Letztes Update am Fr, 03.08.2018 12:30

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Eine Radtour für Feinschmecker in Istrien

Istrien ist viel mehr als nur glasklares Wasser. Das Hinterland lockt mit Trüffeln, Olivenöl und Wein. Am besten erkundet man es mit dem Rad.

© iStockEinen imposanten Anblick auf dem Weg nach Porec bietet Motovun. Die auf einem Hügel thronende mittelalterliche Stadt ist das Trüffel-Zentrum Istriens.



Von Wolfgang Otter

Toscana war gestern, das Hinterland von Istrien ist heute. Dörfer und kleine Städte, die trutzig weit sichtbar auf Hügeln thronen und von der Wehrhaftigkeit der Bewohner zeugen, gepflegte Weingüter und die immer wieder hörbare italienische Sprache lassen zwar an die weltberühmte italienische Region denken, bezahlt wird hier aber mit Kuna und Lipa. Und das Italienisch ist gemischt mit der kroatischen Sprache.

Kroatien und dessen dazuzählender Teil von Istrien gehören schon lange zu den Top-Destinationen für Urlauber aus Österreich, aber in erster Linie zieht es die Massen an die Küste. Glasklares Meerwasser, Campingplätze und Hotels für jede Geldtasche sind die Magneten, Städte wie Rovinj, Novigrad und Porec die Ziele der Urlaubersehnsüchte.

In Groznjan findet man die typischen Steinhäuser.
- Otter

Immer größer wird jedoch auch die Schar derer, die dem Hinterland den Vorzug geben. Hier ist Istrien noch wesentlich ursprünglicher als an der ohnedies nicht weit entfernten Küste, an der in den vergangenen Jahrzehnten auch so manche Betonbausünde in die Höhe gezogen wurde. Aber man ist zumindest dabei, diese optisch zu verschönern.

Was rund um die Stadt Buje, Momjan und Brtonigla meist mit reiner Privatzimmervermietung begann, entwickelt sich immer mehr zum Sterne-Luxus. Hotels wie das San Rocco im kleinen Dorf Brtonigla oder das jüngst bei der bekannten Privatbrauerei San Servolo entstandene Spa-Hotel (mit Bierwellness – der Traum jedes Fans des Hopfengetränks) nahe der Stadt Buje steigern die Qualität ganz beachtlich. Zudem werden B&B-Betriebe wie die Casa romantica la Parenzana permanent verbessert. Ohne Zweifel ist der Tourismus im Hinterland im Aufwind.

Blick von Groznjan aus in das abendliche Hinterland Istriens.
- Otter

Wobei diese gründurchzogene hügelige Region Istriens schon lange ein Top-Ziel für Feinschmecker ist. Die Wälder liefern Trüffel und Wild, die rote Erde Wein und ausgezeichnetes Olivenöl. Hervorragende Lokale wie San Rocco, die Konobas (Landgasthäuser) Astarea und Morgan in Brtonigla sowie das Stari Podrum oder Rino in Momjan oder das Parenzana und San Servolo in der Nähe von Buje sind nur einige davon – die Liste ist lang.

Per Rad zum Trüffelzentrum

Wer sich auf eine Feinschmeckerreise machen und das Gebiet erkunden will, tut dies am besten per Fahrrad. Dabei bekommt man nicht nur die Dörfer und Landschaft abseits der Autobahn und Durchzugsstraßen zu sehen, man strampelt auch die Kalorien wieder herunter, die man in den Konobas und Restaurants in Form von ausgezeichnetem Essen zu sich nimmt.

Eine der bekanntesten Radstrecken Istriens ist die Parenzana, die drei Länder (Italien/Slowenien/Kroatien) verbindet und auch für die Multikulti-Tradition dieser Region steht. Zweisprachige Ortsschilder im kroatischen Teil Istriens zeugen von der auch italienischen Vergangenheit der Region.

Angelegt wurde der Radweg auf der ehemaligen Eisenbahnstrecke Parenzana, – oder TPC (Tries­te-Parenzo/Porec-Canfanaro), die im Jahre 1902 gebaut wurde. Also noch zu Zeiten der k. u. k Monarchie entstand diese 123 Kilometer lange schmalspurige Eisenbahnstrecke und verband nicht weniger als 33 Orte zwischen Triest und Porec. Zu dieser Zeit war sie gewissermaßen die Lebensader der Region. Sie konnte einen großen Beitrag zum wirtschaftlichen Fortschritt Istriens leisten. Durch die Bahn war der Transport von Wein und Olivenöl aus der Umgebung von Buje und Motovun, Salz von den Salinen in Piran, istrischem Stein, Kalk, Kohle und Holz, verschiedenen Landwirtschaftsprodukten und auch von Passagieren ermöglicht worden, wie auf der offiziellen Homepage des Projektes www.parenzana.net nachzulesen ist. Nach etwas mehr als 30 Betriebsjahren war aber Schluss. Die Strecke wurde eingestellt. Dass heute anstatt Lokomotiven und Waggons Fahrräder über Viadukte und durch Tunnels fahren können, ist einer Idee anlässlich des Jahrhundertjubiläums der Streckeneröffnung zu verdanken. Im Jahr 2002 haben die Gespanschaft Istrien und die Verwaltungsabteilung für Fremdenverkehr zusammen mit dem Verein für die Erneuerung der Eisenbahn Porec-Koper-Triest das Fundament für das zukünftige Projekt „Parenzana – Weg der Gesundheit und Freundschaft“ gelegt.

Wer sich darauf auf den Weg macht (Achtung, Kroatien ist noch kein Schengen-Land, daher wird beim Grenzübergang immer der Pass kontrolliert) wird zwar teilweise über sehr grob befestigte Wege fahren müssen, ein entsprechendes Fahrrad ist also anzuraten, aber der Ausblick auf das Blau des Meeres und die mittelalterlichen Dörfer lassen das Holpern vergessen, frei nach dem Motto: „Gut geschüttelt, aber belohnt.“

Abseits des Parenzana-Radwegs finden sich viele Routen für Mountainbiker.
- iStock

Beginnend in Triest, bzw. eigentlich einige Kilometer danach in Muggia, radelt man nur ein kurzes Stück durch Italien, bevor es durch Slowenien entlang des Meers und der Salinen nach Kroatien geht, wo der steinigere Wegteil beginnt. Sehenswerte Städte wie Buje, „Wächter Istriens“, wie sie einst hieß, liegen am Weg. Ein Besuch des historischen Zentrums mit ihrer Wehrmauer und den Patrizierhäusern lohnt auf alle Fälle. Weitere Höhepunkte sind Groznjan (Grisignana auf Italienisch) und Motovun (Montona). Ersteres ist alleine wegen seiner Geschichte ein Novum. Nachdem immer mehr Menschen aus dem Bergdorf absiedelten und zuletzt nur noch eine Handvoll hier lebten, wurden in den 1960er-Jahren die Häuser für einen symbolischen Preis an Künstler verkauft. Heute umfasst das Dorf 160 Einwohner, bietet Platz für ein internationales Zentrum für Nachwuchsmusiker und zieht mit seinen Galerien, Ateliers und Kunsthandwerksläden Touristen an. Hier hat man auch den höchs­ten Punkt der Radtour erreicht.

Weiter geht es nach Livade und Motovun. Beides die Hochburgen der istrischen Trüffelkultur. In Livade findet sich Istriens bekanntestes Trüffel-Restaurant, die „Enoteca Zigante“. Und Motovun muss man alleine wegen des (nach steilem Aufstieg zu erreichenden) historischen Zentums sehen. Knapp vor Porec endet der Barenzana-Weg.

Doch sie ist nicht die einzige Route für Radler. Da wäre noch eine Tour für Kenner und Freunde des edlen Tropfens: von Buje über Momjan und Groznjan. Den schönsten Abschnitt findet man im zweiten Teil, und zwar unter dem Berg Momjan im Argillatal, mit den Weingärten und dem Wasserfall. Danach folgt Momjan mit dem Kastell und den Top-Weinkellern. Und sollte einen die Sehnsucht nach dem Meer überkommen: Von Buje aus sind es nur zehn Kilometer zur Küste und einem kühlen Bad. Dabei kann man in Seelenruhe nachdenken, ob es zum Abendessen Trüffel oder Fisch werden soll.

Darf auf keiner Istrien-Reise fehlen: der Besuch von Rovinj, 60 Kilometer von Buje entfernt.
- Otter

Wissenswertes

Rund 88 Prozent der Halbinsel Istrien gehören zu Kroatien, elf Prozent zu Slowenien (sehenswerte Städte Koper, Piran), ein Prozent zu Italien. Der Großteil der knapp 230.000 Einwohner der Halbinsel lebt in Kroatien.

Nach Buje sind es von Innsbruck aus zwischen 400 und 450 Kilometer mit dem Pkw, je nach Route (Osttirol oder Taunernautobahn). In Slowenien wird eine Autobahn-Vignette benötigt. Informationen auf www.istra.hr

Der Autor reiste auf eigene Kosten.




Kommentieren


Schlagworte