Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 18.08.2018


Reise

Es schickt sich noch

Via Smartphone sind die Urlaubsfotos in Sekunden an Freunde und Familie zuhause geschickt. Wer braucht da noch Postkarten? Doch die verkaufen sich nach wie vor gut. Je kitschiger die Motive, desto besser.

© Thomas Boehm / TTDie Postkarte des Goldenen Dachls verkauft sich besonders gut. Kreative Perspektiven sind dabei allerdings nicht gewünscht.Foto: Böhm



Von Judith Sam

Innsbruck – Urlaub. Endlich. Alle paar Stunden schickt man Fotos via Whatsapp an die Daheimgebliebenen – ob vom Eifelturm, dem weißen Sandstrand oder dem mediterranen Grillteller, den es zum Dinner gibt. Kleine Texte inklusive: „32 Grad, das Hotel ist super.“ Wer braucht da noch Ansichtskarten – die im Vergleich zu Mail und Co. wirken wie die Pferdekutsche auf der Autobahn?

„Diese Überlegung drängt sich auf. Aber – man glaubt es kaum – Postkarten verkaufen sich auch im digitalen Zeitalter gut“, sagt Christina Zimmermann-Purner. Laut der Geschäftsführerin der Rumer Firma TKV Chizzali lagen die Goldenen Zeiten der Postkarte in den 60er und 70er Jahren: „Im Vergleich zu damals verkaufen wir heute ein Drittel weniger. Aber wir haben heute immer noch 3000 verschiedene Karten-Motive im Angebot, deren Verkaufszahl sich in den letzten Jahren stabilisiert hat.“

Ein Grund für die gesunkene Absatzahl könnte das gestiegene Porto sein. „1998 lag das für eine Karte noch bei 51 Cent. Heute bezahlt man 80 Cent“, weiß Michael Homola von der Österreichischen Post. Kein Wunder, dass eine Umfrage, die sich allerdings nur auf Deutschland bezieht, besagt, dass 51,4 Prozent der Urlauber nur noch digitale Grüße verschicken.

Trotzdem verkaufen die Österreichischen Ansichtskarten-Verleger im Jahr 8,5 Millionen Ansichtskarten. „Also gut eine pro Einwohner“, freut sich Zimmermann-Purner. „Sie sehen einfach nett aus, auf der Pinnwand im Büro. Und sie werden gerne als Souvenir gekauft – gerade von älteren Touristen.“

Letztere zählen neben Kindern zu den emsigsten Kartenschreibern: „Das merkt man an den Verkaufszahlen: Im Sommer, wenn Rentner und Familien in Tirol urlauben, werden weit mehr Karten verkauft als im Winter, wenn junge Skifahrer und Snowboarder hier sind.“

Besonders gefragt seien dabei Motive aus dem jeweillgen Urlaubsort. Je kitschiger, desto besser: „Optimal, wenn man Gondel und Kirche sieht. In Innsbruck ist das Goldene Dachl besonders gefragt.“

Zimmermann-Purner, deren Mitarbeiter die Motivbilder meist selbst fotografieren, hat mehrfach versucht, das Dachl modern in Szene zu setzen: „Wir haben es dafür aus kreativen Perspektiven abgelichtet, künstlerisch wertvoll. Aber diese Karten waren immer ein Flop mit miesen Verkaufszahlen. Die Leute wollen das Dachl nur aus dem Blickwinkel verschicken, aus dem sie es selbst gesehen haben.“

Allzu künstlerische Karten verkaufen sich ebenso schlecht wie angeblich humorvolle: „Früher war eine Postkarte beliebt, die Skifahrer mit nackten Hintern zeigte. Heute amüsiert oder irritiert sowas niemanden mehr.“ Lediglich die „Rosl“, das Portraitbild eines schrumpeligen, alten Weibleins, werde seit Jahrzehnten gleich gerne gekauft.

Was die andere Seite der Postkarte angeht – das Textfeld – ist Nicolas Wiedmer Experte. Er und seine Kollegen haben für ein liguistisches Projekt der Universität Zürich 12.000 Postkarten analysiert: „Es galt herauszufinden, wie sich die Texte über Jahrzehnte verändert haben.“

Auffällig sei, dass heute ständig Smileys in den handschriftlichen Text eingeflochten werden: „Weil die Teil unserer Schreibroutine sind. Digitale Texte wie SMS kommen kaum noch ohne sie aus.“ Dabei sehen die Postkarten-Smileys nicht aus wie früher, als man sie noch als gelbe Gesichter mit breitem Grinsen kannte: „Damals haben sie ausgesehen, als habe man sie gezeichnet. Heute wirken sie wie geschrieben – weil sie nur aus Doppelpunkt, Bindestrich und Klammer bestehen und um 90 Grad auf die Seite gedreht sind. Genauso wie in einer SMS.“

Wiedmer hat jedoch nicht nur diesen kulturhistorischen Aspekt beobachtet: „Auch der Schreibinhalt hat sich verändert.“ Vor gut drei Jahrzehnten wurde via Ansichtskarte mitgeteilt, dass man demnächst zum Adressaten auf Besuch kommen wird oder wie es um die Gesundheit steht. Damals waren auch Anreden wie „Fräulein“ gängig, die man jedoch seit den 60ern nicht mehr findet.

Zudem wurden die Texte im Laufe der Jahre kürzer: „Eine alte Karte ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ein Mädchen schrieb ihren Eltern vom Skiausflug. Sie hatte so viel zu berichten – von der Anstregung beim Sport, der Unterkunft und den Freunden – dass sie die ganze Karte voll schrieb. Nur den absolut nötigen Platz für die Adresse hat sie nicht vollgetextet. Ganz winzig am Rand stand: ,Ach, und Martin hat sich das Bein gebrochen’“, sagt Wiedmer.

Es gibt aber auch Inhalte, die seit jeher unverändert sind: Das Wetter ist Hauptinhalt der Postkarte. Und viele schreiben nur, um anzugeben: „Oft hatte ich den Eindruck, der Schreiber wolle sich schmeicheln, dass er die richtige Entscheidung mit dem Urlaubsort getroffen und das Wetter richtig eingeschätzt hat.“

So weit, so gut. Bleibt nur noch zu hoffen, dass die verschickte Postkarte auch ankommt. Das Negativbeispiel hier wäre die Karte, die eine Familie 1990 von Monaco aus nach Karlsruhe geschickt hat. Sie war 25 Jahre unterwegs – wurde schließlich aber doch zugestellt. Immerhin.