Letztes Update am Fr, 13.07.2018 09:54

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Der Tanz der fliegenden Menschen in Mexiko

Luftiger Tanz für gute Ernte: Die Voladores in Mexiko vollziehen ein Jahrtausende altes Fruchtbarkeitsritual, indem sie sich von bis zu 40 Meter hohen Holzpfählen baumeln lassen. Der Tanz ist für die Teilnehmer nicht immer ungefährlich.

© Cumbre Tajin/CerdenoDas Jahrtausende alte Fruchtbarkeitsritual wird in Mexiko noch mancherorts praktiziert.



Von Amelie Richter, dpa

Papantla – Heriberto spreizt seine Flügel und legt den Kopf in den Nacken. Ein letzter Blick in Richtung Sonne und er lässt sich rückwärts über den Holzbalken in fast 20 Metern Höhe fallen – um die Taille nur ein gelbes Seil als Sicherung. Der 29-Jährige aus der mexikanischen Stadt Puebla ist ein Volador, ein fliegender Tänzer. Das präkolumbianische Fruchtbarkeits-Ritual der Totonaken sollte einst eine gute Ernte bescheren und Mutter Natur friedlich stimmen. Bis heute wird in dem lateinamerikanischen Land die Tradition der Voladores von Generation zu Generation weitergegeben.

Heriberto ist einer von vier Luft-Tänzern, die in Vogel-Kostümen an dem Pfahl in Papantla im Bundesstaat Veracruz baumeln. Während er kopfüber am Seil hängt, dreht sich die Plattform am Ende des Pfahls und die Voladores nähern sich kreisend dem Erdboden. Als sein Kopf knapp über dem Gras schwingt, zieht sich der 29-Jährige mit einer schnellen Bewegung nach oben und landet laufend auf dem Boden. Schwarze Leder-Stiefeletten mit Absatz geben den Fliegern die nötige Bodenhaftung.

„Ich bin stolz, ein Repräsentant dieser Tradition zu sein“, sagt er nach seinem Luft-Tanz. Bereits mit fünf Jahren hat er Unterricht als Volador genommen. Fast seine ganze Familie ist in Voladores-Gruppen aktiv. „Unsere Kostüme sind den ursprünglichen Verkleidungen nachempfunden“, erklärt er. Die Tänzer sollen Adler, Eulen oder den in Lateinamerika verbreiteten Quetzal-Vogel darstellen.

Nach der spanischen Eroberung Mexikos wurde zudem eine Voladores-Tracht bestehend aus einer roten Hose, einem weißen Hemd und einer Kopfbedeckung mit bunten Bändern eingeführt, wie ein Lehrer der Voladores-Schule im Takilhsukut-Park erklärt. Die im Wind flatternden Bänder sollten beim Luft-Tanz an die Vögel erinnern. Im Kulturzentrum Takilhsukut-Park, unweit der historischen Ausgrabungsstätte El Tajín, zeigen Mitglieder der Totonaken-Gemeinde Besuchern ihre Traditionen. Das Voladores-Ritual habe es bereits in vorchristlichen Zeiten gegeben, so der Lehrer. 2009 wurde es von der Unesco als Immaterielles Kulturerbe anerkannt.

Die Voldadores, die fliegenden Tänzer.
- Cumbre Tajin/Cerdeno

Pro Jahr kommt bei dem Ritual durchschnittlich ein Volador ums Leben, wie der Sprecher des Kulturzentrums, Salomón Bazbaz, erklärt. „Die meisten Unfälle passieren, wenn das Equipment auf den Pfahl gebracht wird“, so Bazbaz. Das größte Risiko trage der „Caporal“, der Anführer, der als erster nach oben steigt und später ohne Sicherungsseil auf einer kleinen Plattform steht, während sich die Tänzer nach unten drehen. Er spielt während des Tanzes eine Handtrommel und eine Flöte aus Holz. Die Pfähle der Voladores können bis zu 40 Meter hoch sein.

In ganz Mexiko gibt es nach Angaben des Kulturzentrums rund 1000 Voladores. 50 davon sind Voladoras – fliegende Tänzerinnen. In Guatemala werde das Ritual zudem von Mitgliedern der indigenen Völkergruppe der Maya durchgeführt, so Bazbaz. In ganz Mexiko lernten derzeit rund 200 Kinder den Luft-Tanz. Eine der größten Schulen befindet sich im Takilhsukut-Park.

Unterricht in luftiger Höhe bekommt auch Madai. Die Elfjährige steckt wie Heriberto in einem Vogelkostüm und kann es kaum erwarten, ihr Können zu zeigen. „Ich hatte am Anfang ein bisschen Angst“, sagt Madai. Aber mittlerweile sei diese verflogen. Wenn die Kinder ihre Ausbildung zum Volador beginnen, lernen sie nicht nur, wie man sicher auf den Boden kommt, sondern auch Totonakisch und die Geschichte hinter dem Ritual, wie der Lehrer erklärt. „Es ist wichtig, dass die Kinder wissen, was hinter dem Ritual steckt, damit sie es auch repräsentieren können.“

Die Legende der ersten Voladores berichtet von einer Dürre im Bundesstaat Veracruz. Die Dorfältesten suchten nach einer Möglichkeit, die Götter milde zu stimmen. Deshalb schickten sie eine Gruppe Männer los, um den höchsten Baum des Waldes zu finden. Dieser wurde gefällt und mit einem Tanz gesegnet, bevor die ersten vier Voladores – für jede Himmelsrichtung einer – und der Anführer empor kletterten.

Vor und nach dem fliegenden Tanz sammeln sich die Voladores um den Pfahl. Zu ihnen gehört auch eine Gruppe, die den „Danza de los negritos“ (etwa: „Den schwarzen Tanz“) für die Götter vorführt – diesmal auf dem Boden.