Letztes Update am Do, 20.12.2018 09:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Wyoming: Rinder, Cowboys und wenige Menschen

Wyoming ist größer als Großbritannien und hat nicht einmal halb so viele Einwohner wie Wien. Der Staat in den Rocky Mountains ist der am dünnsten besiedelte Bundesstaat der USA. Doch er bietet, abseits der Massen, viele Attraktionen.

Auf den Ranches treiben Cowboys ihre Rinder zusammen.

© Christian RöwekampAuf den Ranches treiben Cowboys ihre Rinder zusammen.



Wie ein endloses Band zieht sich der Interstate Highway 90 durch die leicht wellige, fast baumlose Weite. Wer auf ihm in Wyoming nach Westen fährt, hat oft nur ein Ziel: Yellowstone, den ältesten Nationalpark der Welt im Nordwesten des US-Bundesstaates. Doch Eile ist kein guter Ratgeber. Zwar ließe sich der Staat in sieben Stunden durchqueren, doch es gibt viel zu entdecken.

Das tat auch der berühmte US-Regisseur Steven Spielberg. Als er in den 1970er-Jahren für die Schlussszenen von „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ einen Schauplatz suchte, wurde er am Devils Tower fündig. Noch heute stellen viele Besucher Fragen zu dem Science-Fiction-Film, erzählt Ranger Joe Bruce.

Der Bighorn Canoyn liegt in einem Nationalpark.
Der Bighorn Canoyn liegt in einem Nationalpark.
- Christian Röwekamp

Als massiver Turm aus Vulkangestein erhebt sich der Devils Tower 264 Meter hoch aus seiner Umgebung und ist schon von Weitem zu sehen. Im Jahr 1904 wurde er zum ersten National Monument der USA ernannt. Auch deshalb wird es hier im Juli und August oft voll auf dem zwei Kilometer langen Tower Trail, der um den Fuß des Berges herumführt.

Bruce rät, nachmittags zu kommen, wenn es leerer ist und das Sonnenlicht von Westen auf den Berg fällt. „Großartig ist es aber auch in der Nacht. Viele Besucher nehmen gar nicht wahr, dass der Park auch dann geöffnet bleibt. Wir haben hier einen herrlich dunklen Himmel mit vielen, vielen Sternen“, schwärmt der Ranger. Für Bruce hat der Devils Tower „etwas Kraftvolles und Mysteriöses. Es gibt unzweifelhaft eine spirituelle Qualität hier.“

Cowboys und Pferdeflüsterin

Etwa zwölf Meilen südlich der Kleinstadt Buffalo liegt die TA Ranch, auf der sich echte Cowboys um Rinder kümmern. Etwa 350 Stück Vieh und 40 Pferde gibt es auf der Ranch. Von Ende Mai bis Ende September ist die Saison für Reisegruppen, in der die so genannten Wrangler die Rinder auf einer Koppel zusammentreiben.

Der Devils Tower ragt 264 Meter in die Höhe.
Der Devils Tower ragt 264 Meter in die Höhe.
- Christian Röwekamp

Zum Programm gehört fast immer eine Begegnung mit Marchel Kelley, die mit auffällig gewordenen Pferden arbeitet. „Sie nennen mich hier die Pferdeflüsterin“, sagt die Frau mit dem großen Cowboyhut, „und ich akzeptiere das auch. Aber natürlich flüstere ich nicht mit den Pferden. Es geht darum, Tieren beizubringen, wie sie feinfühlig sein können.“

„King’s Saddlery. King Ropes & Museum“ steht auf dem Schild neben der Eingangstür an der Main Street in Sheridan, ganz im Norden Wyomings. Wer ins Museum möchte, muss durch das Geschäft und dann eine Hinterhofstraße überqueren – und landet an einem Ort, der wie die Requisitenkammer für „Django Unchained“ oder einen alten Winnetou-Film wirkt.

Fast 500 Sättel sind ausgestellt. „Der älteste stammt von etwa 1865“, sagt Inhaber Bruce King, dessen Vater Don das Museum gegründet hat. „Und zwar nicht für Touristen, sondern, um etwas vom alten Wes­ten zu retten.“ Auf engem Raum sind auch viele alte Sattelmacherwerkzeuge, Ledertaschen, Zeichnungen, Halfter, Seile und Waffen ausgestellt.

Der Sacajawea-Friedhof wurde nach einer berühmten Indianerin benannt.
Der Sacajawea-Friedhof wurde nach einer berühmten Indianerin benannt.
- Christian Röwekamp

Besucher können einen Blick in die Sattlereiwerkstatt werfen. „Heute verkaufen wir mehr Seile als Sättel“, erzählt King. Rancher aus ganz Wyoming und den Nachbarstaaten kauften bei ihm ein. Auch im Cowboy-Staat Wyoming ist der Bedarf an Reitzubehör nicht mehr so groß wie früher.

Mark Garrison trägt T-Shirt und kurze Hosen und stellt sich als „Käpt’n Mark“ vor. Mit seinem Ausflugsboot „Belle“ hat er gerade die Horseshoe Bend Marina verlassen und sich auf den Weg in den Bighorn Canyon gemacht. Knapp 100 Kilometer nördlich steht der Damm, der das Flusswasser aufstaut, um Überschwemmungen zu verhindern und auch Strom für etwa 200.000 Haushalte zu produzieren.

Mit Wasserski in den Canyon

Die Fahrten führen etwa 25 Kilometer weit in den Canyon hinein und dann zurück zum Ausgangspunkt nahe der Kleinstadt Lovell. Viele Besucher sind im Sommer mit Wasserski oder dem Kajak zwischen den stellenweise mehr als 270 Meter hohen Felswänden unterwegs. Zweimal am Tag steuert Captain Mark dort sein Boot, langweilig wird ihm dabei aber keineswegs: „Ich fahre diese Tour zwar sehr oft, aber ich sehe jedes Mal etwas Neues. Schon auf dem Rückweg kann die Szenerie ganz anders aussehen als auf dem Weg hinein.“

Das Wasser im Bighorn Canyon stammt zum Teil aus einem Fluss viel weiter südlich in Wyoming, dem Popo Agie River. Bei Lander fließt er im Sinks Canyon State Park in eine Höhle und unterirdisch durch einen 400 Meter langen Kanal, bis er wieder aus dem Untergrund kommt. Im Mai und Juni rauschen hier 14.000 Liter pro Sekunde durch.

Jermaine Bell, einer der Touris­tenführer aus der nahegelegenen Wind River Indian Reservation, bringt Besucher zu dieser Stelle. „Man kann Wyoming nicht verlassen, ohne Sinks Canyon gesehen zu haben“, sagt er.

In der Wind River Indian Reservation leben die Stämme der Nördlichen Arapaho und der Östlichen Shoshonen, deren Häuptling Washakie im 19. Jahrhundert der einzige Anführer der Ureinwohner war, der hier selbst bestimmen durfte, wo er das Reservat für sein Volk haben wollte. Sein Grab gehört heute zu den Orten auf den Touren mit Jermaine Bell, ebenso wie der Friedhof, auf dem die örtlichen Stämme die Indianerin Sacajawea begraben glauben – eine Frau, die in den Jahren 1805 und 1806 die Expedition der Offiziere Lewis und Clark zur US-Westküste begleitete. Durch ihre Anwesenheit verdeutlichte sie anderen Stämmen damals, dass die US-Soldaten nicht in kriegerischer Absicht unterwegs waren.

Viele Historiker bezweifeln zwar stark, dass Sacajawea tatsächlich hier bestattet wurde, an ihrer Verehrung aber ändert das freilich nichts: Blumen, Ketten und bunte Steine schmücken hier ihre Statue. Der ganze Friedhof ist ein farbenfroher Ort, auf dem Reiterfiguren und Cowboystiefel etliche Gräber zieren – um anzuzeigen, wer dort jeweils begraben wurde. (APA, frm)




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