Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 05.07.2018


Quallenalarm

Giftqualle nesselt Tiroler Urlauberkind auf Mallorca

Mallorca erlebt derzeit ein Massenauftreten von hochgiftigen Quallen. Ronja (9) aus Axams wurde vor zwei Wochen im Urlaub von einer Medusa im Gesicht verletzt.

© iStockphoto



Von Kathrin Siller

Innsbruck, Axams – Anfang der Woche wurde auf Mallorca Quallenalarm ausgerufen. An einigen Stränden hieß es sogar: Schwimmen verboten! Bereits Ende Mai mussten einige Strände gesperrt werden, weil die hochgiftigen Portugiesischen Galeeren der Küste zu nahe kamen.

Auch die neunjährige Ronja Ellinger aus Axams hatte vor zwei Wochen ein folgenschweres Zusammentreffen mit einer Qualle. Sie war mit ihren Eltern und drei Geschwistern im Urlaub auf Mallorca. Am Tag vor der Rückreise passierte es: „Wir waren in einer wunderschönen Bucht und ich bin mit meinem Bruder von einem Felsen gesprungen. Das Wasser war sehr kalt und es gab große Wellen. Plötzlich hat es im Gesicht so weh getan und gebrannt, als würde meine Haut abreißen. Zum Glück hatte ich eine Taucherbrille auf.“

Die Strandwache hatte sofort Aceton und Tupfer zum Reinigen parat. „Wir hätten ja nicht einmal gewusst, dass Duschen alles noch schlimmer macht“, erzählt Mutter Bianca. Abends fuhren die Eltern mit ihr aber doch ins Krankenhaus, wo ein Antibiotikum verabreicht wurde. Die Ärzte meinten, dass die Reaktion untypisch für die um Mallorca heimischen Quallen sei. Ob es eine Portugiesische Galeere war, wissen sie bis heute nicht. Nach ihrer Rückreise verbrachte Ronja jedenfalls noch eine Nacht in der Innsbrucker Klinik.

Meeresbiologe Reinhard Kikinger aus Senftenberg (NÖ) bedauert, was der Schülerin passiert ist. Der Quallenexperte hat sich zwar auf die harmlose Spiegeleiqualle spezialisiert, erlebte aber selbst schon einige „Mini-Gift-Injektionen“. Das Massenauftreten der Portugiesischen Galeere hat ihm zufolge komplexe Ursachen, man könne es nicht allein auf die Verschmutzung der Meere schieben. Allerdings sei das verstärkte Vorkommen von Nitrat aus Düngemitteln oder häuslichen Abwässern für Planktonblüten verantwortlich. Die Medusen finden dann mehr Futter. „Weiters können milde Winter dazu führen, dass die Tiere mehr Nachkommen produzieren. Und Strömungen schwemmen die Portugiesische Galeere, die eigentlich im Atlantik vorkommt, ins Mittelmeer“, erklärt Kikinger. Nicht zuletzt können Quallen durch Ballastwasser von Schiffen verschleppt werden. „Auf den Weltmeeren sind ja Tausende Handelsschiffe unterwegs. Auf den Rückfahrten haben sie weniger geladen und nehmen Ballastwasser auf, um stabil im Wasser zu liegen. Bei Bedarf lassen sie es eben irgendwo wieder aus.“

Für Kikinger sind Quallen in erster Linie ein interessantes Forschungsobjekt. „Es sind die ältesten Tiere überhaupt. Seit 600 Millionen Jahren haben sie jede Umweltveränderung überlebt. Beim Tauchen sind die Quallenschwärme im tiefblauen Wasser märchenhaft schön“, schwärmt der Biologe.

Werden sie an die Küsten geschwemmt, sieht der Mensch in ihnen freilich vor allem eine Gefahr. So musste schon mal ein Atomkraftwerk stillgelegt werden, weil Quallen die Kühlwassereinlässe verstopft hatten. Weil sie die Eier von Fischen vertilgen, sorgen sie auch da für Schäden. Fressfeinde haben sie – bis auf den Mondfisch und die Lederschildkröte – kaum.

Bei einer Quallenplage, wie sie Mallorca derzeit erlebt, ist guter Rat teuer. Quallennetze helfen nur bedingt: „Bei Seegang treiben die Medusen gegen die Netze, Tentakel reißen ab und auch deren Nesselkapseln können sich bei Kontakt entladen“, so Kikinger. Selbst an Land liegende Quallen sollte man nie angreifen.

Ronjas Mutter Bianca wäre gerne von Schildern am Strand gewarnt worden. „Ein paar Einheimische meinten, dass ihre Kinder gar nicht mehr gerne ins tiefe Wasser gehen, weil sie die Quallenschmerzen schon zu gut kennen.“

Van Anh Nguyen, Oberärztin an der Innsbrucker Hautklinik, behandelt gerade im Sommer immer wieder Quallenopfer. Antihistamin- und Cortisontabletten sind die Mittel der Wahl gegen die Rötungen, Schwellungen und Quaddeln. „Die betroffenen Hautstellen können auch Monate danach noch jucken oder Sensibilitätsstörungen haben“, weiß die Medizinerin. Die Narben würden aber meistens gut abheilen. Nur bei sehr intensivem Kontakt mit dem Gift können Nekrosen auftreten, also Gewebeteile absterben.

Nach einer Nesselung muss die sich erneuernde Haut über Monate vor der Sonne geschützt werden. „Ich decke die Narben jetzt mit einem großen Pflaster ab und darf nicht ins Chlorwasser“, erzählt Ronja. Die Familie lässt sich die schönen Urlaubserinnerungen von dem Zwischenfall aber nicht vergiften. „Jetzt heißt es nur: Narbe pflegen, damit nichts zurückbleibt“, meint Mutter Bianca. „Ronja freut sich schon auf einen Tauchkurs. Den haben wir ihr versprochen, damit sie in Zukunft sieht, was da so im Wasser herumschwimmt.“