Letztes Update am Do, 15.11.2018 10:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Mit dem Essen zu Mumbais versteckten Schönheiten

Dabbawalas heißen die Boten, die in Mumbai täglich mehr als 100.000 Essen von der heimischen Küche direkt zum Arbeitsplatz liefern – ein logistisches Meisterwerk. Wer einen Lunchbox-Boten begleitet, lernt Mumbai von einer ganz neuen Seite kennen.

© Martina KatzDer Crawford Market ist Mumbais erstes britisches Marktgebäude.



Von Martina Katz

Ashok Sawant manövriert sein Fahrrad durch die Straßen. Stoffbeutel mit bunten Buchstaben und Zahlen hängen an seinem Lenker und am Gepäckträger. In jedem steckt eine Metalldose, so groß wie ein Kochtopf. Autos pus­ten Abgase in die Luft, Motorräder drängen ihn zur Seite, knatternde Motorrikschas quetschen sich vorbei, aus den Radios dröhnt Bollywoodmusik. Ashok klingelt und tritt in die Pedale. Er ist unterwegs in Four Bungalows, einem Mittelschicht-Wohngebiet im Norden der Millionenmetropole Mumbai, er hat es eilig. „In 20 Minuten fährt mein Zug ins Zentrum und bis dahin ist viel zu tun“, ruft er.

Ashok balanciert seine Dabbas am Bahnhof Dadar.
- Martina Katz

Ashok ist ein Dabbawala, ein Lunchbox-Bote. Seit fünf Jahren holt der 26-Jährige das frisch gekochte Mittagessen seiner 20 Kundinnen in den Vororten ab. Dann bringt er es mit Fahrrad und Zug in die Stadt, wo er es am Arbeitsplatz den Ehemännern abliefert. Pünktlich um halb eins. Was sich einfach anhört, ist ein logistisches Meisterwerk, weltweit einzigartig.

Die Boten sortieren die Taschen und Tiffin-Boxen auf dem Fußweg.
- Martina Katz

Mit den metallenen Warmhaltedosen – die Inder nennen sie Dabba – werden täglich mehr als 100.000 Essen in Indiens größter Stadt verteilt. Kreuz und quer auf 400 Quadratkilometern, bei 18 Millionen Einwohnern. Weder Lis­ten noch neueste Technologien werden verwendet. Was zählt, sind die exzellente Ortskenntnis der Dabbawalas und farbige Codes aus Buchstaben und Zahlen, die Straßen und Hausnummern markieren. Die meisten der 5000 Lunch­box-Boten können weder lesen noch schreiben, beherrschen den Code aber aus dem Effeff.

Morgens warten die indischen Frauen auf den Dabbawala, auch in den kunstvollen Häusern in Walkeshwar.
- Martina Katz

Um neun Uhr morgens klingelt Ashok an der Tür von Frau Bhagyashri. Die 27-Jährige wartet schon auf den Mann in der typischen Kluft: weißes Hemd, weiße Hose weiße bootsähnliche Kappe, das Nehru-Schiffchen. Seit mehr als 120 Jahren prägt das Outfit der Dabbawalas das farbenfrohe Stadtbild. Man sieht sie ihre Handkarren, vollgestopft mit den bunten Lunchboxen, durch Mahalaxmi bugsieren, wo sich das weiße Minarett des Haji-Ali-Schreins erhebt. Man erspäht sie, wenn sie ihre Taschenbündel durch die Viertel Malabar Hill und Walkeshwar schleppen, vorbei am Banganga-Brunnen mit dem heiligen Wasser des Ganges und dem verwunschenen Jain-Tempel.

Als der Inder Mahadu Havaji Bache den Lieferservice 1890 gründete, hatte er sofort Erfolg. Die englischen Kolonialherren mochten die einheimische Küche nicht und kamen so zu hausgemachten Gerichten. Sie nannten die Warmhaltedosen Tiffin-Box. Heute steht die „Mumbai Tiffin Box Suppliers Association“ hinter den Dabbawalas. Im kahlen Büro in der Ranade Road werden Preise kalkuliert und den selbstständigen Boten Aufträge vermittelt. So ist Ashok zu Frau Bhagyashri gekommen.

Gerade überreicht die junge Mutter ihre Dabba; vier übereinandergestapelte Metallschüsseln mit duftendem Curry, getrocknetem Gemüse, Reis und Chapati, indischem Fladenbrot.

„So mag es mein Mann am liebs­ten“, sagt sie und verschwindet in ihrer Wohnung. Ashok ist froh. Der Mann mit dem schwarzen Tilaka auf der Stirn – dem Segenspunkt der Hindus – spricht nicht gern. Er überprüft den Riemenverschluss der Tiffin-Box und eilt zum Nachbarhaus. „Der Dabba-Service ist uns heilig“, verrät dort Namrata More. „Nur wenn ich koche, kann ich sicher sein, dass die Zutaten unserer Religion entsprechen. Dafür hungert mein Mann fast schon gern, wenn sein Essen einmal nicht in der Bank ankommt“, sagt die 32-jährige Lehrerin lachend. Grund genug hat sie, denn Mumbais Liefersystem ist so zuverlässig wie kein anderes auf der Welt. Vor ein paar Jahren gab es dafür ein „Six Sigma Rating“ vom US-Magazin Forbes für nur drei Fehllieferungen bei einer Million Essen. Sogar Prinz Charles kam wegen des Lunchbox-Wunders in die Stadt. Doch das Geschäft kurbelt allein die stetig wachsende Einwohnerzahl der Metropole an. Die religiösen Inder mögen eben keine Experimente beim Essen.

Ashok blickt auf seine Armbanduhr und eilt aus dem Haus. Ob ihm das Spaß macht? „Ja“, sagt er. „Als Dabbawala bin ich mein eigener Herr, habe einen praktischen Job und ich helfe den Menschen.“ Früher arbeitete Ashok in einer Bank. Dann fragte ihn sein Bruder, ob er Dabbawala werden wolle. Ashok hat keine Sekunde gezögert. Heute verdient er 9000 Rupien im Monat, etwa 108 Euro. Ein ansehnliches Einkommen für indische Verhältnisse und deutlich mehr, als er bei der Bank bekam.

Die Tiffin-Boxen werden ausgeliefert.
- Martina Katz

Punkt halb elf drängen sich Tausende von Menschen am Bahnhof Andheri. Mittendrin prüfen die 20 Dabbawalas aus Ashoks Team die Codes ihrer Lunchboxen. Ashok ordnet seine Taschen zu: die mit einem roten R an den Kantstein, die mit einem weißen G vor die parkenden Fahrräder am Baum. 500 Stoffbeutel und Metalldosen pflas­tern den Gehweg, sorgsam nach Lieferziel sortiert. Nur ein Fehler, und eine Dabba ginge in die falsche Richtung. So wie neulich, als Ashok einige Rupien Strafe in die Teamkasse zahlen musste. Das schmerzt. Er knotet einige Beutel zu einem Bündel und eilt zum Zug.

Sieben Stationen rattert die Western Railway bis nach Dadar, einem geschäftigen Schnittpunkt zwischen den Zuglinien. Ashok hockt im Gepäckabteil auf dem Boden, die Lunchboxen vor seinen Füßen. Er telefoniert, spricht die nächste Übergabe ab. Das ist nötig, denn manche Dabba geht durch vier verschiedene Hände, bevor sie ihr Ziel erreicht. Draußen balanciert ein Kollege ein Holztablett auf dem Kopf, darauf zwei Dutzend Taschen. Menschenmassen schieben sich hin und her, wann immer der Zug am Bahnhof hält. Er ruckelt vorbei am Dharavi Slum, dem größten Armenviertel Asiens mitten in der Großstadt. Mit jedem Stopp verwandelt sich das puristisch silberne Gepäckabteil in einen schwellenden Farbklecks aus Tiffin-Taschen. Bis Dadar. Dort schwingt Ashok sein Bündel über die Schultern, eilt den Bahnsteig entlang, stapft die Treppen hinauf. Am Bahnhofseingang übernimmt ein anderes Team seine Dabbas.

Am Abend wird Ashok wieder in Four Bungalows sein und seinen Kundinnen die leeren Dabbas überreichen. Frau Bagyashri, Frau More und all die anderen werden ihm zulächeln. Ashok wird verlegen den Kopf senken und sich dann voller Stolz auf seinem Fahrrad durch die berstenden Straßen Mumbais kämpfen. So wie jeden Tag.

Informationen zu Mumbai

Anreise: Flüge ab Wien nach Mumbai zum Beispiel mit Turkish Airlines (ab 485 Euro) oder KLM/Air France (ab 468 Euro).

Pauschal reisen: Wer einen Dabbawala begleiten will, kann eine 4-stündige Tour mit englischsprachigem Reiseleiter bei Tischler Reisen buchen (Preis auf Anfrage, Tel. 0049-8821-931740, Informationen: www.tischler-reisen.de ). Die Dabbawala Foundation erwartet zudem eine Spende von einmalig 150 Euro pro Tour.




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