Letztes Update am So, 25.11.2018 06:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kroatien

Eine herzliche und herzhafte Zeit in Zagreb

Im Advent nach Prag oder Budapest? Das dürfte für viele nichts Besonderes sein. Kroatiens Hauptstadt Zagreb haben dagegen nur wenige auf dem Zettel für den weihnachtlichen Städtetrip. Ein Fehler.

© iStockDer "Bauch von Zagreb" wird der Dolac-Markt mit
seinen Ständen nahe der Kathedrale genannt.



Kawumm! Mit einem Schlag ist es aus mit der Besinnlichkeit. Eben hatten die Touristen am Glühweinstand noch verträumt zu „Last Christmas“ mitgewippt, nun blicken sie verblüfft nach oben. Aus dem Fenster vom Lotršcak Turm quillt weißer Rauch. Ist denn heute schon Silvester? Natürlich nicht. Aber auch in der Vorweihnachtszeit dürfen Urlauber in Zagreb nicht schreckhaft sein. Jeden Tag um 12 Uhr mittags gibt die Kanone auf dem Altstadthügel der kroatischen Hauptstadt einen lauten Knall ab, und das seit über hundert Jahren, erklärt Stadtführerin Maja Halvaks. Der Hallo-wach-Effekt funktioniert nach wie vor.

Zehn Minuten später beim Aufstieg auf den Turm riecht es nach Schwarzpulver. Von der Spitze aus geht der Blick weit über die Stadt. Auf der einen Seite der schneebedeckte Bärenberg, auf der anderen das Häusermeer, an dessen Ende die Reise am Tag zuvor begann.

Am Abend sorgt die schneeweiße Beleuchtung für Weihnachtsstimmung.
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Auf dem Weg vom Flughafen geht es erst durch die graue Vorstadt. Dann weicht die Ostblock-Architektur den Prachtbauten der Altstadt. Wien lässt an vielen Ecken grüßen: Jugendstilhäuser erinnern an die Zeit, als die im 11. Jahrhundert gegründete Stadt unter den Habsburgern noch „Agram“ hieß. Gleich unterhalb vom Lotršcak Turm liegt die blaue Mini-Seilbahn, mit der Touristen von der neueren Unter- in die alte Oberstadt fahren. 30 Höhenmeter werden in einer Minute überwunden. Kann man nicht zu Fuß gehen? Schon, aber man sollte das kroatische Essen und den Schnaps nicht unterschätzen.

Runter vom Turm und rein ins Getümmel. Unten riecht es nach Zimt. Dampf von Glühwein. Und dort hinten? Würste! Berge von Würsten, die sich in einer Pfanne türmen. Zwölf Variationen gibt es allein an einem Stand. Wurst vom Hirsch, Wurst mit Knoblauch, Wurst mit Käse. Die Balkanküche war immer eher fleischlastig und für Cevapcici bekannt. Sie kann aber auch anders als bloß herzhaft und deftig. Auf der Vranyczany-Wiese gibt es Streetfood: Hotdogs mit schwarzem Brot und Rotkraut. Das sieht exotisch aus und schmeckt­ raffiniert. Daneben gibt es manches, was vertraut klingt und schmeckt: „Germknedla“.

Zum Germknödelessen nach Kroatien? Bei diesem Ziel denken die meisten nur an Strände und Camping. Doch das Land hat mehr zu bieten – auch zur Weihnachtszeit. Der „Lonely Planet“ hat Zagreb 2017 zur Nummer eins seiner „Best of Europe“-Ziele gewählt. Und für ihren Weihnachtsmarkt ist die Stadt von einem Reiseportal dreimal in Folge ausgezeichnet worden. Wer Prag oder Budapest kennt, für den ist Zagreb eine gute Alternative.

Erste Anlaufstelle in der Oberstadt ist die Kathedrale. Rund um die Weihnachtstage gibt es dort ein lebendiges Krippenspiel zu sehen. Herzlich willkommen war das Christkind hier zu Zeiten des Sozialismus unter Tito nicht, erzählt die Stadtführerin. Doch das ist vorbei. Wenige Straßen weiter liegt die St.-Markus-Kirche mit ihrem weiß-roten-Ziegeldach, auf dem das Stadtwappen abgebildet ist. Schon ist man im Herzen der Altstadt.

Mit der Mini-Seilbahn geht es von der Unter- in die alte Oberstadt.
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Gleich unterhalb der Stadtmauern und unweit der Kathedrale liegt der Dolac, der „Bauch von Zagreb“. Die Sonnenschirme bieten im Winter ein gutes Dach gegen Schneeregen. Hier liegen auch im Dezember Oliven und Weintrauben in den Auslagen – und natürlich: Würste.

Daneben werden Licitars als Souvenir angeboten, rot-weiße Lebkuchenherzen mit kleinem Spiegel in der Mitte. Männer geben sie ihrer Angebeteten und sagen: „Schau in den Spiegel, und du wirst sehen, wen ich auf der Welt am meisten liebe.“ Das Lebkuchenhandwerk in Nordkroatien gehört sogar zum Unesco-Weltkulturerbe.

Eine Sehenswürdigkeit ist auch das Museum der zerbrochenen Beziehungen. „Erst geht es ins Rathaus zum Standesamt, dann in die Kirche – und später finden sie sich hier im Museum wieder“, scherzt die Stadtführerin. Es zeigt Dinge, hinter denen herzzerreißende Anekdoten stecken. Ein kleiner Champagnerdeckel etwa erzählt von zwei Menschen, die an den Feiertagen eine Affäre miteinander beginnen. Beide sind verheiratet. Er verlässt seine Familie. Sie nicht – und so muss er am nächsten Heiligen Abend allein feiern.

Dort kann man sich ein lebendiges Krippenspiel ansehen.
- APA/dpa

Und wo bleibt die Romantik? Endlich: Am Abend geht im Zrinjevac-Park die Beleuchtung an, die sich an den Platanen hochrankt. Das Lichtermeer macht aus der Allee ein Winterwunderland. In einem alten Musikpavillon singt ein Chor Weihnachtslieder, an kleinen Holzbuden werden Engelsfiguren verkauft. Besucher lauschen mit Glühwein in der Hand, es duftet nach Germknedla. Keine Kanone unterbricht die Besinnlichkeit, die Herzschmerzgeschichten sind vergessen. Nach dem Konzert beginnen die Popklassiker zu dudeln, süßer Kitsch zu süßem Wein. Aber ist es nicht genau das, was man sich im Advent wünscht? (APA, dpa)