Letztes Update am So, 23.09.2018 07:04

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Österreicher wanderte mit sechs Fußbällen auf die Kapverden aus

Der Österreicher Florian Wegenstein lebt schon seit 20 Jahren auf den Kapverden. Heute leitet er dort ein Bildungszentrum – angefangen hat aber alles mit sechs Fußbällen.

© Rasso KnollerAm Strand von Tarrafal wird natürlich auch Fußball gespielt.



Von Rasso Knoller

Am weiten Strand von Tarrafal spielen Kinder. Die jüngeren stürzen sich mit Purzelbäumen ins Wasser, die älteren schießen Bälle hin und her. Dazwischen liegen ein paar Touristen im Sand, die, wenn sie nicht aufpassen, ungewollt Opfer von fußballerischen Querschlägen werden. Wer am Rand des Strandes an bunten Booten vorbei den Abhang hinaufgeht, kommt bald am Haus von Florian Wegenstein vorbei. Den Österreicher kennt in der knapp 20.000 Einwohner zählenden Gemeinde fast jeder.

Florian Wegenstein gibt Tipps, wie der Ball zu beherrschen ist.
- Rasso Knoller

Neun Inseln im Atlantik

Wegenstein kam erstmals 1997 nach Tarrafal, damals als Tourist. Dort verliebte sich in eine Frau und zog mit ihr zunächst nach Österreich. 2002 kehrte das Paar auf die Insel Santiago zurück – mit sechs Fußbällen sowie einem „zusammengebettelten Satz Trikots von Austria Wien“ im Gepäck. Santiago ist die Hauptinsel der Kapverden, mit der Kapitale Praia – der mit 140.000 Einwohnern einzigen Großstadt des Archipels. Am hintersten Ende der Insel liegt Tarrafal, wohin die Touristen vor allem wegen des berühmten Palmenstrandes kommen.

Die Kapverden, das sind neun Inseln, die im Zentralatlantik vor der Küste Senegals liegen. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert waren die Inseln ein wichtiger Sklavenumschlagplatz, wo die Händler auf ihrem Weg zwischen dem afrikanischen Kontinent und Amerika einen Zwischenstopp einlegten.

- iStockphoto

Heute sind sie ein immer beliebter werdendes Reiseziel, wobei abseits der Badeinsel Sal vom Massentourismus noch lange keine Rede sein kann. Boavista und Maio sind mit weiten Stränden gesegnet. Die ständige frische Brise, die über die drei flachen Inseln fegt, kühlt nicht nur verschwitzten Gäste an den Hotelbars ab, sondern macht Sal, Maio und Boavista zu einem Mekka für Wind- und Kitesurfer sowie Parasailer.

São Vicente, und da besonders die Inselhauptstadt Mindelo, gilt als Heimat des Morna, des für die Kapverden typischen wehmütigen Gesangs, den die 2011 verstorbene Sängerin Cesária Évora auch international bekannt machte.

Die Inseln bestechen durch traumhafte Strände und Filmkulissen-ähnliche Landschaft.
- iStockphoto

Wanderer zieht es nach Santo Antão mit seinen spektakulären Gebirgslandschaften, auf die gemütliche Insel São Nicolau, die Vulkaninsel Fogo, deren namensgebender Feuerberg erst 2014 letztmalig ausgebrochen war, die kleine, entlegene Insel Brava oder die Hauptinsel Santiago, dorthin, wo auch Wegenstein sein Domizil aufgeschlagen hat.

Fußballplatz in der Dorfmitte

Als Wegenstein nach Tarrafal kam, packte er noch am ersten Tag die mitgebrachten Bälle aus, verteilte die Trikots und legte los. „Ich wollte mit den Kindern Fußball spielen, weil ich gewusst habe, wie gern sie das machen“, sagt er.

Weil damals der Fußballplatz mitten im Ort lag, wurde der Österreicher, der regelmäßig mit den Kindern trainierte, schnell zum Stadtgespräch. Immer mehr Jungen und Mädchen kamen – denn plötzlich kümmerte sich jemand um sie, und auf einmal gab es Spannenderes zu tun, als ziellos umher zu ziehen. Aus Wegensteins Spontanidee entwickelte sich bald ein großes Projekt.

Frauen bei der Arbeit: Waren zu transportieren, sieht in Tarrafal so aus.
- Rasso Knoller

Deswegen sprach Wegenstein beim Bürgermeister von Tarrafal vor und bat ihn, Land für den Bau eines Kinder- und Jugendzentrums zur Verfügung stellen. Überraschend schnell kam das Ja der Verwaltung, Wegenstein gründete mit Mitstreitern den Förderverein Delta Cultura und machte sich auf die Suche nach Geldgebern.

Auch die waren schnell gefunden und bereits 2004 begann der Österreicher mit Hilfe von Geldern des Deutschen Arbeitersamariterbundes, ein kleines Ausbildungszentrum zu bauen.

Mit diesen Booten wird von Tarrafal aus in See gestochen – auf der Suche nach Fisch.
- Rasso Knoller

Die Kinder kamen zwar weiterhin zum Fußballspielen, doch bald bildete man in Tarrafal Schneiderinnen und Tischler aus, gab Sprachunterricht – erst in Portugiesisch, später auch in Englisch und Französisch.

Dann kamen Informatikkurse dazu und inzwischen hat Delta Cultura auch einen Kindergarten. „Bildung ist der Weg aus der Armut“, ist Wegenstein überzeugt und freut sich besonders, dass einige der ehemaligen Schüler heute selbst Lehrer bei Delta Cultura sind. Der Erfolg lässt sich auch in Zahlen messen – aus den bescheidenen Anfängen ist ein Bildungsprojekt mit acht Gebäuden und zwei Fußballplätzen auf 12.000 Quadratmeter Fläche geworden.

Wichtiger noch ist aber, dass sich die Kinder, die teilweise in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwachsen, gut aufgehoben fühlen. Die zehnjährige Juceila sagt: „Wenn ich zu Delta Cultura komme, ist es, als ob ich nach Hause komme. Hier lerne ich mit meinen Freunden.“ Ihre Freundin, die elfjährige Milena, ergänzt: „Delta Cultura ist wie mein Zuhause und die Leute, die hier arbeiten, sind meine Familie.“

Fußballgrößen

Wegenstein schafft es immer wieder, berühmte Fußballgrößen nach Tarrafal einzuladen. 2008 beispielsweise hat der ehemalige österreichische Nationaltrainer Didi Constantini ein Sommerfußballcamp für Kinder ausgerichtet. Im Juni dieses Jahres hat der deutsche Bundesligaprofi Alexander Esswein von Hertha BSC Berlin für einige Tage mit den Kids von Tarrafal Fußball gespielt. Beeindruckt von der Arbeit bei Delta Cultura sagte er, dass ihm durch seinen Aufenthalt auf der Insel und der Arbeit mit den Kindern bewusst geworden sei, wie unwichtig sein Job als Fußballprofi sei.

Eigentlich hat sich Delta Cultura fast schon selbst zu einer Art Sehenswürdigkeit entwickelt und immer wieder kommen auch mal Reisegruppen vorbei, die sich das Bildungsprojekt anschauen wollen. Oft sind es Wanderer, die auf dem Weg zum Ribeira da Prata sind, einem von Kokospalmen und Mangobäumen gerahmten Badestrand mit glitzerndem schwarzen Lavasand am Rande der Stadt.

Wer Glück hat, kann in den Felswänden dahinter sogar kletternde Affen beobachten. Die kleine barocke Ortskirche Santo Amaro Abade lohnt vor allem dann einen Abstecher, wenn auf dem Platz davor der Wochenmarkt stattfindet.

Sehenswerte Hauptstadt

Die größte Sehenswürdigkeit der Insel ist die ehemalige Hauptstadt Cidade da Ribeira Grande de Santiago in der Nähe von Praia. 1462 gegründet, war sie nicht nur die erste Siedlung auf den Kapverden, sondern gleichzeitig auch die erste europäische Siedlung in den Tropen. Inmitten der Ortschaft erinnert heute noch der „pelourinho“, der Pranger, an die traurige Geschichte der Stadt als Zentrum des Sklavenhandels.

Diese historische Bedeutung des Ortes hat die UNESCO 2009 gewürdigt und Cidade da Ribeira Grande de Santiago zum Weltkulturerbe erhoben. Als UNESCO-Projekt wurden auch die kleinen Häuser in der Rua Banana originalgetreu wieder aufgebaut und am Ende der Straße die Kirche Nossa Senhora do Rosário, ihres Zeichens die älteste Kolonialkirche der Welt, renoviert.

In etwas kleineren Dimensionen denkt man in Tarrafal, doch auch dort hat man Pläne. Als Nächstes will Wegenstein seinem Bildungszentrum eine kostenlose Privatschule anschließen.