Letztes Update am So, 08.07.2018 09:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

In einer Nussschale durch Nessies Reich

Auf dem Kaledonischen Kanal in Schottland dürfen Urlauber auch ohne Führerschein Boote mieten und Loch Ness befahren. Eine Begegnung mit dem Ungeheuer ist die geringste Sorge.

© iStockDer Kaledonische Kanal mit seinen vielen Schwingbrücken zieht sich durch die Highlands.



Es gibt Tee, Kekse und eine Rettungsweste. Ob die einen bei Loch Ness vor dem Seeungeheuer retten kann, ist fraglich. Man sollte sie trotzdem immer tragen, solange sich das Boot bewegt, mahnt der Einweiser. Und das Boot bewegt man selbst. Denn in Schottland darf man Motorboote ohne Bootsführerschein leihen. Eine kurze Schulung im Büro der Charterbasis in Inverness samt Sicherheitsfilm – dann werden die Vorräte an Bord geschleppt: Toast, Milch, Butter, Wasser und mehr für vier Tage.

Zündschlüssel, Vorwärtsgang, Rückwärtsgang: Die praktische Einweisung hat etwas von einer Probefahrt mit dem neuen Auto.

Kann es so einfach sein? Wegen der manchmal unberechenbaren Wetterverhältnisse ist das Fahren auf Loch Ness schon herausfordernd, sagt der Skipper. Nervosität und Vorfreude machen sich breit.

Das Urquhart Castle am Ufer von Loch Ness ist eines der ältesten Schlösser Schottlands.
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Motorwartung, Strom, Wasser, Gasherd, Kombüse, Toilette, DVD-Spieler – alles wird besprochen. Handbuch und Navigationskarte liegen parat. Dann heißt es ablegen. Leinen los, Kanal hoch. 10,4 mal 3,8 Meter Boot wollen manövriert werden. Mit 80 PS. Jetzt nur keines der benachbarten Boote rammen. Im Ernstfall kann man die Notrufnummer des Bereitschaftsdienstes des Bootsverleihers wählen. 24 Stunden am Tag. Doch es klappt. Rausrangieren, Fahrt aufnehmen in Richtung des ersten Sees.

Der Kaledonische Kanal erstreckt sich von Inverness bis Fort William quer durch die Highlands. 1822 als kürzere Verbindung zwischen Nordsee und Atlantikküste nach 19 Jahren Bauzeit fertig gestellt, steht die Wasserstraße heute unter Denkmalschutz. Great Glen – „großes Tal“ – heißt die Gegend, in der sich gebauter Kanal und eine Kette natürlicher Seen abwechseln.

Defekt bremste die Abenteurer

Doch bereits an der ersten Schwingbrücke, der Tomnahurich Swing Bridge, wird die Abenteuerlust jäh ausgebremst. Ein Defekt. Die Brücke will nicht drehen und nicht mehr schließen. Rechts und links wenden Autos. Auf dem Kanal gibt es keine Ausweichstrecke.

Am südlichen Ende des Sees erreicht man Fort Augustus.
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Urlaub ist, wenn man das Beste daraus macht. Also müssen die Vorräte im Bordkühlschrank dran glauben. Wer heute vorkocht, hat morgen mehr von der Aussicht. Kurz darauf riecht das ganze Boot nach Essen. Und die Umgebung scheinbar auch. Der Duft nach Fleischlaiberln weckt Interesse beim englischen Liegenachbarn, der ebenfalls vor der Schwingbrücke gestrandet ist. Es wird gekostet. Abends wartet die Bugkabine mit Doppelbett. Am Morgen hat sich die mächtige Brücke aufs Schwingen besonnen. Kaum sind Dochgarroch und der kleine Loch Dochfour passiert, wird der Blick weit. Loch Ness öffnet sich – viel größer als erwartet. Imposant, phänomenal, mys­tisch. Dunkle Wellen inmitten von bergiger Landschaft. Ein mulmiges Nussschale-auf-dem-Meer-Gefühl stellt sich ein. Wie tief ist dieser Ungeheuersee eigentlich? Etwa 230 Meter an der tiefsten Stelle.

An Deck wird das ganze Ausmaß der Schönheit erlebbar. Möwen folgen dem Boot, die Sonne strahlt, und es riecht nach Grün und Ferien. Am Ufer liegt Urquhart Castle, die Ruine eines der ältesten Schlösser Schottlands. Loch Ness ist mit seinen 37 Kilometern Länge und 1,5 Kilometern Breite der zweitgrößte See Schottlands. Aufgrund seiner Tiefe hat er jedoch das mit Abstand größte Wasservolumen. Dagegen sieht das Hausboot aus wie eine Perle im Sandkasten. Also volle Fahrt nach Fort Augustus am südlichen Ende des Loch Ness. Vier Stunden später ist der See durchkreuzt. Genug Abenteuer für Anfängerkapitäne. Anlegen am westlichen Ende von Fort Augustus. Eine kleine Lücke zwischen größeren Booten reicht aus, um sich einzuschieben.

Hauruck und Herzlichkeit

Tags darauf heißt es: Schleusentreppe. Fünf Staustufen, fünf Schleusen, sechs Schleusentore hintereinander. Eine gute Stunde und durchaus kräftezehrende Arbeit stehen an. Wasser ergießt sich schäumend über massive Metalltore – Schleusentor-Flutung. Handarbeit ist die Devise, die Boote werden mit Tauen von einem Becken ins nächste gezogen. Das machen nicht etwa die netten Schleusenwärter. Nein, das macht der Hausbootkapitän mit seiner Crew selbst. Die Profis juxen und scherzen, deftig, eine Kostprobe schottischer Herzlichkeit. Hauruck. Schaulustige stehen am Rand, weniger schwitzend, aber ebenso lachend.

Wenig später folgt die nächste Schleuse, Kytra Lock, an der kleine Cottages mit bunten Haustüren schottische Idylle repräsentieren. Eine weitere Schleuse und eine Schwingbrücke später geht es hinaus auf Loch Oich. Der idyllische Süßwassersee bildet den höchsten Punkt der Strecke, rund 35 Meter über dem Meeresspiegel. Das Wasser fließt hier von zwei Seiten dem Meer zu. Zeit umzukehren.

Retour liegt der Rastplatz an einem bewaldeten Stück Kanal. Angel raus, Ruhe genießen. Der Fisch bleibt aus, dafür kommt die Entspannung. Wenig später geht es mit tuckerndem Motor weiter. Die neu gewonnene Fahrsicherheit lässt Übermut aufkommen. Zack. Geschwindigkeitsübertretung im Kanal. „No speeding in the canal“, schallt es zur Begrüßung aus Lautsprechern bei der Einfahrt in den Hafen. Peinlich. Der Hafenaufseher wiederholt sich, ohne Lautsprecher, persönlich. Noch peinlicher. Auf eine kleinlaute Entschuldigung folgt ein freundliches Brummen. Immer diese Touris, scheint der wohlgelaunte Schotte zu denken.

Morgens beim Frühstück am Heck schlägt es plötzlich hohe Wellen. Ein großes Ausflugsschiff schiebt sich zur Schleuse. Bei einer anderen Schleuse gibt es ein Sternchen von der ehrfurchteinflößend dreinschauenden Schleusenwärterin. Weil man die Rettungsweste trägt. Gut gemacht. Die Frage, was jene bekommen, die keine Weste tragen, bleibt offen. Nach knapp 100 km ist der Abschied von Bord wehmütig. „Der Abend bringt alle nach Hause“, lautet ein schottisches Sprichwort – und das gilt leider auch für Urlauber. (APA, dpa)




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