Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.09.2018


Osttirol

Moderne Nomaden wieder daheim in Osttirol

Die vierköpfige Familie von Petra Stranger hat die letzten 21 Monate auf Wanderschaft durch Amerika verbracht – auf dem Rad. Nun ist sie wieder zurück und beeindruckt mit Bildern und Geschichten.

© Petra StrangerRadlerfamilie im Glück: Petra, Peter, Esmé und Ben in der roten Sandsteinwüste Utahs (l.). Die kleine Esmé kocht in Utah für ihre Puppen – vorsichtshalber mit Warnweste (o. r.). Die vier Abenteurer genießen den Ausblick im Kootenay National Park in British Columbia (u. r.).Fotos: Stranger



Von Evelin Stark

Außervillgraten – Sie sind moderne Nomaden – reisen mit dem Fahrrad umher, bleiben da, wo es ihnen gefällt, und geben sich ihrem inneren Rhythmus hin. Vor fast zwei Jahren brachen Petra Stranger, Peter Van Glabbeck und ihre Kinder Ben und Esmé nach Übersee zum Abenteuer ihres Lebens auf. Sie radelten 21 Monate lang von Kanada bis Guatemala und legten gemeinsam insgesamt 18.000 Kilometer zurück. Seit Kurzem ist die junge Familie wieder zu Hause und stellt die Räder – zumindest vorübergehend – in die Garage.

Mit dem ersten Tritt in das Pedal war für die vier Abenteurer von Anfang an klar, dass es ihnen nicht darum ging, möglichst viele Kilometer am Tag zurückzulegen: „Es ist nicht gut, ein Ziel zu haben, weil damit setzt man sich selbst unter Druck“, sagt Petra Stranger. Sie hatten eine offene Reise geplant und wollten nur möglichst lange unterwegs sein, erzählt die gebürtige Steirerin weiter. Manche Orte hätten ihnen so gut gefallen, dass sie ein paar Tage oder sogar Wochen dortblieben. Andere Plätze besuchten sie immer wieder. „Wir haben viele Menschen kennen gelernt, mit denen wir in Kontakt blieben und die wir noch einmal besuchen wollten“, sagt die Dokumentarfotografin.

Im Dezember 2016, als es losging, waren ihre beiden Kinder noch klein: Ben war fünf Jahre alt, seine kleine Schwester Esmé zwei. „Die Kleine saß zu Beginn auf dem Kindersitz, später dann im Anhänger“, so die 35-Jährige. Ben sei mit sechs Jahren bereits selbst durchschnittlich 50 Kilometer am Tag geradelt. „Esmé will inzwischen unbedingt auch selbst mitfahren“, lacht Stranger. Die Leidenschaft fürs Radeln scheint wohl im Blut zu liegen.

Die Abenteuer-Radtour startete jedenfalls paradiesisch. Die lange Reise von ihrer Wahlheimat Außervillgraten bis zum mexikanischen Cancún hatte die Auswanderer so angestrengt, dass die ersten Tage am Strand entspannt wurde. „Wir schlafen alle viel lieber draußen als drinnen. Deshalb ist es uns nicht schwergefallen, uns an das Leben in der Natur zu gewöhnen“, schwärmt Stranger.

Dieser bescheidene Lebenswandel – Hotel oder Essengehen war selten auf dem Programm – erlaubte es ihnen, fast zwei Jahre lang auf Reisen zu sein. Freilich, ein bisschen was hatten die beiden Eltern bereits in den Monaten vor der großen Reise gespart.

Den Jetlag überwunden, wurde dann aber mit Zelt und Kochausrüstung im Gepäck kräftig losgestrampelt. Den Süden Mexikos entlang, feierten die vier ihr Weihnachtsfest im mittelamerikanischen Dschungel. Weiter ging es durch die Maya-Gegenden im angrenzenden Belize und nach Guatemala, wo sie bergige Höhen von 3800 Metern erklommen. Zurück in Mexiko, wurde ein Vulkan nach dem anderen besichtigt und die lebendige Hauptstadt Mexiko-Stadt genau inspiziert.

Etwa ein halbes Jahr nach dem ersten Ankommen im Radler-Nomadenleben entschied sich die junge Familie für ein paar Kilometer Luftlinie und flog nach Kanada. Von Vancouver aus Richtung Süden gab es viel Wildnis und den ein oder anderen Blickaustausch mit Schwarzbären. Darauf folgte die Durchquerung der USA von Nord nach Süd, die das Quartett schlussendlich wieder zurück nach Mexiko führte.

21 Monate und 18.000 Kilometer später kehrten Stranger und ihre Strampler vor wenigen Wochen wieder zurück und sind derzeit in der holländischen Heimat von Ehemann Peter. „Die Kinder genießen die Zeit mit ihren Großeltern. Ich bin aber noch nicht richtig angekommen“, sagt die 35-Jährige.

Wenn sie nämlich zu lange in einem Raum sitze, habe sie immer wieder das Gefühl, so schnell wie möglich wieder nach draußen zu müssen.