Letztes Update am Fr, 19.10.2018 08:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Reise nach New Orleans: Happy Birthday, Big Easy

Die Stadt am Mississippi steht wie kaum eine andere Metropole der Welt für Party ohne Ende. Dazu gesellen sich eine einzigartige Küche und eine lebendige Kunstszene. Jetzt feiert New Orleans den 300. Jahrestag ihrer Gründung.

© iStockMitten auf der Straße im French Quarter geht die Post ab.



Von Franz Michael Rohm, SRT

Freitagabend an der Ecke Chartres und Frenchmen Street im Viertel Faubourg Marigny. Die Brassband Debris schmettert mit drei riesigen Sousaphonen, einem Dutzend Posaunen, Trompeten und Saxophonen eine hüftbewegende Breitseite von fetten Tönen in die laue Nacht. Der Name Debris ist eine Anspielung auf den Hurrikan Katrina. Nach dem Hurrikan musste New Orleans von Zehntausenden Tonnen Schutt und Müll entsorgt werden, auf Englisch „Debris“. Mehr als 1800 Tote forderte der Sturm vor 13 Jahren und brachte die Stadt an den Rand der Selbstaufgabe.

Seit der Katastrophe hat sich „Big Easy“, wie die Einwohner New Orleans manchmal nennen, in großen Teilen neu erfunden. Neue Wohnviertel sind entstanden, mit Milliarden Dollar wurden Pumpstationen gebaut, Dämme und Deiche gesichert. Mittlerweile werden mehr Besucher als vor Katrina gezählt.

Touristen schauen sich die Stadt von der Kutsche aus an.
- iStock

Dazu hat sich die Bevölkerung stark verändert. Viele, überwiegend afroamerikanische, Einwohner blieben in den Evakuierungsstädten in Texas und Nord-Louisiana, viele junge Helferinnen und Helfer sind in der Stadt geblieben. Von der berüchtigten Bourbon Street im French Quarter mit Striplokalen und krachlauter Musik hat sich die junge Szene Richtung Osten bewegt, nach Faubourg Marigny und Bywater.

Auf der Frenchmen-Street sind am Wochenende Tausende Menschen unterwegs. Sie machen das, wofür New Orleans berühmt ist: Party all night long. Vor der Brassband hat sich eine große Ansammlung von Feiernden versammelt, einige tanzen wie Berserker, andere wiegen sich sanft im Rhythmus, viele filmen mit dem Smartphone. Jeder hat etwas zu trinken in der Hand. New Orleans ist die einzige Stadt der USA, in der man Alkohol öffentlich konsumieren darf.

Obwohl die Autos nur zentimeterweise am Publikum vorbeikommen, gibt es keinen Stress. Nicht umsonst lautet das Motto der Metropole am Mississippi: „Take it easy.“ Später wird an der Ecke noch ein Freestyle-Rapper Hip-Hop-Verse ins Mikrofon brüllen. Gegen zwei Uhr morgens dann singt sich eine Sängerin mit Amy-Winehouse-Stimme so das Herz aus dem Leib, dass manchen Partygängern sogar die Augen etwas feucht werden.

Über den Mississippi kamen die ersten Siedler Ende des 17. Jahrhunderts in die Gegend.
- iStock

Einen Block weiter hat das Off Beat Magazin über der Music Factory, dem besten Plattenladen der Stadt, sein Büro. Jeden Monat gibt Jan Ramsey mit einem kleinen Team ein Gratis-Magazin heraus, in dem alle Konzerte der Stadt aufgelistet sind und in dem die neuesten gastronomischen Trends und Eröffnungen publiziert werden. Seit mehr als 30 Jahren fungiert die 67-Jährige als Herausgeberin. Früher mit knallroten Haaren, trägt sie mittlerweile Weiß als Haarfarbe. „Die Stadt lebt von der Musik, wir hoffen sehr auf La Toya Cantrell, die erste farbige Bürgermeisterin einer US-Großstadt. Sie hat versprochen, die Zehntausenden Musikerinnen und Musiker mehr zu unterstützen.“ Bislang lebt das Gros der Musizierenden von Trinkgeldern.

Reich an Vergnügen

Epizentrum des Vergnügens ist nach wie vor das French Quarter, auch Vieux Carré genannt. 1718 gründete der französische Entdecker Jean-Baptiste Le Moyne, Sieur de Bienville, die Siedlung Nouvelle Orléans und nahm das nach Ludwig XV. benannte Land Louisiana von der Mündung des Mississippi bis hoch nach Kanada für Frankreich in Besitz. Die ersten Häuser und ein kleines Fort wurden an einer Biegung des gewaltigen Flusses errichtet. Hier lag das Land durch Sedimentablagerungen höher und war so vor Überschwemmungen geschützt. Das Land nahmen die Franzosen den Indianerstämmen Coctow und Beloxi weg. Bald begannen sie, Sklaven aus Afrika für die Arbeit auf Zucker- und Baumwollplantagen nach Louisiana zu verschleppen.

Eine Sängerin im Jazz Playhouse, einem der vielen Clubs der Stadt.
- Franz M. Rohm

„Mitte des 19. Jahrhunderts zählte New Orleans durch den Profit, der mit Zucker und Baumwolle gemacht wurde, zu den reichsten Städten von Amerika. Hier stand das erste Opernhaus der USA und in den Stadtvillen wurde französische Hochkultur gelebt“, berichtet Robert Florence. Der 52-Jährige betreibt seit rund 30 Jahren sein Unternehmen für Stadtführungen. Er bietet Führungen auf den Spuren der Franzosen an, der für 30 Jahre ansässigen Spanier, aber auch der Sklaven, des Jazz und nicht zuletzt des guten Essens von New Orleans.

Für ihn erfindet sich die Stadt immer wieder neu. „Sie ist einzigartig mit ihrer Mischung von mehr als 100 Nationalitäten, der Musik, der Kunst und ihrer freundlichen Bevölkerung. Hier sagt man sich auf der Straße noch Guten Tag, und alles läuft ein bisschen ruhiger als im restlichen Nordamerika“, sagt Florence. Zu seinen Lieblingsorten zählt der Friedhof St. Louis Number 1, auf dem die berühmte Drogenszene aus dem Film Easy Rider gedreht wurde und die Touristen das Grab der Voodoo-Königin Marie Laveau besuchen.

Zuwanderung mit Hindernissen

Zur 300-Jahr-Feier bietet die His­toric New Orleans Collection bis Ende Mai eine einzigartige Ausstellung in ihren wunderschönen Räumen an der Royal Street mitten im French Quarter an. „Wir haben erste Karten der Siedlung aus französischen Archiven, auch große Gemälde, die Stadtgründer und ihre Schiffe zeigen. Die kamen das erste Mal Ende des 17. Jahrhunderts den Mississippi von Norden herunter. Es dauerte dann noch einmal mehr als 30 Jahre, bis sie den Weg an der Küste entlang über das Seensystem von Lake Bourne und Lake Pontchartrain zum Fluss fanden“, berichtet Daniel Hammer, stellvertretender Direktor des Historischen Museums. Den Flusszugang vom Golf von Mexiko landeinwärts fanden die Entdecker viele Jahre nicht, sie scheiterten an Sandbänken und Untiefen. Mehr als 100 Kilometer breit ist das Delta des Mississippis, rund 80 Kilometer südlich von New Orleans.

An der Stelle der St. Louis Kathedrale wurde bereits 1727 eine Kirche errichtet.
- Franz M. Rohm

„Wer hier wohnt, darf keine Angst vor dem Wasser haben, weder vor dem des Flusses noch vor dem der Stürme“, sagt Chuck Perkins. Der in der schwarzen Community engagierte Dichter betreibt das Veranstaltungslokal Café Istanbul in der neuen Szenegegend Bywater. Hier haben kleine Galerien eröffnet, in renovierten Häusern und Lagerhallen gegenüber wird Streetfood angeboten. Chuck Perkins rät, Bywater zu besuchen, solange es noch authentisch ist: „Die Mieten steigen derzeit mehr als zehn Prozent pro Jahr, das kann nicht mehr lange so cool bleiben, wie es jetzt ist.“

Informationen New Orleans

Beste Reisezeit: von September bis Mai

Touren: Historic New Orleans Walking Tours, www.tourneworleans.com ; Raddampferfahrten: Steamboat Natchez, am Mississippi, täglich Touren mit Dixieland-Kapelle, www.steamboatnatchez.com ; Sümpfe und Alligatoren: Jean Lafitte Swamp Tour, Tel. 001/504/6894186, www.jeanlafitteswamptour.com

Musik: Preservation Hall, Dixieland-Klassiker mit eigener Band. Unbedingt reservieren! www.preservation-hall.com ; Spotted Cat, 623 Frenchmen Street, Brass, traditioneller und moderner Jazz, www.spottedcatmusicclub.com

Essen: Southern Food and Beverage Museum, auf 4000 Quadratmetern alles über die Südstaatenküche, inkl. Kochschule, www.southernfood.org

Der Aufenthalt des Autors in New Orleans wurde unterstützt von International House Hotel.




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