Letztes Update am Fr, 27.04.2018 09:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Ein Urlaubsparadies, das auf der Hand liegt

Die griechische Halbinsel Chalkidiki im türkisblauen Ägäischen Meer sieht aus wie die verstümmelte Pranke eines Riesen – mit drei grundverschiedenen Fingern: ein wilder, einer zum Wohlfühlen und der dritte zum Wundern.

© Stephan BrünjesDas große Kloster von Athos thront über dem Meer.



Von Stephan Brünjes

Kassandra? In der griechischen Mythologie war das doch diese Dame, die hellsehen konnte, der aber niemand glaubte. Sie erkannte den Trick, als griechische Belagerer der Stadt Troja das riesige Holzpferd mit darin versteckten Soldaten unterjubelten und warnte die Einwohner davor. Doch keiner hörte auf Kassandra, weshalb Troja erobert wurde. Ob dieser Fluch bis heute fortwirkt – bei Kassandra, Chalkidikis erstem Landfinger? „Fahr’ nicht hin, sondern lieber gleich nach Sithonia, auf den zweiten Finger“, hatten die Leute im nahen Thessaloniki gesagt.

Aber wir wollten ja nicht hören. Und kurvten durch Kassandra, diesen gut 50 Kilometer langen und meist 10 Kilometer breiten Streifen, auf Straßen mit leer stehenden Autohäusern und Supermärkten, an der Ostküste vorbei an bis zu zwölfstöckigen All-inclusive-Hotelkästen und schon mal erdbebenartig wummernden Discomeilen mit Bowling-Center und Kart-Bahn: Ibiza auf griechisch. Bis auf das wirklich schön erhaltene Örtchen Afitos mit seinen Natursteinhäusern sind Kassandras Dörfer zumeist wenig einladende Markisen-Ausstellungen mit Gyros/Pommes als Tagesgericht.

Also fix weiter nach Sithonia. Am Wegesrand stehen im Gebüsch immer wieder griechisch-orthodoxe Kirchen in Hydranten-Größe. Nur eine Kerze und ein kleines Bild passen hinein. „Diese ‚Eklisakias‘ stellen die Menschen entweder aus reiner Dankbarkeit neben ihren Grundstückseinfahrten auf oder um am Unfallort eines Verkehrstoten zu gedenken“, sagt Stratos Nikitas. Der sonnenbebrillte Tarnanzugträger kennt auf Chalkidiki jeden Quadratmeter, denn er fährt seit gut 30 Jahren täglich viele davon ab, bei seinen Jeep Safaris.

Vor der Küste Sithonias taucht im Meer Kelifos auf, die Schildkröten-Insel.
- iStock

Unterwegs auf Feuerschneisen

Heute will er seinen Gästen die schönsten Seiten Sithonias zeigen und brettert gegenüber vom Hotel einen Schotterweg hoch in den Wald. Der mündet auf der nächsten Anhöhe in ein kilometerlanges Netz Autobahn-breiter Sandpisten. „Feuerschneisen“, sagt Stratos – noch bevor seine Tourteilnehmer danach fragen können: „Kassandras Pinienwälder sind 2006 fast komplett abgebrannt, mit den Schneisen wollen wir‘s auf Sithonia verhindern.“ Dazu eine ständige Brandwache im eigens errichteten Turm auf gut 800 Meter Höhe. Stratos präsentiert ihn stolz als besten 360-Grad-Ausblick über Sithonia, Kassandra und Chalkidikis östlichen Finger namens Athos. Was für eine Traumlage für diese Land-Hand, dauerbadend in der türkisblauen Ägäis mit wolkenlosem Himmel in griechischem Flaggenblau oben drüber.

Knallrote Mohnblumen und gelbe Margeriten im Frühjahr, Kastanien und Walnussbäume, Steineichen, Wildbirnen und so genannte Erdbeerbäume mit essbaren, aber nicht besonders aromatischen Früchten – Sithonias Landschaft ist vielseitiger als Kassandras und gesäumt von tausenden in der Sonne strahlenden farbigen Holzkisten am Wegesrand: Bienenstöcke, von Profi- und Hobbyimkern aufgestellt.

„Achtung, die Viecher sind angriffslustig“, warnt Stratos die Fotografen seiner Gruppe.

Fischerboote im netten Örtchen Ouranoupolis.
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Nach seiner für Bandscheiben durchaus fordernden Waldfahrt erreichen wir Parthenónas, ein winziges Bergdorf mit drei Tavernen. Eine davon gehört Pavlas („Paul“) Karapapas und seiner Frau – 1977 die ersten Rückkehrer, nachdem das Dorf fast ein Jahrzehnt völlig verlassen war, weil seine Bewohner statt in Ackerfurchen lieber in den damals boomenden Touristenzentren arbeiten wollten. Inzwischen ist Pauls „Taverna Pathenónas“ zum Ausflugslokal mit Busparkplatz mutiert, weshalb Stratos lieber zwei Serpentinen weiter unten einkehrt – bei „Oreiades“, wo die Wirtin uns Tsipouro auf Eis serviert, einst der griechische Arme-Leute-Grappa, heute auf Chalkidiki der populäre „Alle-Leute-Grappa“: Lakritz on the rocks – echt lecker!

Alle Wege führen zum Meer

An der einmal um Chalkidikis Mittelfinger herum führenden Küstenstraße weisen alle paar Kilometer verwitterte, rot-weiße Schilder in Richtung Meer. Wer ihnen folgt, landet in wunderbar verschlafenen kleinen Orten wie Elia oder Toroni, durch die sich Dorfstraßen schlängeln und nach ein paar Häusern am stellenweise kilometerlangen Strand landen oder in schwer erreichbaren Sichel-Buchten, die man in der Nebensaison schon mal für sich alleine hat.

Hotelkästen der Marke „Urlauberschließfach“ gibt’s auf Sithonia nicht, mal abgesehen von Porto Carras, dem verunglückten Versuch des griechischen Reeders Giannis Carras, in den 1970er-Jahren an der Westküste ein Bonsai-Monte-Carlo mit Jachthafen und Casino hinzusetzen. Viel cooler, wenn auch nur im Sommer geöffnet: Sithonias Beach-Bars – zusammengezimmert oft aus ein paar Brettern unter Pinien oder eingebaut in rostigen VW-Bullis, manchmal aber auch mit bunten Restaurant-Tischen im Sand wie in Kalamitsi.

Hier fläzen sich schon mal Menschen mit schütterem grauen Haar, sonnengegerbter Haut und lila Latzhose. Es gibt sie also noch, unsere Flower-Power-Griechenland-Aussteiger von einst.

Stratos Nikitas (r.) erzählt gestenreich von seiner Heimat.
- Stephan Brünjes

An der Südspitze Sithonias zieht sich die Rundstraße von der Küste zurück und weit nach oben ins Hügelland. Die Olivenbäume wirken aus der Ferne fast wie Brokkoli-Büschel am Hang. Ziegenherden trotten in Zeitlupe über die Landstraße.

Und der Blick von der „Taverna Panorama“ hinunter könnte auch der in einen norwegischen Fjord sein. Nach so viel Beinahe-Fata-Morgana traut man kurz vor Sithonias größter Stadt Neos Marmaras seinen Augen wirklich nicht mehr: nanu, eine XXL-Schildkröte im Meer? Die Insel Kelifos ähnelt vom Ufer aus gesehen wirklich einer Panzerechse, heißt bei Einheimischen folgerichtig „Chelona“ (Schildkröte) und ist so was wie ein Sinnbild Sithonias: Chalkidikis Mittelfinger verändert sich ebenso wenig wie die Schildkröte, und genau so wie sie können Gäste hier täglich in der Sonne und an glasklarem Wasser dösen.

Stratos Nikitas (r.) erzählt gestenreich von seiner Heimat.
- Stephan Brünjes

Nur anschauen, nicht hingehen

Athos, Chalkidikis dritter Finger, trägt quasi einen Dauerverband. Und zwar um die vorderen beiden Gelenke. An sie kommt man kaum ran, denn dort ist Athos eine Mönchsrepublik. Mit Grenzzaun, Einreiseverbot für Frauen, Visapflicht und Einlass nur für Männer über 18 Jahre. Gut für die Anbieter von Bootstouren aus dem grenznahen Fischerort Ouranoupoli: Ihre Schiffe sind oft ausgebucht, denn etwas näher kommen möchten viele Chalkidiki-Besucher diesem merkwürdigen Reich schwarzer Kuttenträger schon. 500 Meter, dichter dürfen die Kapitäne nicht ans Ufer ran. Durch Ferngläser und Teleobjektive sieht man nicht viel mehr als zumeist wuchtige, scheinbar an die Felsen geklebte Großklös­ter, von denen einige Harry Potters Zauberschule Hogwarts ähneln. Gut 2200 Mönche leben dort im Schatten des 2033 Meter hohen Berges Athos, angeblich inmitten zahlloser hochheiliger Reliquien. Ein Stück vom Kreuz Jesu etwa und ein Fetzen seines Leichentuchs.

Die Mönche arbeiten täglich acht Stunden (etwa im Weinberg), beten acht Stunden und schlafen acht Stunden, erzählt die Tourguide-Stimme etwas zu andächtig aus dem Bordlautsprecher. Nein, weltferne Eremiten sind die Mönche nicht mehr. Mit Handy am Ohr schlendern einige durch Ouranoupolis, organisieren ihre weltweiten Handels – und Politikbeziehungen.

Doch der Mythos Athos muss gepflegt werden: Schon allein, damit die freundlich-verschmitzten Bewohner ihren Gästen weiter ihren Merkspruch mit auf den Heimweg geben können: „Wenn du eine Frau suchst, fahr nach Kassandra. Wenn du eine Frau hast, fahr nach Sithonia. Und wenn deine Frau dich verlassen hat, fahr nach Athos.“

Mini-Kapellen findet man immer wieder am Wegesrand.
- Stephan Brünjes

Infos Chalkidiki

Anreise: Zahlreiche Fluglinien bieten Flüge nach Thessaloniki an, von dort weiter zu den drei „Armen“ Chalkidikis.

Übernachten:

Am Rand von Ouranoupoli, ein paar hundert Meter von der Grenze zur Mönchsrepublik Athos entfernt, liegt Skites, das sehr schöne Bungalow-Hotel der Deutsch-Griechin Karin Bohn. Von den Balkonen der Apartments hat man einen Postkarten-Panorama-Blick übers Meer bis nach Sithonia hinüber. Das Diner auf der Terrasse ist ein Gedicht! www.skites.gr class="TT11_Grund1">

Erleben:

Nikitas Stavros bietet seine tagesfüllenden Jeep-Safaris auf allen drei Fingern und dem Handrücken Chalkidikis an – ab 50 € aufwärts, je nach Buchung. www.facebook.com/safaristratos . Bootstouren entlang der Küste der Mönchsrepublik Athos starten täglich vom Hafen Ouranoupoli aus. www.athos-cruises.gr>