Letztes Update am Fr, 23.11.2018 17:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kanada

Thousand Islands: Und da haben wir jetzt den Salat!

Das Thousand-Island-Dressing ist gut 100 Jahre alt. Wer es erfunden hat, ist bis heute unklar. Nur, dass dies wohl in einer traumhaften, südkanadischen Flusslandschaft mit mehr als 1000 Inseln geschah.

© BrünjesFast 1800 Inseln geben der Thousand-Islands-Region ihren Namen.



Von Stephan Brünjes

Es war einmal ein kleiner Junge, Georg mit Namen. Seine Eltern waren bitterarm, und darum zogen sie von einer einsamen Insel ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Georg wurde schon bald „Dschordsch“ gerufen und musste hart arbeiten, als Tellerwäscher in feinen Hotels. Eines Tages traf er einen sehr reichen Mann. „Komm in mein neues Hotel in der Stadt mit den höchsten Häusern“, sagte der Mann – „es wird bald fertig sein, und du sollst es leiten!“ So geschah es. George­ war schon bald Millionär und glücklich verheiratet. Seiner über alles geliebten Frau Louise kaufte er eine Insel und ließ sie so umgestalten, dass sie von oben aussah wie ein Herz. Darauf baute er ihr ein Schloss mit 120 Zimmern …

Nein, kein Märchen, sondern eine wahre Geschichte. George­ Boldt, 1864 als Emigrant vom deutschen Rügen nach New York gekommen, stieg wirklich vom Küchenhelfer zum Manager des Walldorf-Astoria auf und wurde 1895 auf der Suche nach einem standesgemäßen Landsitz 500 Kilometer nördlich an der kanadischen Grenze fündig. In der Thousand-Islands-Region – ebenso wie der Boss von Singer-Nähmaschinen oder Eisenbahnmagnat Pullman, die sich auch Schlösser auf ihre frisch erworbenen Inseln setzen ließen.

Gut möglich, dass diese Herren sogar dabei waren, als George Boldt zum Yacht-Ausflug einlud und der Schiffssteward bleich wurde vor Schreck. Er hatte alle Zutaten für die Salatsauce an Land vergessen, rührte in seiner Not zusammen, was die Kombüse hergab, und servierte es mit zitternden Fingern.

Der High Society an Bord mundete diese liebliche, rosafarbene Kreation aus Ketchup, Mayo, Zitrone und einem Ei so gut, dass George Boldt sie als „Thousand-Island-Dressing“ ins Walldorf-Astoria einführte, von wo aus sie ihren Weg in die Küchen der Welt fand und im Oktober 1912 erstmals in die Rezepte-Spalte einer Zeitung in Dallas. So jedenfalls Saucen-Legende Nummer eins.

Auf den Spuren des Dressings

Auf ihren Spuren wird eines gleich klar: Die Kulisse von Boldts Schiffspartie ist noch wie damals, zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Landhäuser im Cottage-Stil, Villen mit weißen Veranden und Schaukelstuhl ducken sich unter Ahornbäumen auf den insgesamt gut 1793 Inseln. Schnittige, teakfarbene Edel-Motorboote ziehen Gischt-Streifen durchs blaue Wasser. Verträumte, am felsigen Ufer klebende Orte wie Rockport haben lediglich einen Laden, und es wäre kein Wunder, wenn gleich John Boy Walton aus diesem „General Store“ träte, mit braunen Papiertüten voller Einkäufe in den Armen.

Hotel-Direktor Allen Bena behauptet, die wahre Geschichte des Salat-Dressings zu kennen.
- Brünjes

Ja, dies ist wirklich eine vom Massentourismus noch ziemlich unberührte Urlaubsregion für ruhesuchende Skipper und Radler, stellenweise „very british“ klingend: Ein „Little Ben“ gongt gravitätisch – den Sound seines großen Londoner Bruders kopierend – die Uhrzeit über Inseln und die mit Säulen und Türmchen bewehrten victorianischen Herrenhäuser von Gananoque.

Dieses 5000-Seelen-Städtchen mit seinen Häusern aus rotem Backstein und beigem Granit, den grünen Fensterläden und strahlend weißen Holz-Balkonen ist idealer Ausgangspunkt für Touren durch die Thousand-Islands-Region. Der kürzeste Trip führt quasi direkt zum lieben Gott – mit Schwimmweste und Geoff Pratt als Wasser-Taxifahrer: Gemeinsam mit seiner Frau schippert der gemütliche Mitsiebziger Gäste per Motorboot zum Bostwick Island in die Halfmoon Bay, eine sichelförmige Bucht mit Granitkanzel und Piano. Mehr braucht’s nicht für einen sonntäglichen, ökumenischen Gottesdienst. Seit 125 Jahren kommen die Menschen, oft mehr als 100, mit Außenborder-Nussschalen und Kajaks hierher. Boots-Messe mal anders.

Während der Pastor an Land predigt und die auf dem Wasser schwankende Gemeinde beim Singen dirigiert, lässt er die Kollekte von einem umherkreuzenden Kanufahrer einsammeln. Beim Abschied aus der Gebet-Bucht ruft Randy, Besitzer der Nachbarinsel, noch: „Besuchen Sie Boldt Castle, das Schloss von diesem Saucen-Millionär!“ Da ist sie wieder, die Geschichte vom Thousand-Island-Dressing und der herzförmigen Insel seines vermeintlichen Erfinders. Eine gute Stunde braucht der Ausflugsdampfer ab Gananoque dorthin.

Der Kapitän unterhält derweil mit Seemannsgarn über versunkene Rumfässer (fehlgeschlagener Schmuggel über die US-Grenze während des Alkoholverbotes in den zwanziger Jahren), zeigt Kormoran-Kolonien, majestätisch kreisende Seeadler und die mit knapp zehn Metern angeblich kürzeste internationale Brücke der Welt (zwischen einer kanadischen und einer US-Mini-Insel).

Das Schloss des Saucen-Königs

Kurz dahinter, backbord: Ein rotes Dach, übersät mit Zinnen und Türmchen, darunter grobe, graue Felssteinfassaden mit 365 Fenstern – George Boldts Märchenschloss. Am Valentinstag 1904 wollte er es seiner Louise schenken, doch leider starb sie einen Monat vorher.

Boldt war erschüttert, ließ die Bauarbeiten sofort stoppen und betrat seine Heart Island nie wieder. Bis 1977 verfiel die Schlossruine. Seitdem wird sie für mehr als 20 Millionen Dollar wieder aufgebaut – Etage für Etage. Der halbrunde, helle Ballsaal, die plüschigen Schlafgemächer und das majestätisch-marmorne Treppenhaus sind schon zu besichtigen. Nur unterm Dach, im sechsten Stock, warten noch Graffiti und Bröckelputz auf die Handwerker.

Manche Inseln sind so klein, dass nur ein Haus Platz hat.
- Brünjes

Das Thousand-Island-Dressing – von Boldt Castle wäre es ein ideales Mitbringsel – ist aber im Souvenirshop gerade nicht vorrätig. „Fragen Sie mal im ‚Thousand Islands Inn‘“, raunt ein Besucher, „drüben in Clayton ...“, und grinst dabei vielsagend.

Drüben, das ist US-Festland. Der Weg dorthin führt zunächst über die Panoramastraße „Thousand Islands Parkway“, vorbei an einsam am Ufer dümpelnden Yachten, dann über die „Thousand Islands Bridge“, einem grünen Golden-Gate-Bridge-Verschnitt mit bestem 360-Grad-Blick über die Inselwelt im St. Lorenz-Strom –

vorausgesetzt, man stoppt am „1000 Islands Skydeck“, dem 130 Meter hohen Aussichtsturm, gemanagt von Heidi und Konrad Linckh, zwei nach Ontario ausgewanderten Düsseldorfern. Von ihrer Aussichtsplattform sieht die Thousand-Islands-Landschaft aus wie eine bis zum Horizont reichende Brokkoli-Suppe mit himmelblauem Sud.

Die Kontrollen an der kanadisch-amerikanischen Grenze sind nicht so grantig wie der Empfang in Clayton im abgewetzten, überladenen Büro des „Thousand Islands Inn“. Ein bisschen wie TV-Kommissar Kojak auf der Polizeiwache mustert Hoteldirektor Allen Benas seine Gäste durch die Windschutzscheiben seiner XXL-Brille und gibt sich erst mal wortkarg.

„Zwei Schritte vor mir“, knurrt er auf die Frage, wo man denn nun das Dressing kaufen könne. „Original-Dressing“, korrigiert er noch, eine Flasche aus dem Nebenraum angelnd: „Hier, als Urkunde gibt’s die einzig wahre Geschichte des Dressings dazu!“

Dieser Übergang von einer US- zu einer kanadischen Insel soll die kleinste internationale Brücke der Welt sein.
- Brünjes

Durchlesen ist dann aber doch nicht nötig, denn Mr. Benas wird nun überraschend redselig: 1973, beim Kauf des „Thousand Islands Inn“ – damals noch „Herald Hotel“ –

habe er das Dressing-Rezept entdeckt und halte es geheim wie die Coca-Cola-Formel. Nur drei Leute in seiner Küche kennen es angeblich und rühren danach die Sauce zusammen. Nein, nein, die Mixtur stamme nicht von George Boldts Schiffssteward – das sei „alles nur eine Marketing-Story“, sagt er mit wegwerfender Handbewegung.

Vielmehr habe Sophia LaLonde, eine Fischersfrau aus Clayton, die Salatsauce erfunden und sie bei Angelausflügen ihres Mannes mit prominenten Gästen eingeführt. Einmal sei Stummfilmstar und Sängerin May Irwin dabei gewesen. „Sie hat das Rezept ans Herald Hotel und an ihren Freund George Boldt gegeben – prüfen Sie’s nach, ein Brief im Heimatmuseum beweist alles.“ Es sind ja nur ein paar Schritte entlang der Uferpromenade mit den bunten Relax-Stühlen aus Holz und den rüstigen Rentnern mit weißen Shorts und ebensolchen Haaren. In einer Seitenstraße liegt es, das „Thousand Islands Museum“, ein mit grauem Holz getäfeltes Häuschen. „Nun ja“, sagt Museums-Kuratorin Sharon Bourquin drinnen zur Salat-Legende vom knurrigen Mr. Benas, „ich kenne Allen ja seit Jahren, er erzählt eben gern ...“

Eine Legende jagt die nächste

Dann aber fischt sie tatsächlich May Irwins Brief aus einem Archivordner. „Sophias Sauce“ steht drauf, nicht „Thousand-Island-Dressing“. Und mit den Zutaten kommt’s auch nicht so ganz hin.

Beweise sehen anders aus. „Manche sagen ja, das Dressing sei in Chicago erfunden worden“, wirft Sharon von der Seite ein. Nun ja, das wäre Legende Nummer drei, aber dann eine ganz andere Geschichte ...

Informationen

Anreise: Air France, KLM und United Airlines fliegen günstig ab Frankfurt nach Toronto, Lufthansa auch direkt ab München. Von hier sind es 300 Kilometer bis in die Thousand-Islands-Region, von Ottawa nur 150 Kilometer.

Übernachten: „Absolute 1000 Islands Suites“ ist ein wunderschön hergerichtetes, victorianisches Herrenhaus, in dem Petra und Philip Hirst (sprechen beide fließend Deutsch) sehr gut ausgestattete Apartments vermieten. www.absolutelocations.net

„The Athlone Inn”, ebenfalls ein kleines Haus, um 1877 erbaut, mit Zimmern im damaligen Stil. Doppelzimmer mit Frühstück ab ca. 90 Euro pro Nacht. 250 King Street West, Tel 001 613 382 3822, www.athloneinn.ca

Essen: Auf den Spuren des „Thousand Island Dressings” sollte man es im „Thousand Islands Inn” probieren. Breite Auswahl an Fisch- und Fleischgerichten, Clayton im US-Bundesstaat New York, www.1000-islands.com/inn

Attraktionen: Den besten Überblick bietet die 130 Meter hohe Aussichtsplattform des „Skytowers“ auf der Thousand Islands Bridge. www.1000islandsskydeck.com

Die fünfstündige Bootstour zu Heart Island mit Besichtigung des Boldt Castle startet täglich um 10 und 15 Uhr. www.ganboatline.com