Letztes Update am Mo, 04.06.2018 12:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Digital Detox

Ein Urlaub, der sich nicht ganz echt anfühlt

Mit dem Smartphone und der ständigen Erreichbarkeit hat sich die Art, wie wir reisen, völlig verändert. Viele kommen von der digitalen Sucht auch an den schönsten Orten nicht los.

© iStock(Symbolfoto)



Von Matthias Christler

Zwei Freunde treffen sich, fragt der eine: „Wie war’s im Urlaub?“ Der andere schwärmt: „Traumhaft, toll, das Meer – so schön!“ Der eine bohrt nach: „Und wie hat es sich angefühlt?“ Der andere schaut irritiert: „Das Wasser? Keine Ahnung, aber ich kann dir ein Selfie zeigen.“ Und dafür gibt es ja Likes, die sich aber leider nicht ganz so gut anfühlen wie ein Glücksmoment am Urlaubsort.

Tipps für Digital Detox

Vorbereitung. Mit den Mitreisenden vorher klären, wie man die Tage füllt. Den Kindern es als „Abenteuerurlaub“ verkaufen. Man kann auch ein „Fotobudget“ festlegen, z. B. nur fünf Aufnahmen am Tag.

Sachte angehen. Am ersten Tag stresst vielleicht noch die Anreise, man braucht das Navi, also erst an Tag zwei mit der digitalen Entgiftung beginnen. Dafür dann richtig abschalten. Firmen-Mails sind ein No-go.

Verbotszonen. Strikte Handy-Verbotszonen ausmachen, z. B. beim Essen oder beim Sonnenuntergang. Mit der Zeit bekommt man so ein Gespür, wo das Digitale uns wirklich hilft und wann es nur ablenkt.

Apps löschen. Schon vor dem Urlaub das Smartphone wie einen Kleiderschrank ausmisten. Kaum verwendete Apps löschen. WhatsApp und Co. für die Dauer des Urlaubs deinstallieren oder Funktionen ausschalten.

Die Art, wie der Mensch reist und seine freie Zeit verbringt, hat sich völlig verändert. Ständig kann man Fotos machen und mit den Daheimgebliebenen teilen, das Smartphone navigiert uns von Ort zu Ort, wir können Restaurantkritiken abrufen und im Ernstfall, wenn im Büro alle Stricke reißen, die Mails am Strand checken. Danke, kleiner Helfer. Oder versteckt sich doch ein kleines Teuflein hinter der tollen Technik? Anitra Eggler beantwortet diese Frage ausführlich in ihrem Buch „Mail halten!“, eine digitale Selbstverteidigung für all jene, die glauben, nicht mehr ohne Smartphone leben zu können, niemals, zu keiner Zeit.

„Kennen sie die E-Mail-Apnoe? Das ist der Moment, wenn man seine Mails im Urlaub abruft und ganz kurz unbewusst die Luft anhält, weil man nicht weiß, was kommt“, erklärt die Autorin und Digital-Therapeutin aus Deutschland, die seit einigen Jahren in Wien lebt. Dieser Moment stresse den Körper. Nix Erholung. Deshalb ist sie eine Verfechterin von „Digital Detox“, einem Trend, der im Silicon Valley entstanden ist und bei dem Digital-Junkies von ihrer Online-Sucht geheilt wurden.

Und sind wir nicht alle ein bisschen süchtig? Eigentlich schade, denn so geben viele ein Ritual auf: nach einem Urlaub den Nachbarn nach dem Tratsch der letzten Wochen und die Daheimgebliebenen über das Wetter ausfragen.

Das „Ich bin dann mal weg“-Gefühl wollen Reiseanbieter ihren Kunden wieder schenken. ASI Reisen aus Innsbruck nimmt den Gästen, wenn diese das wünschen, das Handy ab. Das Hotel „Rosenlaui“ im Berner Oberland wirbt damit, kaum Handy-Empfang zu haben, keinen Internetanschluss und keinen Fernseher. Der einzige Draht nach außen ist ein Münz­telefon. Und wer in der „Hubertus Alpin Lodge“ im Allgäu auf sein Smartphone verzichtet, erhält als Belohnung einen Bergkäse.

Man kann sich genauso selbst belohnen, überall. Für die digitale Auszeit hat Eggler Tipps. Die reichen von Einschränkungen (z. B. nur fünf Fotos am Tag statt 100 machen) über Verbote (kein Handy im Bett, beim Essen und beim Sonnenuntergang) bis zu drastischen Maßnahmen: WhatsApp, Facebook, Instagram und die Mail-App deinstallieren. „Quasi das Handy mundtot machen“, sagt die Autorin. Stattdessen redet man wieder mit Menschen, vor allem mit dem Partner und den Kindern oder auch Einheimischen, die einen statt dem Navi den Weg weisen oder statt Fake-Bewertungen aus dem Netz ein Lokal empfehlen.

Der digitale Entzug lässt sich mit Fasten vergleichen: „Es ist bei jedem anders, aber meist sind die ers­ten drei Tage die kritischen. Man muss sich deshalb schon vorher überlegen, wie man die Tage füllt“, empfiehlt Eggler, im Vorhinein mit den Mitreisenden einen Digital-Detox-Schlachtplan zu erstellen.

Und dem Like-Süchtigen, der lieber Fotos von sich im Meer macht, um seinen digitalen Doppelgänger besser aussehen zu lassen, anstatt zu spüren, wie sich das Wasser wirklich anfühlt, richtet sie aus: „Man muss sich selbst bewusst sein über das echte Leben und ein Selbstbewusstsein dafür bekommen, dass man auch ohne Likes eine gute Zeit gehabt hat.“