Letztes Update am So, 18.03.2018 07:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Kaffeehaustour durch Prag mit kubistischer Mehlspeis

Die Kavárnas, Prags Kaffeehäuser aus den unterschiedlichsten Epochen, erzählen von der wechselvollen Geschichte der Stadt. Auch davon, dass es in einem Nobel-Café erlaubt ist, mit Krapfen nach dem Kellner zu werfen.

Süßer Nachschub im neuen Café Orient.

© KammerlanderSüßer Nachschub im neuen Café Orient.



Von Stefanie Kammerlander

Ein eisiger Wind bläst über die weltberühmte Karlsbrücke, lässt die zweistelligen Minustemperaturen noch kälter wirken. Positiv daran ist, dass wir (eine kleine Journalistengruppe aus der Schweiz und Österreich) frostbedingt einen ungestörten Blick auf die Prager Burg genießen können.

Und noch besser ist, dass gleich im Café unter der Karlsbrücke heiße Getränke und süße Köstlichkeiten auf uns warten. Die Favoriten: Café mit Eierlikör, Schaumrollen, Windbeutel und Laskonka, die tschechischen Makronen. Das Musejni kavárna ist eines der ältesten Kaffeehäuser der Stadt und führt uns direkt zu den Anfängen der tschechischen Kaffeehauskultur.

Denn an dieser Stelle eröffnete ein Armenier namens Deodatus Damajan Damascenus das erste Prager Kaffeehaus. 1711 hatte er begonnen, Kaffee auf den Prager Straßen anzubieten: Auf seinem Turban balancierte er ein spezielles Tablett mit Kaffeekännchen und auf den Schultern einen hängenden Serviertisch. In nur drei Jahren hatte er so viel Kaffee verkauft, um sich das Café „Goldene Schlange“ im Stadtteil Kleinseite von Prag zu leisten.

Dekadente Feindbilder

Vom Glanz früherer Zeiten blieb nach dem Zweiten Weltkrieg nur wenig übrig. Denn für das kommunistische Regime der Nachkriegszeit waren Kaffeehäuser die Feindbilder, galten als dekadent und elitär. Cafés wurden geschlossen, Möbel demoliert oder verheizt.

Zeugnis dieser wechselvollen Geschichte liefert etwa das Café Savoy im Stil der Neo-Renaissance am westlichen Moldauufer. Dass Besucher heute über das prächtige Interieur und eine einzigartige Holzdecke staunen können, liegt an findigen Vorbesitzern. Sie hatten die Decke rechtzeitig abgehängt und vor kommunistischer Zerstörung gerettet. Herrlich, sich unter so viel Prunk und Pracht eine Spezialität des Hauses, die Savoy-Torte, schmecken zu lassen.

Die Liste der unbedingt sehenswerten Prager Kaffeehäuser ist lang und verblüfft mit einer unglaublichen Vielfalt. Und langsam stellt sich das Gefühl für diese Art von Kulturgeschichte ein. Etwa im Theaterkaffeehaus Slavia gegenüber dem Nationaltheater.

Prominente wie der Komponist Antonin Dvorák oder der ehemalige Präsident Václav Havel waren Stammgäste. Havel lernte hier auch seine erste Ehefrau kennen. Und er hatte stets einen Platz mit Blick auf die Prager Burg. Ja, genau hier könnte er gesessen und mit anderen Intellektuellen diskutiert haben. Heute erinnert eine große Fotogalerie an die Zeiten von damals. Kulinarischer Tipp: Das Gulasch mit dreierlei Knödeln ist jeden Umweg wert.

Eines der größten Cafés von Prag, das 1902 eröffnete Louvre, hatte es 1994 auch weltweit in die Schlagzeilen geschafft. US-Präsident Bill Clinton spielte hier auf einem Saxophon, das er von Präsident Havel als Gastgeschenk bekommen hatte. Sehenswertes Detail des Jugendstil-Cafés: Im Foyer hängt ein riesiger Stadtplan, der auf Knopfdruck per Lichtsignal das gesuchte Kaffeehaus anzeigt. Imperial? Ja, ein Lämpchen leuchtet auf. Wir marschieren schnurstracks zu der Nobeladresse.

Beim Jamie Oliver Tschechiens

Das Reich des bekannten Fernsehkochs Zdenek Pohlreich (der Jamie Oliver von Tschechien) beeindruckt mit weiß-goldenem opulenten Keramikmosaikdekor, dem Jugendstilgeschmack aus dem Jahr 1914. Übrigens: Ohne Reservierung geht hier gar nichts. Und wer in diesem Café einen Krapfen vom Vortag serviert bekommen sollte, darf damit auf den Kellner zielen.

Ein Kleinod für Fans von Design und Architektur bietet das Haus der Schwarzen Mutter Gottes mit Kubismus-Museum und dem einzigen Café im kubistischen Stil weltweit. Wer sich an den Möbeln und Skulpturen noch nicht sattgesehen hat, kann im Café weiterschauen. Und dazu den kubis­tischen Windbeutel genießen.




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