Letztes Update am Do, 25.10.2018 09:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Belfast, Küsten und Hinterland: Nordirland für Fortgeschrittene

Mit den Tourismuszahlen von Irland kann Nordirland nicht mithalten. Mit faszinierender Landschaft schon – dramatische Küsten, überraschendes Hinterland und die Hauptstadt Belfast, die auf ihre Art beeindruckt.

© KammerlanderEinsame Wanderin im urigen Global Geopark.



Von Stefanie Kammerlander

Titanic. Bei diesem Stichwort tauchen unweigerlich Bilder von Jack (Leonardo DiCaprio) und Rose (Kate Winslet) aus dem Filmklassiker auf. X-mal gesehen, mitgezittert, mitgeweint wie Millionen von Zusehern. Der Untergang der Titanic war ein Dauerbrenner und sorgte nicht nur in Hollywood für volle Kassen. Nur in Belfast selbst galt diese Katastrophe vom 14. April 1912 als großes Tabuthema. Die Stadt, die so stolz darauf war, dass ihre Werft Harland & Wolff damals den Ozeanriesen baute, war in eine Schockstarre verfallen. Als schließlich 1985 das Schiffswrack auf dem Grund des Atlantiks entdeckt worden war, wandelte sich die Schmach in kreatives Denken um. Entstanden ist das Titanic Belfast, ein Denkmal auf der ehemaligen Werft und mittlerweile eine absolute Besucherattraktion.

Blick auf den Rundturm von Devenish Island.
- iStock

„Wir Iren haben die Titanic gebaut – ein Engländer hat sie versenkt“, so erklärt ein Angestellter des Museums selbstbewusst, warum das pechschwarze Kapitel der Schifffahrt zur 100. Wiederkehr des Unterganges ein Millionen teures Denkmal erhalten hat. Auf 11.000 Quadratmetern heißt es: Erleben mit allen Sinnen. Hier taucht man ein in die Werft, erlebt den Stolz der boomenden Industriestadt.

Titanic Belfast, in dem das Kreuzfahrtschiff virtuell wieder auftaucht.
- iStock

In einer kleinen Gondel fährt der Besucher für wenige Minuten durch ein Schiffswerft-Modell, vorbei an Schwarz-Weiß-Bildern, hört den Lärm der Bauarbeiten, kann sich in die Welt von damals versetzen, als 15.000 Arbeiter mit dem Bau des Schiffes beschäftigt waren. Drei Millionen Nägel mussten in die Stahlkonstruktion eingeschlagen werden – händisch. Höllenlärm rund um die Uhr. Die gigantischen Ausmaße des Luxusliners lassen sich bei einer Fahrt mit dem Käfig­aufzug in die Ebene 4 erleben – in dieser schwindelerregenden Höhe endete das damalige Baugerüst.

Auf einer 3D-Tour ist das Schiff vom Heizraum über den Treppenaufgang bis zur Brücke zu erkunden. Stationen führen vom Stapellauf über die Jungfernfahrt bis zum Untergang. Ab diesem Moment nehmen Dunkelheit und Kälte in dem Ausstellungsraum zu, die Geschichten Überlebender übertreffen jede Hollywood-Verfilmung. Schwere Kost, unglaublich gut in Szene gesetzt.

Eine Rundfahrt durch Belfast führt zurück ins wahre Leben, zum architektonischen Herzstück der Stadt, der City Hall, durch das Leinenviertel, zu einem kleinen botanischen Garten bis zu den Stätten, die ab 1969 immer wieder für traurige Schlagzeilen sorgten. Der Nordirlandkonflikt ist seit 1998 Geschichte, doch die neun Meter hohen Mauern mit politischen Botschaften, die das protestantische vom katholischen Viertel trennen, sind immer noch da. Auf vielen Häuserfassaden prangen heute noch meterhohe Porträts einstiger Kämüfer: Etwa von Bobby Sands, dem ersten IRA-Häftling, der nach 66 Tagen im Hungerstreik gestorben war. 3500 Menschen waren in dem Bürgerkrieg ums Leben gekommen. Und noch heute stellt sich heraus, dass die wenigen Menschen, die wir in Belfast kennen lernten, alle mit dem Terror konfrontiert waren. Von Entführungen ist die Rede und auch davon, dass beste Freunde als IRA-Terroristen verhaftet wurden. Harte Fakten, aber auch das ist Belfast.

Eine Mauer in Belfast mit politischen Botschaften.
- Kammerlander

Und weil die Reise gerade am Royal Victoria Hospital vorbeiführt, darf ein Spruch nicht fehlen. Prinz Charles soll im Jahr 2003 bei der Eröffnung gemeint haben: „Was für ein hässliches Gebäude.“

Wer mehr über die Geschichte der Iren erfahren möchte, ist in Omagh im Ulster American Folk Park bestens aufgehoben. In den verschiedenen Höfen des Freilichtmuseums wird ihr Leben im 17.

18. Jahrhundert dargestellt, als Hunger und bittere Armut für die großen Auswanderungswellen sorgten. Unter den Flüchtenden der fünfjährige Thomas Mellon, der 1818 mit seinen Eltern nach West-Pennsylvanien reiste und dort den amerikanischen Traum perfekt verkörperte. Er gründete eine Privatbank und wurde einer der reichsten Menschen Amerikas. Auch die Geschichte des Irish Dance wird beleuchtet: Vermutlich tanzte das Volk bereits vor Hunderten Jahren mit starrem Oberkörper und flinken Beinen. Der eigenwillige Tanzstil ist möglicherweise entstanden, damit neugierige Nachbarn durch die Fenster nicht sehen konnten, wie lustig es in diesem Haus zuging.

Devenish Island ist nur mit dem Boot erreichbar.
- iStock

Natur pur steht im County Fermanagh auf dem Programm: Hier geht’s erst mal in die unterirdische Welt der Marble Arch Caves, die zu den schönsten Schauhöhlen Europas zählen. Und nach der spannenden Entdeckungstour – streckenweise im Boot – wartet oberirdische, außergewöhnliche Landschaft auf uns. Der Global Geo­park in den Cuilcagh Mountains. Bestens ausgebaute Stege führen über die Moore, in denen Torf abgebaut wurde. Vom Atlantik her weht eine steife Brise, vereinzelte knorrige Bäume unterstreichen die Wildheit dieser Gegend. Da stellt sich ein Gefühl ein, vollkommen alleine auf der Welt zu sein.

Sanft, ja fast ein wenig meditativ wird die nächste Reisestation – eine, die zu den absoluten Höhepunkten zählen sollte. Entweder mit der Fähre oder wie in unserem Falle mit einem Bootsführer (Erne Water Taxi) fahren wir von Enniskillen zur Insel Devenish mit dem im 6. Jahrhundert gegründeten Kloster. Über den Lough Erne, vorbei an der Portora Royal School mit ihren berühmtesten Schülern, den Literaten Samuel Beckett und Oscar Wilde. Es gibt nur den Wasserweg und das macht die Insel zu einem Idyll. Klosterruinen, der stattliche Rundturm aus dem 12. Jahrhundert, die St. Mary’s Abbey, zahlreiche alte Grabsteine und ein ungewöhnliches Hochkreuz sind die Zeugen einer beeindruckenden Geschichte. Hier war eine Klostersiedlung, in der seinerzeit bis zu 1000 (!) Mönche gearbeitet haben. Baumeister und Steinmetze, die den Rundturm errichtet hatten, zählten zu den fähigsten Handwerkern ihrer Zeit. Abenteuerlich auch wieder die Geschichte: Das Kloster wurde 837 von Wikingern überfallen und 400 Jahre später fiel es einem Brand zum Opfer. Der Rundumblick in dieser einzigartigen Stille ist großartig. Grün in allen Schattierungen, Inseln und Halbinseln, so weit das Auge reicht. Und wenn zwischen den Ruinen noch ein paar Mönche auftauchen würden – es hätte niemanden überrascht.

Was rundet einen echten Irland-Besuch erst so richtig ab? Ja natürlich, ein Besuch im Pub. Ein Guinness – zuhause würde es nie schmecken, hier im Pub von Armagh ist es ein wahrer Genuss. Großartige Küche, dazu fidelnde Musiker, dass es eine Freude ist, Einheimische und Touristen aller Altersschichten unterhalten sich prächtig miteinander. Nordirland – wir kommen wieder.

Tipp für die Nordirland-Reise

Kulinarik mit Black Bacon: Patrick O’Doherty aus Enniskillen ist Metzgermeister und weit über die Grenzen der Insel bekannt. Weil ihm Massentierhaltung und Preisdumping ein Gräuel sind, kaufte er vor Jahren gemeinsam mit anderen Produzenten eine Insel des Lough Erne.

Dort sind seine schwarzen Schweine monatelang auf Sommerfrische, laufen frei herum, fressen Kräuter und Moose und baden gelegentlich im Fluss. Jetzt hat O’Doherty die perfekte Fleischqualität. Sein Black Bacon ist nitritfrei und ein Renner. „Wer den Geschmack einmal kennt, wird keinen anderen Speck mehr essen“, sagt O’Doherty.

Die Autorin reiste auf Einladung von Irland Information – Tourism Ireland ( www.ireland.com )




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