Letztes Update am So, 11.11.2018 07:14

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Minsk: Die unbekannteste Hauptstadt Europas

Minsk hat viel zu bieten, ist jedoch weitgehend unbekannt. Seit Juli kann man bis zu 30 Tage visafrei nach Weißrussland einreisen, kommendes Jahr finden dort die European Games statt.

Minsk überrascht mit vielen Grünflächen, seiner Sauberkeit sowie den zahlreichen neuen Bauten.

© iStockMinsk überrascht mit vielen Grünflächen, seiner Sauberkeit sowie den zahlreichen neuen Bauten.



Von Manuel Lutz

Nach der Ankunft am Minsk International Airport muss sich das neugierige Besucherauge noch etwas gedulden, bevor die wohl unbekannteste Hauptstadt Europas erkundet werden kann. Das Zentrum der weißrussischen Metropole liegt rund 44 Kilometer entfernt. Vorerst muss man mit Wäldern, Feldern und Werbeplakaten, an denen die Hauptstraße vorbeiführt, vorliebnehmen.

Mit Belarus wird meistens sofort der Name von Präsident Aleksandr Lukaschenko as­so­zi­ie­rt, oft als „Europas letzter Diktator“ bezeichnet. Die Aufhebung der Visa-Pflicht soll nun helfen, das Land zu öffnen und neben Unternehmern auch Touristen anlocken. Seit Februar 2017 konnte man über den internationalen Flughafen Minsk für fünf Tage einreisen, seit 27. Juli 2018 können sich Staatsangehörige aus 74 Ländern, darunter aus den USA und allen EU-Staaten, bis zu 30 Tage visafrei aufhalten.

Zu einem typischen Essen dürfen verschiedene Schnäpse, die direkt im Restaurant verfeinert werden, nicht fehlen.
Zu einem typischen Essen dürfen verschiedene Schnäpse, die direkt im Restaurant verfeinert werden, nicht fehlen.
- Lutz

Kulinarische Abwechslung

Ohne eine Stärkung soll eine Sightseeing-Tour nicht beginnen, die Einladung von Reiseführer Yuri darf dabei nicht abgelehnt werden – dies wäre eine Beleidigung, sind die Einheimischen doch äußerst gastfreundlich. In seinem Lieblingsrestaurant sucht Yuri für seine Gäste etwas Typisches aus, ohne seine Hilfe wäre es aufgrund der sprachlichen Barrieren nicht ganz so leicht.

Zu Beginn wird eine Platte mit verschiedenen Getränken und Schnäpsen an den Tisch gebracht. Die Brände werden im Restaurant direkt verfeinert und mit Kren oder Honig vermischt.

Mit einer Pilzsuppe und der so genannten „Borschtsch“ (Suppe aus Roter Beete, Kohl und Rinderstreifen) folgen sogleich zwei traditionelle Vorspeisen. Die Reihenfolge für den Konsum der Spirituosen ist genau geplant: Vor, während und nach der Mahlzeit muss jeweils ein Glas geleert werden. Die weißrussische Küche soll übrigens an die 200 verschiedenen Rezepte zur Zubereitung von Kartoffeln kennen. So ist es auch keine Überraschung, dass eine Kreation der Erdäpfel im Anschluss verkostet wird. Serviert wird eine Kartoffel, gefüllt mit Hackfleisch. Aufgrund ihrer Form, die an ein deutsches Starrluftschiff erinnert, wird die Speise „Zeppelin“ genannt.

Das Dinamo-Stadion wurde renoviert und hat nun rund 22.432 Zuschauerplätze.
Das Dinamo-Stadion wurde renoviert und hat nun rund 22.432 Zuschauerplätze.
- Lutz

Jedes Land hat seine Regeln

Der Weg entlang des Flusses Swislatsch gilt als beliebter Treffpunkt für Sportler und Spaziergänger. Überraschend grün präsentiert sich die Metropole mit ihren fast zwei Millionen Einwohnern. Nicht umsonst heißt es, Minsk sei eine der saubersten Städte der ehemaligen sowjetischen Länder. Blauer Rauch steigt nicht wie in Österreich überall auf, Zigaretten sind auch in der Öffentlichkeit nur in eingezeichneten Zonen gestattet. Vor dem Eingang des Flughafens sowie dem neuen Dinamo-Stadion wird das beispielsweise gleich unterbunden.

Auch wirtschaftlich befindet sich das Land im Aufschwung. 2006 wurde ein Hightech-Park gegründet, mittlerweile mit über 130 Firmen und an die 18.000 Mitarbeiter. Eine Art Silicon Valley – in Minsk. Aber auch für Österreich wurde das Land immer wichtiger. Viele weltbekannte österreichische Firmen haben in Belarus ihre Filialen und Vertretungen. Die Raiffeisen Gruppe hat ihren Aktienanteil der Priorbank – einer der größten Banken in Weißrussland – 2008 auf 87,74 Prozent gesteigert, die Telekom Austria Group kaufte anfangs 70 Prozent des Mobilfunkanbieters Velcom, 2010 folgten die restlichen 30 Prozent. Und die Fluggesellschaft Austrian Airlines ist eine Größe auf dem weißrussischen Markt – wöchentlich werden 14 Flüge aus Belarus nach Westeuropa angeboten.

Die För­de­rung des Sports steht aktuell im Vordergrund, wie Vizebürgermeister Ihar Yurkevich klarstellt. Im Hinblick auf die European Games im kommenden Jahr, eine Gemeinschaftsveranstaltung für Wettkämpfe mehrerer Sportarten (u.a. Leichtathletik, Schwimmen, Radfahren), wurden zahlreiche Sportkomplexe aus dem Boden gestampft. Die lassen keine Wünsche übrig. Sogar Simon Clegg, Executive Director der European Games, kommt dabei ins Schwärmen: „Die Qualität der Anlagen, die man hier in Minsk hat, findet man in keiner anderen Stadt Europas.“

Alles im Zeichen des Sports

Die Volkssportart ist Eishockey. Wenn der ansässige Club HK Dinamo Minsk in der Kontinentalen Hockey-Liga seine Spiele bestreitet, jubeln bis zu 15.000 Fans in der Minsk-Arena den Kaszizyn-Brüdern, aktuell die beiden besten heimischen Eishockeyspieler, zu. Auch die Talente können sich über genügend Förderung freuen – der Betrieb in der Eishalle für die ganzen Mannschaften geht fast rund um die Uhr. Um 23.30 Uhr startet die letzte Trainingseinheit, nach dem Ende beginnen schon wieder die Vorbereitungen für den nächsten Morgen.

Die Minsk-Arena bietet 15.086 Zuschauerplätze. Zudem ist die Heimstätte des HK Dinamo Minsk eine Multifunktionsarena, die Teil eines Sportkomplexes ist, zu dem ein überdachtes Velodrom und eine Eisschnelllaufhalle gehören.
Die Minsk-Arena bietet 15.086 Zuschauerplätze. Zudem ist die Heimstätte des HK Dinamo Minsk eine Multifunktionsarena, die Teil eines Sportkomplexes ist, zu dem ein überdachtes Velodrom und eine Eisschnelllaufhalle gehören.
- Lutz

Der Falcon Club (Badminton, Radbahn) sowie das neue Dinamo-Stadion (Fußball, Leichtathletikanlage) überzeugen ebenfalls, trainiert wird auch dort buchstäblich rund um die Uhr. Stolz sind die Weißrussen, dass rund 80 Prozent mit Materialien des eigenen Landes sowie in heimischen Fabriken gefertigt wurde. Über Geld und die Kosten will jedoch niemand sprechen.

Mit einem Durchschnittseinkommen von 400 Dollar stehen der Bevölkerung jedoch nicht alle Türen offen: Das neue Fitnessstudio im Falcon Club soll 100 Dollar pro Monat kosten, dabei muss der Mitgliedsbeitrag für das ganze Jahr im Voraus bezahlt werden. Dennoch wirken die Weißrussen stolz, das bevorstehende Großereignis soll einen Aufschwung geben und die Abhängigkeit von Russland noch kleiner erscheinen lassen.

Der Autor reiste auf Einladung von backaldrin The Kornspitz Company.




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