Letztes Update am Sa, 18.08.2018 09:20

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Montenegro

Ein Land mit mehr als nur schwarzen Bergen

US-Präsident Donald Trump hat erst vor Kurzem Montenegro als „winziges Land“ bezeichnet, mit „sehr aggressiven“ Menschen. Ersteres mag stimmen, alles andere nicht. Der junge Balkanstaat hat im Gegenteil sehr viel zu bieten. Freundliche Bewohner inklusive.

© Claudia SchaffererDie Aussichtsplattform hinter dem Mausoleum gewährt weite Ausblicke.



Von Irene Rapp

Nebenan quakt es, nein, eigentlich scheint eine Heerschar von Fröschen beweisen zu wollen, was sie so draufhaben. Auf dem Deck des Seglers, der seine besten Zeiten auf See hinter sich hat und als Restaurant umfunktioniert im Hafen von Virpazar liegt, liegt das Hauptaugenmerk dennoch auf dem guten Essen.

Es ist abends, heiß, der Blick kreist vom Schilfgürtel, aus dem noch viele andere tierische Laute kommen, zum Hafen mit den Booten, die täglich Urlauber auf den Skadarsee fahren, und zum großen Kriegerdenkmal auf einem Hügel mitten in dem Dorf. Die Szenerie ist unwirklich, denn noch einen Tag zuvor waren vier Bekleidungsschichten mehr notwendig.

Von der Kälte in die Hitze

Nicht hier in Virpazar im Süden Montenegros, das nur 12 Meter über dem Meeresspiegel liegt, sondern in Zabljak im Norden des Landes. Einem in die Jahre gekommenen Dorf am Fuß des Durmitor-Massivs auf 1500 Metern Höhe, in welchem Häuschen mit Giebeldächern, die bis zum Boden reichen, neben zerfallenen Hotel-Burgen mit Ostblock-Touch stehen.

Das Mausoleum auf dem Gipfel des Jezerski Vrh wirkt wie aus einem Film.
- Claudia Schafferer

„Wir waren einst das Ziel für Skifahrer aus ganz Jugoslawien“, hatte dort Anna Grbovic von besseren Zeiten erzählt. Die 76-jährige gebürtige Deutsche lebt seit Jahrzehnten in Montenegro, steht Touristen aber noch immer mit Rat und Tat zur Seite. Heutzutage kommen diese vor allem im Spätfrühling und Sommer wegen der vielen Möglichkeiten des Durmitor: Ob Raften in der tiefsten Schlucht Europas – der Tara-Schlucht –, Wandern oder Klettern, der zum Unesco-Weltnaturerbe zählende Nationalpark mit vielen Gipfeln über 2000 Meter Höhe spielt alle Stücke. Tirol-ähnliche alpine Infrastruktur darf man sich allerdings nicht vorstellen, auch wenn man sich z. B. am Crno Jezero wie am Obernberger See fühlt. Zwar gibt es einige ausgewiesene Wege und Schutzhütten. Aber dazwischen überwältigt einen die Unberührtheit und Einsamkeit der Landschaft wie einen neugierigen Entdecker vor 200 Jahren.

Raften auf der Tara, über einem die Tarabrücke – das ist Abenteuer.
- Claudia Schafferer

Apropos Raften: Die Tara, der längste Fluß des Landes, mag zwar im Juni nicht so kraftvoll wie Tiroler Achen sein. Aber dafür befindet man sich in der tiefsten Schlucht Europas, fährt an der riesigen Ljutica-Quelle vorbei sowie unter der hohen Tara-Brücke durch, auf der die Fußgänger wie Stecknadelköpfe wirken. Und hat seinen Spaß mit den Führern, die nicht alle der englischen Sprache mächtig sind und mit Kauderwelsch-Befehlen die Schlauchboote trotzdem sicher ans Ziel bringen. Ja, Montenegro, das Land der schwarzen Berge, ähnelt in vielen Punkten Tirol: Es ist zwar ein wenig größer – 13.812 Quadratkilometer –, hat dafür aber etwas weniger Einwohner – rund 643.000.

Und fast auf der gesamten Fläche türmen sich Berge mit spektakulären Schluchten auf, an deren Hängen Siedlungen kleben und sich Sträßchen in derart scharfem Zickzackmuster hinaufziehen, dass sogar bergerfahrene Tiroler Autofahrer schlucken müssen.

Autobahnen gibt es in Montenegro nämlich keine, längere Straßen in einer Geraden finden sich z. B. nur in der Nähe der Hauptstadt Podgorica, welche in einer fruchtbaren weiten Ebene liegt. An der 190.000 Einwohner zählenden Stadt fährt man vorbei, wenn man von Zabljak zum Skadarsee in den Süden Montenegros fährt.

Dort steht in Virpazar am zweiten Tag eine Bootsfahrt auf dem Bodensee-großen Gewässer an, welches sich Montenegro mit Albanien teilt. Im Vergleich zu seinem Bruder im Norden kann der Skadarsee mit einer Artenvielfalt aufwarten, die sich gewaschen hat. Über 200 verschiedene Vogelarten kommen hier vor, u. a. Pelikane.

Eine Bootsfahrt auf dem Skadarsee ist Pflicht.
- Claudia Schafferer

Stille über dem Skadarsee

Stille liegt über dem See, Reiher sind zu sehen und jede Menge andere Wasservögel. Wenn man durch die ausgedehnten Schilfgürtel bzw. Seerosenwälder fährt, könnte man fast meinen, man hat sich in den Amazonas verirrt. Einmal mehr fasziniert die Unberührtheit der Gegend: In einigen Dörfchen entlang des Westufers des Sees scheint die Zeit stehen geblieben zu sein, während ein paar Kilometer weiter westlich an der 293 Kilometer langen montenegrinischen Adriaküste – in Bar – Industrie und Tourismus für fast zu viel Leben sorgen.

Am nächsten Tag geht es mit dem Mietauto weiter: wieder zackige Bergstraßen hinauf bzw. hinunter an die nördliche Adriaküste, dem Tourismus-Hotspot Montenegros. Die Bucht von Kotor ähnelt einem Fjord, 30 Kilometer zieht sich hier die Adria in dramatischen Kurven in das karstige Land hinein.

Das Kloster Ostrog im Landesinneren klebt wie ein Vogelnest am Berg.
- Claudia Schafferer

Die letzte Stadt ist Kotor und deren bezaubernde Altstadt pickt noch auf den letzten Metern der dahinter sich steil aufziehenden Berge. Noch weiter hinauf reichen nur die Mauern und Gebäude der alten Befestigungsanlage, die ca. 4,5 Kilometer lang ist, und wenn man es glauben darf, wurde diese von Feinden nie überwunden.

Kein Wunder, dass Kotor Unesco-Weltkultur- sowie -Naturerbe ist. Mit der Ruhe ist es hier allerdings vorbei, in den Gassen der Altstadt wuselt es von Touristen, ein nur wenige Meter entferntes riesiges Kreuzfahrtschiff hat diese für wenige Stunden ausgespuckt.

Bedenklicher Bauboom

Dass Montenegro zumindest in diesem Teil des Landes pulsiert, zeigt sich in der ganzen Bucht. Ein paar Kilometer weiter nördlich, in dem Städtchen Perast, sind zwei winzige Inseln beliebtes Fotomotiv. Seit Kurzem stört jedoch eine hässliche und brutal in den Felsen am Festland gehauene Siedlung das einmalige Fotomotiv von St. Georg bzw. St. Maria. „Die Häuser wurden vor allem an Russen verkauft, das war ein Skandal“, erzählt der Bootsmann in bes­tem Englisch, der einen zur Insel St. Maria bringt.

Womit er schon zwei Themen der jüngeren Geschichte Montenegros anspricht: Russen machen gerne Urlaub in Montenegro. Investoren haben daher viel Land gekauft und verbaut, oft ohne Rücksicht auf Landschaftsbild und Natur, anzunehmen, dass auch geschmiert und es mit dem Gesetz nicht immer so genau genommen wurde.

Die Bucht von Kotor, Der Ort wird oft von Kreuzern angefahren.
- Claudia Schafferer

„Jetzt muss aber Schluss damit sein“, spricht Xenia, die uns in Virpazar das Frühstück serviert hat, ein weiteres Thema an. Die junge Frau absolviert ein Tourismus-Kolleg in Podgorica und träumt von einem sanften Tourismus, der die montenegrinischen Schätze – wie seine kulinarischen Spezialitäten bzw. Weine – noch mehr in den Vordergrund stellt.

Möglicherweise träumt sie auch davon, einmal mehr Geld zu verdienen: Derzeit beträgt das Durchschnittsgehalt eines Montenegriners 500 Euro im Monat. Mit ein Grund, warum Anna in Zabljak im hohen Alter noch arbeitet. „Pensionisten bekommen 100 Euro pro Monat. Aber habt ihr die Preise im Supermarkt gesehen?“, fragt sie.

Apropos Preise: Bei einem derartigen Einkommen fragt man sich, wie die Montenegriner es schaffen, zu überleben. In Zabljak zahlt man in einer „Pekara“ – Bäckerei – für ein Schokocroissant und einen Kaffee 1,30 Euro. An der Küste hingegen haben die Preise beinahe EU-Niveau. Übrigens zahlt man hier mit Euro, obwohl das Land, das sich 2006 für unabhängig erklärt hat, erst EU-Beitrittskandidat ist.

Vor Perast sind zwei kleine Inseln beliebtes Fotomotiv.
- Claudia Schafferer

Am letzten Tag geht es dann laut Reiseführer zum höchsten Mausoleum der Welt auf dem Jezerski Vrh. Hier, im Lovcen-Nationalpark in der Nähe von Kotor, präsentiert sich die Landschaft weiß und karg und die Arbeiten an der Verbreiterung einer der Bergstraßen zum angestrebten Ziel wären wohl in Österreich naturschutzrechtlich undenkbar. 1657 Meter hoch ist der Jezerski Vrh und bis fast ganz nach oben kann man mit dem Auto fah­ren. Über viele Stufen und durch einen Tunnel geht es dann zu Fuß weiter, bis man zu einem Mausoleum kommt, das eine gute Filmkulisse abgäbe. In einer Halle erhebt sich vor einem die Statue von Petar II., einst Dichter und Fürstbischof des Landes, dessen sterbliche Überreste einen Stock tiefer aufbewahrt sind. Die Österreicher übrigens ließen 1916 in den Wirren des Ersten Weltkrieges den Sarkophag entfernen, denn Montenegro gehörte einst auch zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie.

Ein paar Meter hinter dem Mausoleum steht man dann auf einer Aussichtsplattform, die 360-Grad-Blicke auf das Land erlaubt. Vom Skadarsee bis zur Adria, von den Bergen des Durmitor bis in den Lovcen: In ihrer Nationalhymne besingen die Montenegriner nicht von ungefähr die Schönheit des Landes. Schöne Plätze finden sich zum Glück noch genug.

Dazu gehört auch das Klos­ter Ostrog im Landesinneren. Jeder Gläubige der serbisch-orthodoxen Kirche soll einmal dort gewesen sein, am besten zu Fuß vom Tal herauf. Die Anlage pickt nämlich hoch oben am Berg auf rund 900 Metern Höhe, das Mietauto bleibt jedoch 200 Höhenmeter darunter stehen. Per pedes geht es auf einem steilen Waldweg hinauf, einige Pilger sind barfuß unterwegs. Im Kloster lassen sie Körbe mit Lebensmittel stehen, die für die orthodoxen Priester gedacht sind.

Oben angekommen heißt es dann anstellen und warten. Orgelmusik tönt aus Lautsprechern, Gläubige beten, Schritt für Schritt geht’s weiter.

In einer Felsenkammer, wo nur eine Handvoll Gläubige Platz findet, segnet ein Pope jeden Einzelnen. Die Stimmung ist unbeschreibbar. So wie an vielen Plätzen in diesem Land.

5 Tipps

So kommt man hin. In Montenegro wird u. a. die Hauptstadt Podgorica angeflogen. Auch Dubrovnik/Kroatien ist als Ausgangspunkt möglich.

Achtung Polizei. Wer mit dem Auto unterwegs ist, dem wird es auffallen. An allen Ecken und Enden stehen Polizisten, die den Verkehr kontrollieren.

Verständigung. Im Norden beherrschen nicht alle Englisch, dann spricht man mit Händen und Füßen. Die Montenegriner sind jedoch sehr freundlich – und viele kennen „Innsbruck“ – zumindest vom Hörensagen.

Honig und Käse. Im Norden des Landes wird am Straßenrand oft Honig verkauft. In Kotor überraschte der Wochenmarkt mit seiner Fülle an Käse.

Reiseführer. „Montenegro“ von Achim Wigand (Michael-Müller-Verlag) liefert viele gute Tipps für Individualreisende.




Kommentieren


Schlagworte