Letztes Update am Fr, 14.12.2018 13:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

In 17 Stunden um die halbe Welt fliegen

Nichts für Menschen mit Flugangst: Der neue längste Flug der Welt führt nonstop von Singapur nach New York und überwindet dabei 15.300 Kilometer. Eine lange Reise, bei der man nur wenig Zeit verliert.

Der Airbus A350 braucht für die 15.300 Kilometer je nach Windverhältnissen etwa 17 Stunden.

© APA/dpaDer Airbus A350 braucht für die 15.300 Kilometer je nach Windverhältnissen etwa 17 Stunden.



Der Airbus A350-900 ULR gleicht an diesem gerade erst angebrochenen Tag einer gigantischen Zeitmaschine. Das Flugzeug wird aufgrund der Zeitverschiebung und trotz etwa 17 Stunden in der Luft nur fünf Stunden später, kurz vor Sonnenaufgang, in New York landen. Keine Passagiermaschine überwindet derzeit so viele Kilometer am Stück wie Flug SQ22 von Singapore Airlines aus Singapur – nämlich 15.300 km.

Knapp 161 Passagiere kämpfen am Flughafen um kurz nach Mitternacht gegen schwere Augenlider und anhaltendes Gähnen. Dann endlich: einsteigen. Das Gedrängel bleibt aus, denn für einen Langstreckenflug ist die Zahl der Passagiere gering.

Der Flug startet im Inselstaat Singapur.
Der Flug startet im Inselstaat Singapur.
- iStock

In der Business Class nehmen die Stewardessen den Passagieren charmant die vorsorglich mitgebrachten Mäntel ab. Und sie bewegen Tabletts mit Champagner und Orangensaft durch die Kabine. Etwas weiter hinten in der Premium Economy Class ist mehr Gewusel. Dann endlich sitzen alle.

Leise setzt sich das schmale Flugzeug in Bewegung und rollt zum Start, da sind schon die ers­ten Passagiere eingeschlafen. Der Rest greift zu einem bewährten Mittel, das lange Flüge erträglicher macht: Alkohol. Singapore Airlines hat vorgesorgt. 100 Liter Wein und Champagner sind geladen, das macht mehr als einen halben Liter pro Passagier.

Für die seit Oktober 2018 bestehende Flugverbindung setzt die Airline auf das Erfolgsrezept eines olympischen Skispringers: geringes Gewicht – daher die wenigen Passagiere – und günstiger Luftstrom. Denn der Tank eines A350 oder A380 reicht sonst nicht, um einmal nonstop halb um den Globus zu fliegen. Zwischen 2004 und 2013 flog Singapore Airlines die Strecke Singapur–New York regelmäßig – mit einem wesentlich sprithungrigeren Flugzeug, dem A340 mit vier Triebwerken. Doch wegen der enormen Spritmengen und steigender Ölpreise lohnte sich das irgendwann nicht mehr.

In der Premium Economy Class kann man die 17 Stunden mit mehr Beinfreiheit verbringen.
In der Premium Economy Class kann man die 17 Stunden mit mehr Beinfreiheit verbringen.
- APA/Singapore Airlines

Jetzt hat man sich eine neue Strategie einfallen lassen: Premium Economy und Business Class statt ausschließlich Business Class – und deutlich weniger Spritverbrauch durch neuere Flugzeuge.

Irgendwann nach etwa der Hälfte der Flugzeit haben sich viele endlich bestmöglich auf ihren Sitzen zusammengerollt und versuchen zu schlafen. Doch den wenigsten gelingt es. Anders in der Business Class, wo sich der Sitz zu einem komplett flachen Bett umbauen lässt.

Etwa drei Stunden vor der Landung gibt es für die meisten Passagiere an Bord die dritte volle Mahlzeit hintereinander, dazwischen gab es sogar noch einen Snack. Zuvor, nach dem Start, gab es eine so genannte leichte Mahlzeit – doch auch die hatte es in sich. In der Business Class gibt es auf weißen Tischdeckchen serviert traditionelle Satay-Spießchen als Appetizer. Danach folgt eines der zahlreichen Gerichte, die man schon zuvor bestellen konnte: Angus-Steak oder traditionelle Reisnudeln in Kokoscreme-Meeresfrüchte-Soße zum Beispiel.

Champagner für alle heißt es an Bord des Fluges Singapur–New York.
Champagner für alle heißt es an Bord des Fluges Singapur–New York.
- APA/dpa

In der Premium Economy konnte man sich ebenfalls für Gerichte vor dem Flug entscheiden. Für Liebhaber gibt es auch Reisbrei mit faschiertem Schweinefleisch, gekochten Erdnüssen und Tausendjährigem Ei. Wer nicht vorbestellt hat, darf heute zwischen gedünsteter Hühnerbrust in Senfsoße, Fisch mit Bohnen und Karfiolbratling mit Tahini wählen.

Auf Frühstück wartet man vergeblich. Irgendwann, etwa eine Stunde vor der Landung, hat das Kabinen-Personal erst eine Handvoll Kaffees ausgeschenkt. In Bezug auf Zeitzone und Tag-Nacht-Rhythmus etwas unsicher entscheiden sich die meisten jetzt noch immer für den Alkohol.

Ob der Flug anstrengender ist als sonst, geht die Frage an eine Flugbegleiterin. „Nein“, sagt sie. „Es macht keinen Unterschied, ob es 12 oder 18 Stunden sind – wir haben die gleichen Aufgaben, nur mehr Zeit dafür.“ Einzig und allein die Kontaktlinsen leiden nach mehr als 14 Stunden unter der trockenen Luft. Im A350 ist es eng, daher braucht das Kabinenpersonal Erfahrung und eine spezielle Schulung für diesen Flugzeugtyp.

Dann kommt eine neue Technik zum Einsatz: Eine knappe Stunde vor der Landung in New York simuliert der Airbus mit seinem speziellen Lichtsystem einen sanften Sonnenaufgang. Fensterblenden auf, der Tag beginnt.

Bei der Ankunft bietet sich ein beeindruckender Blick auf Manhattan bei 
Sonnenaufgang.
Bei der Ankunft bietet sich ein beeindruckender Blick auf Manhattan bei 
Sonnenaufgang.
- APA/dpa

Im Landeanflug auf Newark erlebt man ein Lichterfest über New York. Überall blinkt und strahlt es in der Nacht. Sanft setzt der Airbus um Punkt 5.00 Uhr auf der Landebahn auf. 16 Stunden und 50 Minuten hat das Flugzeug gebraucht. Wie lang der Flug dauert, ist allerdings nur mit einer Genauigkeit von plus/minus zwei Stunden vorherzusagen. Es kommt auf die Bedingungen an.

Was kann da im Ultra-Langstrecken-Zeitalter noch kommen? Qantas plant bereits einen Nonstop-Flug Sydney–London ab der Saison 2022/2023. Dieser würde mehr als 17.000 Kilometer überwinden. Doch viel weiter wird es wohl niemals werden – weil es keinen Sinn macht. Andersrum fliegen wäre dann immer schneller.

An diesem frühen Morgen steigen die Passagiere des Airbus A350-900 ULR etwas zerknautscht, aber gut gelaunt aus dem Flieger. Ob 12 Stunden oder 17 Stunden, das sei nun auch egal, lautet der allgemeine Konsens bei der Ankunft.

Schlafen konnten die meisten tatsächlich nicht. Aber bequem sei es trotzdem gewesen. Das wohl beste Erlebnis des jungen Tages: Der Flug SQ22 ist der erste, der an diesem Mittwoch in Newark landet. An der sonst brechend vollen Passkontrolle für die Einreise in die USA steht deshalb kein einziger Mensch. Draußen geht gerade die Sonne auf. Schlafen kann man auch später. Spätestens jetzt ist allerdings Zeit für einen morgendlichen Kaffee. (APA/frm)