Letztes Update am So, 10.06.2018 06:55

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Auf zu den unbekannten Ufern der Elbe

Das Grün der Elbauen, barocke Stadtarchitektur, die Basaltfelsen des Böhmischen Mittelgebirges: Der tschechische Teil des Elbe-Radwegs verspricht viele Höhepunkte. Leider regnet es am Anfang der Tour in Strömen.

In Melnik befindet sich der Zusammenfluss von Elbe und Moldau.

© APA/dpa/gms/Czech TourismIn Melnik befindet sich der Zusammenfluss von Elbe und Moldau.



Weil der Regen unaufhörlich herunterprasselt, ändert Tourguide Sven Czastka den Plan. Er schlägt vor, den ersten Abschnitt der Mehrtagesroute von der Elbquelle bei Spindlermühle im Riesengebirge bis nach Kuks zu überspringen. „Es kann ja wohl nicht fünf Tage am Stück regnen“, sagt er. Zumindest in Kuks bleibt das Wetter aber schlecht. Bevor die ersten Kilometer auf dem Elbe-Radweg gemacht sind, geht es erst einmal in das barocke Kloster von Kuks, das aufwändig renoviert wurde. Zu sehen gibt es Wandgemälde und Skulpturen aus dem 17. Jahrhundert.

Dicke Tropfen prasseln auf den Asphalt. Nach 38 Kilometern sind die Finger in Hradec Kralove klamm. Glücklicherweise hat Jiri Stejskal in dem Ort seine Chocolaterie „Jordi’s chocolate“ eröffnet. Er begrüßt durchnässte Radler mit Chili-Schokolade und Rum.

Eine Länder-Kooperation

Die Idee für den tschechischen Teil des Elbe-Radwegs wurde 2008 bei einer Konferenz in Prag ins Leben gerufen, man arbeitete eng mit deutschen Partnern zusammen. 2012 erschien ein gemeinsames Handbuch zum Elbe-Radweg.

Am nächsten Morgen ist der Himmel zwar noch grau, aber er hat seine Schleusen geschlossen. Zeit für einen Abstecher zur Pferderennbahn von Pardubice. Dort tragen gerade Einspänner mit sportlichen Kutschen einen Wettkampf aus. Einige Kilometer weiter führt die Route am Nationalgestüt von Kladruby vorbei. Mit wehenden Mähnen tollen Altkladruber auf den sattgrünen Koppeln – eine der ältesten europäischen Pferderassen.

Am Gestüt von Kladrubyt steigt man in einen anderen Sattel um.
Am Gestüt von Kladrubyt steigt man in einen anderen Sattel um.
- APA/dpa/gms/Czech Tourism

Weiter geht es im Sattel des Elektro-Fahrrads. Das Tagesziel ist Kutna Hora. Die Stadt liegt etwas abseits der Elbe, der Umweg lohnt sich. Silber machte Kutna Hora Ende des 13. Jahrhunderts zu einer der reichsten Städte Böhmens. Heute gehört die Altstadt zum Welterbe der Unesco, und der Dom der heiligen Barbara versetzt Besucher mit seiner Architektur ins Staunen.

Auf dem Weg über Brandys nad Labem nach Melnik geht es in Stara Boleslav an der Basilika vorbei, an deren Pforte Wenzel, der tschechische Nationalheilige, von seinem Bruder ermordet worden sein soll. Hinter Kostelec folgt ein holpriger Weg. In den schmalen Fahrrinnen erweist sich das nicht sehr wendige E-Bike als unvorteilhaft. Nach 70 Kilometern ist Melnik erreicht.

Am nächsten Morgen vertreibt die Sonne den Elbe-Nebel schnell. Nächstes Ziel: die größte Ostereiergalerie Tschechiens in Libotenice mit unzähligen gewachsten, gebatikten, gekratzten und mit Stroh beklebten Eiern in allen Farben. An den kunsthandwerklichen Meisterstücken hätte Fabergé seine Freude.

Weiter nach Terezin – Theresienstadt. Die Nationalsozialisten machten die Stadt zu einem Konzentrationslager für die Juden Böhmens und Mährens. Von rund 141.000 in Theresienstadt internierten Juden überlebten nur rund 19.000. Mehr als 33.000 Menschen starben dort, etwa 88.000 wurden deportiert und meist in anderen Lagern getötet. Kurz hinter der Stadt beginnt der schönste Abschnitt der Radtour. An den Ausläufern des böhmischen Mittelgebirges geht es an Hopfenfeldern vorbei und dann zu Weingütern. Vor langer Zeit reihte sich hier ein Vulkankegel an den anderen. Die vulkanische Asche gibt dem Boden noch heute eine besondere Mineralität, die auch dem Wein zugutekommt.

Eine interessante Mischung

In Usti nad Labem steht die Schreckensburg auf dem Programm. Es geht bergauf. Von oben hat man eine gute Aussicht auf die Industriestadt, die zunächst nicht allzu spannend wirkt. Die Innenstadt präsentiert aber eine interessante Mischung aus barocker Architektur, Jugendstil und Plattenbau.

Wie hier bei Litomerice radelt man meist ganz nah an der Elbe.
Wie hier bei Litomerice radelt man meist ganz nah an der Elbe.
- APA/dpa/gms/Czech Tourism

Die letzte Etappe führt über 28 Kilometer von Usti nach Decin, das ein „Mekka für Aktivtouristen“ ist, wie Czasta sagt. Hier geht es sportlich zu: Auf der Elbe sind viele Kajakfahrer und Menschen in Schlauchbooten unterwegs. Mountainbiker und Wanderer zieht es auf die Sandsteinkämme, es gibt auch Klettersteige. Von Decin aus sind es nur noch wenige Kilometer bis Schmilka auf deutscher Seite. Hier türmen sich die Sandsteinfelsen beiderseits der Elbe auf. Die Natur zeigt sich auf dem letzten Abschnitt dieser 243 Kilometer langen Radtour von Kuks an die deutsche Grenze noch einmal von ihrer schönsten Seite. (APA, dpa)