Letztes Update am Mo, 20.08.2018 08:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Luftverkehr

Über den Wolken müssen die Preise winzig sein

Pleiten, Streiks und Ausfälle: Aktuell zeigt sich die Kehrseite von immer mehr Flugverkehr. Piloten und Flugbegleiter kämpfen um bessere Konditionen, Fluggäste sind über mangelnden Service und Verspätungen frustriert.

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Von Philipp Schwartze

Es ist Sommer und die Ferienzeit verführt viele Österreicher, mit dem Flugzeug in den Urlaub zu fliegen. Das ist heute nichts Außergewöhnliches mehr — wer früh bucht und auf günstige Flugangebote setzt, kann für wenig Geld sein Fernweh stillen, wenn ihm Umweltschäden, die durch das Vielfliegen entstehen, egal sind. Immer mehr tun das. Doch just in dieser Zeit sorgen Streiks bei Fluglotsen und Piloten, Pannen bei den Sicherheitskontrollen und besonders viele Verspätungen und Ausfälle für getrübte Stimmung und viel Frust an den Flughäfen.

Ein Ort, an dem man das zunehmende Chaos am Himmel bemerkt, ist die Agentur für Passagier- und Fahrgastrechte (APF) in Wien. 1942 schriftliche Beschwerden und Anfragen sind in den ers­ten sieben Monaten dieses Jahres hier eingegangen. Das sind 606 mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. „Schon im Vorjahr waren es mehr als zuvor, diesmal gibt es nochmals eine Steigerung um 45 Prozent. Es ist sichtlich nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern dass es verstärkt Flugausfälle und -verspätungen gibt, zeigt sich auch in Zahlen", sagt Maria-Theresia Röhsler, Leiterin der APF. Kostenlos kann hier per Formular Beschwerde eingereicht werden, wenn mit der Fluglinie keine Einigung über eine Entschädigung bei Ausfall oder Verspätung erzielt werden konnte.

„Es kommt dieses Jahr vieles zusammen", sagt Röhsler auf die Gründe für die vielen Beschwerden angesprochen. „Es gibt mehr Streiks, etwa die Fluglotsen in Frankreich oder bei Ryanair. Und es scheint dieses Jahr mehr Wetterprobleme zu geben. Und die Air-Berlin-Insolvenz hat eine Marktlücke hinterlassen, da will jeder etwas vom Kuchen. Das bringt Unruhe hinein", sagt sie, ist aber davon überzeugt, dass es „besser wird, sobald das alles geklärt ist".

Tipps bei Flugausfall

Rechte. Infos zu Fluggastrechten finden Sie unter: www.passagier.at

Belege aufbewahren. Bei Unregelmäßigkeiten sollten alle Rechnungen und Belege aufbewahrt werden.

Fluglinie kontaktieren. Zunächst sollte versucht werden, sich bei Verspätungen/Ausfällen direkt mit der Fluglinie zu einigen.

Schlichtungsstelle. Schlägt eine direkte Einigung fehl, kann man sich an die Agentur für Passagier- und Fahrgastrechte (APF) wenden.

Erfolgsquote. Nur zwei Prozent der Fälle konnten von der APF nicht geklärt werden. 28 Tage dauert ein Verfahren im Schnitt.

An eine Beruhigung ohne Opfer auf Seiten der Fluglinien glaubt Thomas Friesacher, Pilot und Luftfahrt-Sachverständiger aus Ober­österreich, hingegen nicht. „In Österreich drücken viele Billigflug-Gesellschaften seit der Air-Berlin-Pleite in den Markt hinein. Da wird gerade versucht, das Dreifache vom Air-Berlin-Kuchen zu verteilen", meint er. Easyjet, WizzAir, Level, Ryan­air — alle wollen mit niedrigen Preisen Kunden gewinnen. „Der Markt wird ruiniert, die Preise fallen ins Bodenlose. Das haben wir teils eh schon mit den Ticketpreisen von heute", sagt Friesacher. Am Ende müsse sich jemand aus dem Markt zurückziehen. „Dann werden die Preise wieder anziehen."

Doch nicht für alle ist Fliegen billig. Der durchschnittliche Ticketpreis betrug laut der Internationalen Zivilluftfahrtagentur (IATA) 2017 rund 355 US-Dollar. Was beweist: Es gibt Billigflüge — aber jemand anders zahlt dann drauf: „Flugtickets für wenige Euro sind nicht die Regel im Luftverkehr. Das sind vor allem Aktionspreise, um ansonsten übrig bleibende Restplätze zu verkaufen. Für jeden Passagier, der 19,99 Euro für ein Ticket bezahlt hat, sitzt auch jemand im Flugzeug, der ein Vielfaches davon bezahlt. Sonst wäre ein Flugzeug gar nicht wirtschaftlich zu betreiben", erklärt Ivo Rzegotta vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Dort beobachtet man erneut sinkende Ticketpreise, eine Expansion der Billigflieger. „Der zunehmende Marktanteil von Fluggesellschaften mit diesem Geschäftsmodell trägt dazu bei, dass die durchschnittlichen Ticketpreise weiter zurückgehen und in diesem Sommer einen his­torischen Tiefstand erreicht haben," sagt Rzegotta.

Weil es diese Angebote gibt, will kaum noch jemand mehr zahlen. „Ticketpreise bilden sich am Markt. Eine Fluggesellschaft kann nur solche Preise aufrufen, die sie im intensiven Wettbewerb auch beim Kunden durchsetzen kann", erklärt er. Was sich gut anhört, hat aber für alle schlechte Folgen.

„Für die Fluggesellschaften ist das eine große Herausforderung, denn sie müssen mit niedrigen Gewinnmargen große Investitionen stemmen", sagt Rzegotta. Das geht zu Lasten vieler Dinge, von den: etwa dem Service. „Wenn Sie für 29 Euro fliegen, bekommen Sie auch nur das, was 29 Euro kostet", sagt Friesacher. Und so kostet jeder Service bei Billigfliegern extra. Bei niedrigeren Preisen nehmen zudem Ausfälle und Verspätungen zu, kaum ein Billigflieger kann sich Ersatzflieger und -Crews leisten.

Immer mehr Passagiere

Auch durch niedrige Flugpreise hat sich die Zahl der Flugpassagiere in den letzten Jahrzehnten sprunghaft verfielfacht.

Allein in Österreich sind laut Statistik Austria inzwischen jährlich knapp 28 Millionen Menschen im Flugzeug unterwegs. 1996 waren es noch weniger als 15 Millionen.

Ab Innsbruck fliegen jährlich über eine Millionen Passagiere ab. Den Großteil des österreichweiten Passagieraufkommens macht aber der Flughafen Wien mit über 23 Millionen Passagieren aus.

Dass die niedrigen Preise — bisher — nicht zu Lasten der Sicherheit gehen, Billig-Airlines also so sicher sind wie andere, liegt laut Friesacher an dem hohen Sicherheitsniveau, das gesetzlich vorgeschrieben ist. „Aber auch da gibt es Airlines, die etwa zusätzliches Simulator-Training anbieten, und jene, die genau das gesetzliche Minimum erfüllen." Die Billig-Fluglinien bestellen zudem Hunderte Flugzeuge eines Typs, um sie wenig später an Leasingfirmen zu verkaufen, ehe sie sie zurückleasen. „So fliegen sie einige Jahre fast kostenlos. Sobald die Flieger vier, fünf Jahre alt sind, kommen neue, denn dann würde die Wartung teuer werden", sagt der Luftfahrtexperte. Zudem sparen Billigflieger durch geschicktes Tricksen mit legalen Mitteln: „Sie nutzen transnationale Unterschiede, zahlen Steuern dort, wo es am günstigsten ist, sparen bei Sozialleistungen", zählt Fries­acher auf. Die EU beschäftigt sich nun mit diesen „anormalen Anstellungsverhältnissen von Piloten", wie Friesacher sie nennt. Ein Regelwerk erwartet er aber erst in den nächsten drei Jahren.

Eines fürchten Billigfluglinien wie der Teufel das Weihwasser: Gewerkschaften. Nicht zuletzt deshalb sorgt der Streik der Ryan­air-Piloten für so viel Aufsehen, aber auch bei anderen Billigfliegern brodelt es. „Menschen lassen sich auf Dauer nicht ausbeuten. Es braucht seine Zeit, aber Gewerkschaften werden kommen", ist sich Friesacher sicher. Er glaubt an ein baldiges Ende der niedrigen Sozialstandards in der Billigfliegerei.

Doch der BDL verortet zunächst einen neuen Trend: Langstrecken-Billigflüge. Neue Mittelstrecken-Flugzeuge mit sparsameren Triebwerken und größerer Reichweite schaffen es nun über den Atlantik. „Der Druck auf die Ticketpreise wird also auch in diesem Segment zunehmend größer", sagt Rzegotta. Mehr Druck für ein System, das eindeutig am Limit ist.

Rechenbeispiel: Was kostet ein Flug?

Christoph Brützel, Professor für Aviation Management an der Hochschule Bad Honnef (Deutschland), hat ausgerechnet, welche Kosten die Mitnahme eines Passagiers auf der Strecke Düsseldorf — Palma de Mallorca — Düsseldorf für die Fluggesellschaft verursacht: konkret das Rückflugticket von Mallorca nach Düsseldorf. „Das ist eine stramme Kalkulation, für weniger Geld kann das keine Airline, auch nicht Ryanair, fliegen", sagt er. Einberechnet sind zwar Steuern, aber weder die Kosten für Vertrieb und Buchhaltung noch einen etwaigen Verspätungsfall.

Angenommen wird ein Flug mit einem Billigflieger (Basistarif) ohne Zusatzleistungen (keine Sitzplatzreservierung, Essen o. Ä.) Das Ergebnis: Zahlt der Passagier weniger als 46,20 Euro, zahlt die Fluggesellschaft drauf. „Das fällt für die dann unter Marketingkosten", sagt Brützel.