Letztes Update am Fr, 07.09.2018 08:51

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Lauter, bunter, schräger: Gozos ewige Wettstreitereien

Maltas kleine Schwester ist beseelt von sympathisch-sportlicher Rivalität. Besucher können das eindrucksvoll erleben in der Insel-eigenen Fußball-Liga, dem Eifern um die schönste Kathedrale oder die romantischste Bucht, auf pompösen Festen und beim weltweit einmaligen Opern-Wettstreit.

© iStockphotoWelcher Ort (hier Ghasri) beherbergt die beeindruckendste Kathedrale der Insel?



Grezz Stallini kutschiert ganz entspannt Richtung gozitanischer Küs­te. Mitten im Gespräch schaut der Taxifahrer plötzlich fassungslos zu uns in den Rückspiegel: „In der maltesischen Fußball-Liga spielen?“ „Nein“, sagt er – „auf keinen Fall, das macht hier fast keiner, obwohl viele drüben auf Malta arbeiten.“ Nach Feier­abend geht’s mit der Fähre zurück und auf einen unserer Bolzplätze, wo Gozos Inselmeisterschaft ausgespielt wird – ununterbrochen seit 1937, heute in einer ersten und einer zweiten Liga.

Kicks auf Landesliga-Niveau sind das, aber mit hochemotionalen Live-Übertragungen in Kneipen und Cafés – „ein Erlebnis für jeden Gozo-Besucher“, verspricht Grezz. In der ersten Liga hat er früher selbst gespielt: „Wir sind zwar nur etwa 30.000 Gozitaner, haben aber unseren Stolz: 14 Fußball-Vereine – jede Stadt, jedes Dorf jagt dem Nachbarn die Spieler ab. Hier gibt es enorme Konkurrenz, nicht nur im Fußball. Ihr werdet es erleben …“

Vorher kurvt der Mann mit dem scheppernden Lachen auf rumpeligen, staubigen Landstraßen vorbei an sonnenverbrannten Landhäusern, deutet auf die Fel­der und grinst: „Unsere Haschisch-Plantagen …“ Ein Gag, der für jeden Gozitaner wie ein Ball auf dem Elfmeterpunkt liegt. Denn Haschisch, geschrieben „Haxix“, heißt auf Maltesisch Gemüse und meint alles von A wie Auberginen bis Z wie Zwiebeln, was in der fruchtbaren Senke zwischen Gozos Hauptstadt Victoria und der Küste wächst – im Masalforn-Tal.

Der namensgebende Ort, den Grezz nun erreicht hat – ein ehemaliges Fischerdorf –, ist zwar gepimpt durch ein paar Hotels und Apartmentanlagen, aber lange nicht so touristisch geprägt wie Malta. Hier eifert Gozo ihrer großen Schwester nicht nach.

Fast wie die große Schwester

In Masalforn und Xlendi sitzt man noch am U-förmigen Kai auf der Restaurant-Terrasse, Boote dümpeln im Wasser, bei frischer Brise klatschen Wellen schon mal auf den Teller und holen sich das Schwertfischfilet zurück.

Nach unterer Klasse sehen Gozos Orte auf den ersten Blick aus. Aber manch einer spielt bei genauerem Hinsehen lässig Champions League. Xewkija im Landesinneren zum Beispiel. Kaum 3000 Einwohner, ein paar Kreuzungen, eine Apotheke, eine Tanke, ein Friseur.

Und dann diese lichtdurchflutete, weitläufige Kirche, in die alle Einwohner Xewkijas locker reinpassen. 75 Meter hoch die Kuppel, überall auf Gozo sichtbar, überspannt sie die 28 Meter breite Kirche. Damit ist die „St. John Rotunda“ europaweit die Nummer 4 der freitragenden Gotteshäuser – hinter Roms Petersdom, Londons St. Pauls Cathedral und – nun ja – auch Mostas Rotunda.

Im Astra wird ein pompöses Stück aufgeführt. Im gegenüberliegenden Opernhaus der Insel, im Aurora, will man das übertreffen. Dafür wurde vor einigen Jahren Star-Sopranistin Maria Guleghina nach Gozo geholt.
-

Mosta? Ein kleiner Ort mitten auf Malta. Dessen 1865 eingeweihte Kuppelkirche wollten die ehrgeizigen Gozitaner in Xewkija übertreffen, als sie 1951 begannen, ihre – angeblich – zu klein gewordene Dorfkirche zu ersetzen. Vor allem wollten sie es den Maltesern wieder mal so richtig zeigen.

Und sammelten bis 1973 eifrig Spenden, konstruierten und bauten, bis sie endlich ihre XXL-Kathedrale weihen konnten – einer der schönsten 360-Grad-Ausguck-Plätze Gozos, immerhin höher als die Konkurrenz-Kirche auf Malta, aber mit weniger Durchmesser.

Gozos Hauptstadt Victoria, 1887 so umbenannt zu Ehren der gleichnamigen britischen Königin, ist ein sandsteinfarbenes Gassengemenge mit Marktständen, gekrönt von einer Zitadelle und durchzogen von einer Verkehrs-Schlagader – der Republic Street. Hier residieren 190 Meter voneinander entfernt zwei wuchtige Opernhäuser mit säulenbewehrten Portalen: Links das „Aurora“ mit 1200 Plätzen, rechts das „Astra“ mit 1600. Beide bringen pro Jahr nur je eine Oper auf die Bühne. Im „Aurora“ mit einer einzigen Vorstellung, im „Astra“ mit deren zwei. Es sind Gozos gesellschaftliche Highlights, seit gut 40 Jahren – immer im Oktober. Beide Opernhäuser wetteifern jedes Jahr, wem die spektakulärere Inszenierung gelingt. Bis kurz vor den Aufführungen halten die Opernbühnen geheim, was überhaupt gespielt wird. „Was 1999 zu der absurden Situation führte, dass beide Verdis ‚Aida‘ einstudiert hatten“, erzählt Mathew Sultana, Manager des „Aurora“. Kurze Pause. „Wir hatten damals übrigens zwei lebende Pferde auf der Bühne, die im ‚Astra‘ nur eines“, verkündet der 32-Jährige sichtlich stolz.

Wettrüsten der Provinzbühnen

Ja, es sei lange so etwas wie das Wettrüsten UdSSR gegen USA auf Provinzbühnen gewesen, gibt Sultana lächelnd zu und schüttelt den Kopf über die enorme Verschwendung von damals: Jedes Opernhaus habe sein eigenes Orchester gemietet, eigene Noten gekauft, Instrumente aus Sizilien eingeflogen. Weil man nicht mal miteinander geredet habe. Heute kooperieren „Aurora“ und „Astra“ bei solch kostspieligen Dingen. Aber die Rivalität bleibt. Sie basiert auf zwei Vereinen mit angeschlossenen Kirchengemeinden. Das „Aurora“ – der Kathedrale der heiligen Jungfrau Maria (die Blauen) zugehörig – und das „Astra“ (Basilika des hl. St. Georg – die Roten) –, sie haben die Menschen in der 7000-Einwohner-Stadt Victoria quasi unter sich aufgeteilt. Beide Opernhäuser sind zugleich schmucklose Ve­reins­heime, mit Theke und Billardtischen. Treffpunkte, in denen Hausfrauen, Doktoren, Lehrer und Krankenschwestern – alles Amateure also – die Opern inszenieren und aufführen. Streng getrennt: Wer bei den Blauen singt oder Kos­tüme näht, tut dies nicht auch bei den Roten. Und umgekehrt. Selten, dass mal jemand die Farben wechselt – meist sind ganze Familien entweder rot oder blau, „da wird man reingeboren“, sagt Sultana.

Informationen zu Gozo

Erleben: Opernbesuch auf Gozo: Karten 45–80 Euro, Kleidung praktisch bis elegant, aber luftig, da es im Oktober oft noch sehr heiß ist und die alten Opernhäuser nicht gut klimatisiert sind. Karten für das „Aurora“ auf teatruaurora.com die für das „Astra“ unter www.teatruastra.org.mt

Ein sehenswerter „Ausguck“ auf Gozo ist die Zitadelle von Victoria, in der alle Bewohner der Hauptstadt – aus Angst vor Türkenüberfällen – bis 1637 verpflichtend übernachten mussten. Heute beherbergt sie noch immer die hoch aufragende Kathedrale mit mächtiger Freitreppe und eine Reihe kleiner Handwerksläden rundum.

Die kirchlichen Patronats-Feste mit Prozessionen, Feuerwerk, Marching-Bands und überbordend geschmückten Kirchen finden meist von Ende Mai bis September statt.

Essen und Trinken: Besten fangfrischen Fisch serviert „Il Kartell“ an der Uferpromenade von Masalforn. www.kartellrestaurant.com

Schließlich begann alles schon 1863 – mit einer zwölfköpfigen Marching-Band. Die trat bei religiösen Festen auf. „Fünf Musiker verließen die Band irgendwann im Streit, gründeten ihre eigene“, erzählt Sultana. Beide Bands wurden stetig größer, Proben in Privathäusern immer schwieriger. Also kaufte die eine 1968 das „Astra“. „Sie bauten es zur Opernbühne um, führten aber keine Opern auf“, fährt Mathew Sultana fort: „Wir haben 1971 nachgezogen, das ‚Aurora‘ gekauft, dieses Kino jahrelang in Eigenarbeit zur Oper umgebaut und 1977 Gozos erste Oper aufgeführt.“

Fragt man drüben im „Astra“ nach, dann klingt das anders: „Ja, ja, die im ‚Aurora‘ rühmen sich ihrer Oper, verschweigen aber, dass wir von Beginn an Operetten gespielt haben“, sagt Michael Formosa, der Astra-Generaldirektor, zeigt seine vom roten Plüschvorhang umrahmte Bühne – verbunden mit dem Hinweis, dass sie übrigens größer sei als die im „Aurora“. Und das selbst gebaute Set von „Nabucco“ habe man 2014 nach Rimini verschifft, wo es eigens für die dortigen Festspiele aufgebaut worden sei.

Gozos Opern-Wettstreit hat sich längst weltweit in der Carreras-Liga herumgesprochen, so dass immer wieder Topstars für Gastauftritte auf die Insel kommen. Sopranistin Maria Guleghina etwa, „sie sang die ,Turandot‘-Titelrolle 2012 an der Met in New York“, erzählt Mathew Sultana, „ist dort nach einer Vorstellung abgeflogen, hat zwei Tage mit den Amateuren bei uns im ‚Aurora‘ geprobt, ihre Rolle in der Aufführung gesungen, um dann zurück nach New York zu fliegen für die nächste Turandot-Vorstellung.“

Und – gibt es Rivalität um solche Stars mit dem Astra? „Nein“, winkt dort Michael Formosa, im Hauptberuf Wirtschaftsprüfer, lässig ab, „wir haben ja den größten Tenor Maltas selbst hervorgebracht: Joseph Calleja – unvergessen sein ‚Macbeth‘ 1997.“ Ja, so einen haben sie drüben im „Aurora“ nicht, doch hier kann sich Mathew Sultana den Hinweis nicht verkneifen, dass Superstar Calleja heute im „Astra“ allenfalls noch zum Händeschütteln vorbeischaue.

Ein Fest wie zu Silvester

Abends treffen wir Sultana noch einmal, als eine Art Prozessions-Zeremonienmeister. Er dirigiert Auroras Marching-Band durch die mit Lichterketten überspannten Gassen Victorias. Sie begleitet eine hölzerne Statue der Mutter Gottes, die von acht ächzenden Trägern im Gleichschritt vorangeschleppt und vor einzelnen Häusern abgesetzt wird. Jedes Mal spielt die Band kurz. Die Leute am Weg haben sich auf Balkonen und Veranden versammelt wie in Theaterlogen und bewerfen die Prozession mit Glitzer-Konfetti-Wolken.

Eine typisch gozitanische Festa – heute zu Ehren der Kirche „Our Lady of Grace“. Das Kirchenportal erstrahlt grellbunt wie ein Kirmes-Karussell, dahinter knallt, zischt und erstrahlt ein mittleres Sil­vesterfeuerwerk. Klarer Fall – hier soll mehr geboten werden als in anderen Gemeinden. Scheint geglückt: Klingelbeutelschwenker in der Kirche sowie Pizza- und Wein-Verkäufer auf dem proppevollen Vorplatz sehen zufrieden aus … (Stephan Brünjes)




Kommentieren


Schlagworte