Letztes Update am Do, 15.03.2018 08:43

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

55 Stunden im Zug durch Indien

Im „Raptisagar Express“, der von Südindien bis in den Norden des Landes fährt, herrscht teilweise Chaos, wird duftendes Curry verteilt und Müll übers Fenster entsorgt. Wer aber Glück hat und sich auf die bereichernden Gespräche einlässt, erlebt die indische Lebensweise ganz nah.

© iStockIn Kochi verzehrt man abends den Fisch, der morgens mit Chinesischen Netzen aus dem Meer geholt wurde.



Von Clara Maier

Chai, Chai, Chai!“, ruft jemand durch den Waggon und bleibt bei einem Inder im hellblauen Hemd stehen. Er drückt den Knopf am Stahlkessel, heißer Milchtee fließt in einen Pappbecher. Keine fünf Minuten später folgen „Samosa“-Rufe, die das Abteil in eine Duftwolke aus Frittiertem tauchen. Ehe man sich’s versieht, hält ein Fahrgast die gefüllten Teigtäschchen in der Hand. In einem indischen Zug geht es zu wie auf einem Bazar: Von Curry bis Ledergürtel ist alles erwerbbar. Für Inder gilt die Bahn als wichtigstes Verkehrsmittel, jedes Jahr werden rund fünf Milliarden Passagiere auf einem der größten Eisenbahnnetze der Welt befördert.

Wer von Kochi ganz im Süden bis nach Gorakhpur nahe der nepalesischen Grenze fährt, darf das Spektakel zweieinhalb Tage lang ohne Pause miterleben – knapp über 3000 Kilometer im „Raptisagar Express“.

Mit heißem Kessel und freundlichem Lächeln begleitet der Teeverkäufer die gesamte Fahrt.
- Clara Maier

In Kochi, einer gemütlichen Künstlerstadt am Indischen Ozean, gehen die Passagiere kurzärmelig und freuen sich über den Fahrtwind, der durch die vergitterten, offenen Fenster weht. Es ist zehn Uhr morgens, draußen ziehen Palmenlandschaften vorbei.

An den Bahnübergängen warten klapprige Mopeds dicht aneinandergereiht darauf, weiterfahren zu dürfen. Stoppt der Zug, wird die „Chair Class“ gestürmt, denn dort gilt: Wer zuerst kommt, sitzt. Oft teilen sich Vater, Mutter und Nachwuchs einen Platz. In den Liegewägen ist es ruhiger. Wer sich nicht ins stickige Getümmel wagt, steht an der Türe, die während der gesamten Fahrt offen steht.

Immer wieder springen Verkäufer aus und Passagiere in den bereits abgefahrenen Zug. Kurz vor Mitternacht steigen in Chennai – einer Metropole an der Ostküste, die während der britischen Kolonialzeit rund um das Fort St. George gegründet wurde – zwei junge Männer und eine Frau zu. Alle drei tragen Jeans und legere Shirts. Ganz anders als die bisherigen Fahrgäste, die in farbenfrohen Saris ihre Bäuche zeigten oder klassisch Hemd und Anzugshose trugen. Die jungen Studierenden schleppen statt Ledertaschen sportliche Rucksäcke, die sie mit Schlössern an die Betten ketten. „Da sind unsere Kameras und Objektive drin“, erzählt Rasheed. „Wir kommen aus Mumbai und sind für ein Fotoprojekt mit dem Zug unterwegs.“

Weitläufige Landschaft und üppige Palmen prägen den Ausblick.
- Clara Maier

Der 26-Jährige packt Mamas Jausenpaket aus und verteilt Aloo Paratha, indisches Brot mit scharfer Kartoffelfüllung, unter seinen Freunden. Die drei scherzen und necken sich gegenseitig. „Ami braucht keinen Moskito-Spray, sie verjagt sowieso alle mit ihrem Gestank.“ Dafür erntet Rasheed einen empörten Stoß von der Seite.

Später schauen die beiden eng aneinandergekuschelt auf dem Tablet einen Film an, ein ganzes Stück von indischen Konventionen entfernt, die weder voreheliche Partnerschaften noch sonstige Formen von Zuneigung zulassen.

Anders Mayur, der sich am nächs­ten Morgen mit zwei Cousins der Zuggesellschaft anschließt. Stolz reicht er auf seinem Smartphone ein Foto seiner Verlobten herum, die er nächstes Jahr heiraten wird. Seit vier Jahren dürfen sich die beiden nur unter Aufsicht der Eltern sehen oder auf WhatsApp tratschen. „Sie schreibt viel“, erzählt er. „Und ich muss ihr immer Bescheid geben, was ich gerade tue.“

Heißer Chai, das Nationalgetränk der Inder, ist überall für zehn Rupien erhältlich.
- Clara Maier

Wenn er mit seinem Freund Saurabh Bier trinkt, verdreht er die Wahrheit ein wenig. Sonst sei er ehrlich und treu, meint er, und die Hochzeit werde das Schönste in seinem Leben sein. Um dem Nachdruck zu verleihen, zeigt er ein Video eines Verwandten, wie dieser in glitzernder Tracht ein üppig geschmücktes Pferd reitet. „So werde ich auch aussehen, so bunt wie ein Weihnachtsbaum bei euch!“

Die Männer, die sich um Mayur versammelt haben, lachen. Die Gruppe wird sich während der achtstündigen Zugfahrt noch von Geschäften in der Großstadt erzählen oder über Neffen plaudern, die gerade in Europa tätig sind. Von der Tochter, die in Bangalore studiert oder dem Onkel, der gerade ein Grundstück in Jaipur erworben hat. Irgendein Familienmitglied ist immer involviert. Bei der Verabschiedung gibt es herzliche Umarmungen und familiäre Einladungen. So, als ob man sich schon ewig kennen würde.

Als die Sonne langsam untergeht, ziehen draußen Reisfelder und vereinzelt Hügel vorbei, der Zug rattert auf beängstigend schma­len Brücken über breite Flüsse.

Einige der Häuser am Bahngleis sehen unfertig aus, andere bestehen ohnehin bloß aus Holzbrettern oder Plastikplanen. Mayur und die Männertruppe verlassen das Abteil und werden von älteren Passagieren abgelöst.

Beleibte Frauen packen große, mehrstöckige Currygefäße aus und verteilen dazu Chapati-Brot unter ihren Verwandten – und anderen Fahrgästen. Auch mitreisende Touristen bekommen eine Schale des Gemüses, das eine Duftmelange von süßlichem Zimt und Kardamom, bitterem Kurkuma und würzigem Kreuzkümmel verbreitet.

- Clara Maier

Wer fertig ist, entsorgt die Reste in einem Plastiksack übers Fenster. Mülleimer finden in Indien selten Verwendung, weil „diejenigen, die den Müll aus den Kübeln entsorgen, sowieso dasselbe damit machen: Sie schmeißen ihn neben die Straße, in Seitengassen oder Flüsse“, erklärt Abil, ein junger Künstler aus der Nähe von Delhi, der in der Zwischenzeit zugestiegen ist. Er habe sich damit abgefunden, dass es keine Müllabfuhr europäischer Art gibt.

Draußen fallen jetzt die großen Müllberge entlang der Gleise auf, in denen sich Schweine suhlen. In den Flüssen schwimmen tagsüber Kinder zwischen Plastiktonnen und Dreck. In einem grell beleuchteten Bahnhof spazieren zwei dunkelhäutige Mädchen quer über die Gleise und sammeln in großen Säcken Plastikflaschen ein. „Sie werden pro Stück bezahlt“, erklärt Abil. Die beiden draußen tragen löchrige Kleider, während hier drinnen die meisten inzwischen dicke Pullover übergezogen haben. Die Betten im Waggon werden nach und nach runtergeklappt, es kehrt Ruhe ein. Manche versinken in YouTube-Videos, denen sie mit Kopfhörern lauschen, andere tratschen leise oder blicken entspannt in die Leere.

Was europäische U-Bahn-Gäste schon nach drei Stationen nervös macht, wird hier mit Bravour perfektioniert: Nichtstun und Genießen. Es ruckelt nur ein wenig. Die Betten sind zwar nicht die saubersten, aber ausreichend gepolstert, um gemächlich einzudösen.

Der Bahnhof von Chennai stammt aus britischer Kolonialzeit.
- iStock

Wer in Pokhrayan noch schläft, wird vom morgendlichen Getümmel am Bahnhof geweckt. Zeitungsverkäufer rufen über den Bahnsteig, jemand reicht Mangosaft im Tetrapak durch die Gitterstäbe in den Zug herein. Es ist sechs Uhr und der dritte Tag beginnt. Manche putzen in den verschmutzten Sanitäranlagen die Zähne oder stellen sich an die offene Türe und spucken, als die Fahrt wieder weitergeht, nach draußen. Ihr Blick schweift dabei über die weiten Felder, die sich rechts und links ausbreiten.

Nähert sich die nächste Stadt, tauchen Baracken auf, vor denen Kinder herumtollen. Dass sich hinter den baufälligen Bauten an den Gleisen pompöse buddhistische Tempel wie der Deekshabhoomi in Nagpur, das Taj-ul-Masajid in seinem roten Backsteinkleid in Bhopal oder die Chhota Imambara - ein helles Mausoleum mit zart verzierten Toren und Fenstern in Luknow - verstecken, ist meist nur schwer zu erahnen. Immer wieder prägen jedoch die imposanten Kuppeln und Minarette der Moscheen oder bunte Hindutempel das Stadtbild.

Am Nachmittag nähert sich der Zug seinem finalen Ziel. Die Gäste, die jetzt noch zusteigen, lesen oder schauen aus dem Fenster. Neue Bekanntschaften entstehen fast keine mehr. Draußen steigen Häuserfronten empor und als der Zug mit zwei Stunden Verspätung in Gorakhpur einfährt, werden die Fahrgäste in ein hektisches Getümmel entlassen. In nur wenigen Minuten ist der Zug, der jetzt 55 Stunden lang von unterschiedlichsten Menschen frequentiert wurde, leer. Das Abteil, das die vielen Geschichten der letzten drei Tage beherbergt, wird durchgefegt – und ist bereit für Neues. So ist das in Indien. Ein ständiges Kommen und Gehen, ein reges, endloses Treiben.

Informationen zur Zugreise in Indien

Zugfahrt: Der „Raptisagar Express“ verkehrt dreimal pro Woche zwischen Trivandrum Central in Kerala und Gorakhpur in Uttar Pradesh. Die gesamte Strecke beträgt 3248 km und dauert 57 Stunden. Der Zustieg in Kochi lohnt sich für alle, die vor der Abreise die künstlerische, gemütliche Stimmung in der Küstenstadt genießen wollen. Zugpläne und Ticketinfos unter www.indiarailinfo.com>

Essen & Trinken:

Das Angebot an Tee, Wasser sowie unterschiedlichsten Speisen von Samosa bis frischen Früchten im Zug oder an den Bahnhöfen ist groß und immer ausreichend. Auch die Bahn selbst bietet warme Speisen an.

Schlafen:

Wer sich ins indische Getümmel wagt, kauft am besten in einem lokalen Reisebüro oder direkt am Bahnhof ein Sleeper-Ticket, das für die gesamte Strecke unter 20 Euro kostet. Zwischen 30 und 50 Euro bekommt man ein AC-Ticket im kleineren, klimatisierten Abteil.

Die Autorin reiste auf eigene Kosten.