Letztes Update am Do, 08.03.2018 15:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Marokko: Wundersame Welt nach dem Willen Gottes

Die Einwohner von Marokkos Hauptstadt Rabat und ihrer Schwesternstadt Salè kämpfen sich zwischen Kunst und Korruption in die Zukunft.

© FishmanSo formschöne Tore mit bunten Rahmen findet man oft in Rabat und Salé.



Von Robert B. Fishman

Wirtin Françoise lotst übers Handy ihre Gäste entlang der Stadtmauer zu einer rostroten Eisentür in einer fensterlosen, dunkelgrauen Wand. Schon die Gasse ohne Namensschild würde ein Fremder kaum finden.

Marokkos um einen Innenhof gebaute Altstadthäuser, so genannte Riyads, sind von außen nicht zu erkennen. Oft haben sie keine oder nur winzige Fenster zur Straße. Der Gang schützt vor allem die Bewohnerinnen vor fremden Blicken. Drinnen gehen von einem mit bemalten Fliesen gekachelten Hof auf zwei Etagen die Zimmer ab.

Die Totenstadt Chellah liegt vor den Toren Rabats und ist zur Weltkulturerbestätte auserwählt worden.
- Fishman

Nur wenige Touristen verirren sich in die Altstadt von Salé, der Schwesternstadt vom prunkvollen Rabats (577.000 Einwohner) und mit 870.000 Einwohner der eigenliche Hauptort der Region. Alte Männer stehen an rostigen Metall-Karren, auf die sie Obst und Gemüse gestapelt haben: Orangen, Mandarinen, Minze, Gewürze. In winzigen Läden und Werkstätten hoffen Händler und Handwerker auf Kundschaft. Die meisten tragen die traditionellen marokkanischen Djellabahs, eine Art Kaftan in Blau, Beige oder Braun, meist aus Wolle. Bettler schütteln erwartungsvoll ihre Pappbecher.

Vor einem Betonbau jenseits der Stadtmauer stehen Männer und Frauen singend in einem Kreis. Es sind Arbeitslose, die von der Stadt Jobs fordern. Angestellte des Rathauses drängen sich an den Protestierenden vorbei, ohne sie zu beachten. Hinter dem Verwaltungsbau ragen beigefarbene Neubaublöcke in den blauen Himmel. Der Eagle-Hills-Konzern aus Abu Dhabi baut und verkauft hier Luxuswohnungen am Wasser. „Quai des Créateurs“, Kai der Kreativen, steht in eisernen Buchstaben über der nagelneuen Uferpromenade.

Frei und ungehört

Vereinzelt sitzen junge Leute auf den Stühlen, die Cafés auf die Straße gestellt haben: Pioniere einer Zukunft, die der König dem Land verordnet hat: das „neue Marokko“, modern, weltoffen, jung, wirtschaftlich erfolgreich und voller Zuversicht. In den Apartmenthäusern haben „Kreative“ ihre Geschäfte eröffnet: Möbel- und Mode-Designer, Galeristen. Ziyad Nourredine, ein freundlicher, feinsinniger Herr Anfang 60, gibt in seiner Galerie Malkurse.

Die vier, fünf Meter hohen weißen Wände hängen voll bunter Gemälde. Werke, die dort keinen Platz mehr finden, stehen auf dem hellen Holzfußboden.

Künstler Ziyad Nourredine zeigt stolz die Werke in seiner Galerie
- Fishman

Für ein Jahr hat der Maler und Galerist den Laden gemietet. „Für die 3300 Euro muss ich jeden Monat sechs Bilder verkaufen“, beklagt er die für marokkanische Verhältnisse horrenden Kosten. Trotz der teuren Mieten am Kai der Kreativen strahlt der Künstler Optimismus aus. „Der Markt für Kunst ist klein, aber er wächst.“

Wenige Schritte vor Nourredines farbenfroher Insel der Zuversicht treibt der Wind Plastikmüll über den staubigen Streifen Brachland am Bou-Regreg-Fluss. Zwischen Behausungen aus Folien, Holzresten, alten Decken und Müll führt ein Trampelpfad ans Wasser.

Von hier rudern Fischer in bunt bemalten Holzbooten Passanten für drei Dirham, rund 25 Cent, ans andere Ufer. Vom nahen Ozean weht frische salzige Luft herauf. Keine zehn Minuten dauert die Überfahrt zu Marokkos Hauptstadt, eine der sieben Königsstädte des Landes.

Mystische Klänge

Am Ende der Uferpromenade von Rabat mit ihren Restaurants und Cafés thront auf einem Hügel über der Flussmündung die Kasbah des Oudayas: ein Haufen weißer Häuser hinter einem zinnenbewehrten, aus getrocknetem Lehm erbauten Stadttor. Vereinzelte Touristen flanieren durch die höchstens zwei Meter schmalen, autofreien Gassen zwischen den blau und weiß gestrichenen andalusischen Häuschen.

An einer der Straßen sitzt ein alter Mann auf einer Matratze. Er spielt auf einer Art Laute. Dazu dreht er den Kopf, bis der blaue Bommel seiner bestickten Mütze im Rhythmus um sein Haupt kreist. Niemand interessiert sich für den Gnawa-Musiker. Seine mystischen Klänge stammen, wie der Dunkelhäutige mit dem faltenzerfurchten Gesicht, aus der Wüste im Süden Marokkos. Legt ihm jemand Münzen ins Körbchen, dankt er mit einem Lächeln, einer Zugabe und ein paar Extra-Runden seines Bommels.

Die Uferpromenade am Fluss Bou Regreg.
- Fishman

Der Himmel beschenkt Rabat mit einem klaren Licht, das die Farben zum Leuchten bringt. Am Eingang zur Altstadt leuchtet die alte Stadtmauer in einer Mischung aus Gold, Beige und Hellbraun in der Abendsonne.

Vor dem Zentralmarkt am Altstadttor Bab Chellah warten junge Männer auf Kunden. Auf dem Bürgersteig haben sie Sonnenbrillen, nachgemachte Markenklamotten und allerlei Tand ausgebreitet. Andere verkaufen Obst, Gemüse oder marokkanisches Fastfood: auf mobilen Grills gebratene Merguez-Würstchen, Fleischknödel mit Salat und einer undefinierbaren Soße.

Fahrt ins 21. Jahrhundert

Alle paar Minuten gleitet das 21. Jahrhundert an der archaischen Welt mit ihren Gemüseständen, Werkstätten, Mini-Läden, Bettlern, Händlern und anderen Überlebenskünstlern entlang. Die silbrig glänzende neue Niederflurtram verbindet die Kontraste der marokkanischen Hauptstadt: die Altstadt, das schon etwas heruntergekommene Geschäftsviertel Hassan II und die vor gut 100 Jahren von den Franzosen als Vision der Moderne errichtete Neustadt mit den blütenweißen Art-Deco-Fassaden. Außerdem das schicke Neubauviertel Agdale, der Königspalast und das tiefreligiöse Salé.

Vor der original erhaltenen ehemaligen Koranschule aus dem 13. Jahrhundert hantiert in der Altstadt von Salé ein stämmiger Mann Mitte 20 mit einer großen Kamera. Er filmt ein paar junge Kerle, die immer wieder die Gasse heraufkommen, bis die Szene endlich sitzt. Dazu tönt aus dem Ghettoblaster eine Rap-Ballade. Drch’man ist Lehrer. Nebenbei betreibt er eine kleine Produktionsfirma: „Werbeclips, Musikvideos“, erklärt er beiläufig, während er die letzten Aufnahmen auf dem Laptop prüft.

Dris ist einer von ihnen, ein schlaksiger Junge mit nach hinten gegelten schwarzen Haaren. Dazu trägt er T-Shirt, löchrige Jeans und eine verspiegelte Sonnenbrille. Er hat das Lied geschrieben. Er spielt jetzt die Hauptrolle in dem Musikclip: „Ich sehe sie, sie sieht mich, ich verliebe mich“. Liebe auf den ersten Blick. In der letzten Szene wacht Dris auf. War es alles nur ein Traum?

In Rabat sollte eine der größten Moscheen der Welt entstehen. Davon gebaut wurde der Hassan-Turm, der unvollendete Teil des Minaretts.
- Fishman

Seine Angebetete heißt Melek, eine marokkanische Schönheit mit dunklen Augen. Ihr langes offenes Haar fällt über ihre blutrote Djellabah, eine Art Mantel. Im Film spielt sie „la fille du quartier“, das Mädchen aus dem Viertel. Sie geht auf den Markt. „Da begegne ich ihm wieder. Ein Augenaufschlag ...“, erzählt die 18-Jährige. Sie will „etwas mit Architektur und Dekoration machen, vielleicht auch Model werden“. Die junge Frau ist zuversichtlich. Sie werde etwas finden.

Die Jungs sind skeptischer. „Wenn du hier etwas werden willst, brauchst du Beziehungen“, schimpft einer von ihnen. Er möchte nach Frankreich oder Deutschland, weil man „dort mehr Möglichkeiten hat“. Sein Freund Wallid will bleiben: „In Marokko kannst du so viel machen.“ Am Set kümmert er sich um das richtige Outfit für die jungen Darsteller. „Wenn du in Europa als Stylist arbeiten willst, brauchst du eine Ausbildung. Hier nicht“, weiß der 20-Jährige. „Ich bin zufrieden, Hamdullah, Gott sei Dank.“ Als Stylist verdient er zu wenig, um davon zu leben. Deshalb verkauft er nebenbei Uhren, Sonnenbrillen und andere Accessoires. Jedenfalls „kommt er klar, Insh’Allah“, so Gott es will.

Ein typisch marokkanischer Satz, den Wirtin Françoise besonders liebt. Geschichten hat sie reichlich auf Lager, zum Beispiel die des Installateurs, der wochenlang versucht hat, einen Wasserrohrbruch in ihrem Riyad zu beheben. Immer wieder kam er mit seinem Gehilfen, buddelte ein Loch, riss die Gasse vor dem Haus auf und verschwand. Er werde eine Lösung finden, Insh’Allah, wenn Gott es wolle. Irgendwann hatte sie die Nase voll: „Ab jetzt gilt Insh’Françoise und die will, dass du morgen wieder hier bist.“ Er kam tatsächlich und fand das Leck im Wasserrohr.

Gegen Korruption

Kabarettreif erzählt die wortgewaltige Wirtin, wie sie auf einem Amt nach langer Wartezeit ein Formular bekam, dieses aber vor Ort nicht ausfüllen durfte. Zum Abgeben solle sie einen neuen Termin vereinbaren. Sie weigerte sich, blieb und setzte sich durch. Das seien die Leute hier nicht gewöhnt. Trotz aller Verbote des Königs bestimme die Korruption immer noch den Alltag bis hinunter in die Stadtviertel. So habe letztlich jeder jeden in der Hand und keiner traue sich, den Mund aufzumachen.

Mitten im Geschäftsviertel zwischen der Medina von Rabat stehen reglos Hunderte Menschen in einer Schlange in der Dunkelheit. Über eine Stunde lang bewegt sich nichts. Nach dem Hintergrund des Schauspiels gefragt, zuckt der Kellner eines Cafés mit den Schultern. Auch der Gemüsehändler, der von seinem Karren gerade Mandarinen verkauft, weiß keine Antwort. Beim Bezahlen ist dem Kunden unbemerkt ein 50-Dirham-Schein aus der Tasche gefallen. Der Händler, ein alter Mann, dem das Gehen schwerfällt, kommt um den mobilen Stand geeilt, hebt den Schein auf und reicht ihn dem Mann. Dieser schaut den Gemüsehändler sprachlos an. „Ja, Monsieur, das Vertrauen in die Menschen ist sehr wichtig, wichtiger als das Geld.“

Informationen zu Marokko mit Rabat und Salé

Anreise: Flüge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz z. B. nach Casablanca, von dort mit dem Zug über Casa Port oder Casa Voyageurs (umsteigen) in zwei Stunden nach Rabat und Salé. Die Bahn fährt erstaunlich pünktlich und zuverlässig ( www.oncf.ma ). Airfrance-KLM und andere Airlines fliegen über Paris auch nach Rabat.

Anschauen:

Rabat versteht sich als Schaufenster des Königreichs. Die UNESCO hat sieben Orte in der Stadt in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Salé: Jenseits des Flusses Bou Regreg liegt die ältere und oft übersehene Schwester Rabats: Salé. Ein Ausflug lohnt sich schon wegen der entspannten Überfahrt von Sonnenauf- bis -untergang mit einem der bunt angestrichenen Boote. Tipp: Vorher den Preis für Überfahrt vereinbaren, damit man nicht abgezockt wird.

Übernachten:

Riad Aicha, Salé, von Françoise Boursier liebevoll restaurierter Riyad (um Innenhof gebautes marokkanisches Wohnhaus). Vom Bahnhof Salé Ville sind es zehn Minuten zu Fuß, ohne telefonische Anleitung schwer zu finden.

Der Autor wurde bei der Recherche vom marokkanischen Fremdenverkehrsamt unterstützt.




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