich darüber“, erzählt Archivdirektor Thomas Becker. „Vielfach sind sie sehr beeindruckt – wir haben aber auch schon die absolut gegenteilige Reaktion gehabt.“

Da ihm seine Veröffentlichungen bald Probleme mit den preußischen Behörden brachten, setzte sich Marx 1845 nach Brüssel ab. Auch hier muss man sich nicht in die eins­tigen Arbeiterviertel begeben, um dem Autor des „Kommunistischen Manifests“ nachzuspüren. Nein, der Weg führt zum Grand Place. Hier befindet sich die Kneipe, in der er mit anderen deutschen Exilanten zu debattieren pflegte. Das prächtige Zunfthaus mit der Nummer 9 ist an dem barocken Schwan über dem Eingang zu erkennen.

Das Revolutionsjahr 1848 verbrachte er überwiegend im liberalen Köln. Dort verlegte er die einflussreiche Neue Rheinische Zeitung. Leider sind die Redaktionsräume am Heumarkt im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges untergegangen. Als der Elan der Revolution 1849 verpuffte, verließ Marx seine Heimat, um nie mehr zurückzukehren. Er zog mit seiner Frau Jenny von Westphalen – eine echte Adelige, worauf er ungemein stolz war – und drei kleinen Kindern nach London. Genauer: ins Ausgehviertel Soho. In der Dean Street 28 erinnert an ihn eine der blauen Plaketten, mit denen die Stadt auf berühmte Bewohner hinweist.

Weil er Probleme mit den deutschen Behörden hatte, setzte sich Marx nach Brüssel ab.
- dpa/gms/Visit Brussels

1856 konnte es sich Marx dank einer Erbschaft von Jenny erlauben, in eine bessere Gegend im Norden zu ziehen, nach Hampstead. Zunächst wohnte er im Haus Grafton Terrace 46, das von außen unverändert erhalten ist. Nach weiteren Erbschaften mieteten sie 1864 sogar ein frei stehendes Haus mit großem Garten in der Nähe: Modenas Villas Nr. 1, in der Maitland Park Road. Dieses Haus ist schon lange zu Staub zerbröselt. Schließlich zog das Ehepaar 1875 in ein kleineres Haus mit der Adresse Maitland Park Road 41.

Mit dem Bus, damals von Pferden gezogen, fuhr Marx täglich zur British Library, wo er von morgens bis abends im Lesesaal anzutreffen war. Er arbeitete an der „ökonomischen Scheiße“, wie er es nannte. Gemeint war „Das Kapital“. Sonntags entspannte sich Marx mit seiner Familie auf Hampstead Heath, einem Wald- und Wiesengebiet, auch heute noch eines der beliebtesten Ausflugsziele der Londoner.

Marx bewegte sich in London fast ausschließlich unter Landsleuten und verlor nie seinen starken deutschen Akzent. Anfang der 1880er-Jahre ging es mit seiner Gesundheit bergab. Als Engels am Nachmittag des 14. März 1883 zu seinem üblichen Besuch bei ihm in der Maitland Park Road eintraf, fand er ihn tot in seinem Lieblingssessel am Kamin vor. Drei Tage später, am 17. März, wurde Marx im benachbarten Highgate neben der 15 Monate zuvor verstorbenen Jenny bestattet.

Ein Besuch auf dem verwunschenen Friedhof ist der krönende Abschluss der Marx-Reise. Schiefe Kreuze, verwitterte Grabsteine, halb überwuchert von Sträuchern – und plötzlich der Kopf eines bärtigen Riesen – „Charlie“, wie er auf dem Friedhof genannt wird. Das bombas­tische Grabdenkmal stammt aus den 1950er-Jahren. Marx als Held des Sozialismus. Wer es bis hierher geschafft hat, ahnt, dass sich hinter dem Prophetenbart ein echter Charakterkopf verbarg: ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit dem man zu gerne einmal einen Abend im Pub verbracht hätte. (APA, dpa)




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