Letztes Update am So, 20.01.2019 07:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Im Gänsemarsch und Dreivierteltakt übers Eis

Mehr als 100 Jahre nachdem Roald Amundsen den Südpol erreicht hat, reisen Menschen immer noch freiwillig in die Antarktis. Das liegt an den Pinguinen, Robben und Typen wie dem rauschbärtigen Captain Iglo.

Die Pinguine heißen das Kreuzfahrtschiff willkommen.

© Günter SpreitzhoferDie Pinguine heißen das Kreuzfahrtschiff willkommen.



Von Günter Spreitzhofer

Er sah aus wie Captain Iglo, nur 30 Kilo schwerer. Aufgefallen war er uns schon in Ushuaia, als er zwei Steaks auf einen Streich verzehrte. „Die Bucht, die nach Osten sieht“, in der Sprache der Indianer Feuerlands, ist die südlichste Stadt Argentiniens, Heimat sagenhafter Seebären und regnerischer Ausgangspunkt der meisten Kreuzfahrten in die Antarktis. Auch im Jänner, eigentlich Hochsommer an der Südspitze Lateinamerikas, hängen dicke Nebel über den verschneiten Fjorden der Insel, wo der große Seefahrer Magellan Riesen beim Feuermachen beobachtet haben will und der unwirtlichen Kältesteppe ihren Namen gab. Richtung Packeis wollte scheinbar auch Iglo – seinem Seesack nach zu schließen. Wir fuhren tatsächlich gemeinsam, doch er nicht das erste Mal.

Aber dazu später. Die Antarktis beginnt zwei Tage oder 1500 km südwärts von Kap Hoorn, etwa beim 50. Breitengrad: Die antarktische Konvergenz bildet die geographische Grenze, wo das kalte antarktische Wasser innerhalb weniger Kilometer die Oberhand gewinnt und die Wassertemperatur in kurzer Zeit um etliche Grade sinkt, als ob es nicht schon kalt genug wäre. Bleierne, endlos lange Wellenberge, fast ohne Gischt.

Neben der alten Walfangstation steht ein kleines, rostiges Flugzeug.
Neben der alten Walfangstation steht ein kleines, rostiges Flugzeug.
- Günter Spreitzhofer
Mit dem Schlauchboot wird man an Land bzw. aufs Eis gebracht.
Mit dem Schlauchboot wird man an Land bzw. aufs Eis gebracht.
- Günter Spreitzhofer

Albatrosse. Tiefe Wolkenfetzen, vom Suchscheinwerfer gespenstisch erhellt. Die schemenhaften Lichter des Festlands sind lange schon verschwunden: Die Drake Passage ist für ihre Stürme gefürchtet, doch auch scheinbar ruhige See ist ruppig genug für die meisten an Bord. Majestätisch treiben Eisschollen vorbei, oft nur belegt von einigen zerrupften Pinguinfedern und einer satten Leopardenrobbe im Verdauungsschlummer. Wir sind da.

Sogar ein Pottwall schaut vorbei

Für Unterhaltung ist jedenfalls gesorgt, auch wenn nicht immer Kaiserwetter herrscht und die Zodiacs, Schlauchboote für Landgänge, an den Kränen bleiben müssen. Fad wird es nicht: Naturwissenschaftliche Vorträge, Dokumentarfilme, erlesene Buffets, Deck-Barbecues und sogar opulente Silvesterpartys mit vertrauten Klängen zum Jahreswechsel, wo die Sonne fast nicht mehr untergeht. Wer rechnet schon mit dem Donauwalzer, zur Erinnerung an Jorges Reise nach Wien? Die Stille danach kann noch stiller sein als anderswo, wenn die Motoren ausgeschaltet werden, weil nebenan plötzlich ein Pottwal eisige Fontänen in die Luft bläst.

Jorge ist der Eiskapitän. Er lässt jeden auf die Brücke und bleibt auch am vierten Tag noch geduldig, als Mary Lou aus Alabama wieder einmal einen fliegenden Pinguin gesehen haben will, der bloß ein schwarz-weißer Kormoran war. Dresscodes gibt es keine. Champagner auch nicht. Kreuzfahrten auf ORF2 sehen anders aus. Doch da geht es mehr um Palmen als um Pinguine.

Zehn Tage dauern die kürzesten Touren ab Ushuaia, die über alte Walfangstationen auf den Süd­shetland-Inseln bis zur antarktischen Halbinsel vorstoßen. Planmäßige Stopps gibt es zwei bis drei am Tag: Auf Deception Island etwa, einer spektakulären Vulkaninsel, wo Coole sich in den heißen Quellen am Eismeersandstrand suhlen können, während andere sich in die imposanten Ruinen der Tranfabrik nebenan wagen, neben der ein abgestürztes Flugzeug liegt.

Inzwischen besuchen mehr als 35.000 Touristen jährlich die Antarktis.

Inzwischen besuchen mehr als 35.000 Touristen jährlich die Antarktis.

- Günter Spreitzhofer
Robben lassen sich durch die Besucher nicht aus der Ruhe bringen.
Robben lassen sich durch die Besucher nicht aus der Ruhe bringen.
- Günter Spreitzhofer

Bloß Achtung auf die Weddell-Robben, die zwischen morschen Walgerippen und angerosteten Baked-Beans-Dosen herumliegen, als ginge sie alles nichts an. „Früher wurde mit lebenden Pinguinen geheizt, die in die Kessel geworfen wurden“, grinst unser Captain Iglo, der eigentlich Silvio heißt und seit Jahren zweiter Maschinist ist.

Diego hat Fans in der Antarktis

Weniger brutal geht es im Gemeinschaftsraum der argentinischen Station Jubany Bay zu, dort steht ein Weihnachtsbaum aus Plastik. Dahinter hängt eine Schwarzwälder Kuckucksuhr, daneben ein Poster von Diego Maradona. Der kleine Fußballplatz neben der hölzernen Kapelle mit der blau-weißen argentinischen Flagge ist zurzeit bestens gewalzt.„Jetzt spielen wir auch um ein Uhr morgens“, sagt der Chefmeteorologe aus Mendoza, der auf Wunsch in jeden Reisepass einen Stationsstempel presst. Antartida Argentina. So was hat nicht jeder. In einem Jahr ist er wieder daheim, wahrscheinlich. Es hat +4 Grad, guter sommerlicher Durchschnitt.

In ein paar Monaten gibt es 50 Grad weniger. Doch dann kommen ohnedies keine Schiffe mehr durch das Treibeis und Touristen noch weniger. Nirgendwo ist es kälter, trockener und windiger als in der weißen, lebensfeindlichen Einöde, deren Existenz erst seit 1820 gesichert bekannt ist. Mit dem internationalen Antarktisvertrag 1957 fand der Erschließungsspuk sein Ende – seither sind militärische Nutzung sowie die Ausbeutung der gigantischen Bodenschätze und Tierbestände untersagt.

Der weiße Traum hat seinen Preis. Das Reisen zu den letzten weißen Flecken der touristischen Welt ist einer exklusiven Minderheit vorbehalten, die sich auf die Spuren der legendären Entdecker begibt. Maximal 100 Personen dürfen sich gleichzeitig an einer Landestelle aufhalten – im Gänsemarsch geht es dann zu Robben- und Pinguinkolonien, um die Tundra nicht mehr zu zerstören als nötig, weil diese Jahrzehnte braucht, um sich nach einem Schritt neben dem Pfad zu regenerieren. Man trägt Spezialgummistiefel, die Zodiac-Boss Santiago nach jeder Rückkehr aufs Schiff abspült, um keine Tierkrankheiten von Insel zu Insel zu verschleppen.

Ein argentinisches Camp.
Ein argentinisches Camp.
- Günter Spreitzhofer

Immer mehr Touristen

1990 waren es rund 1000, 2002 knapp 15.000, 2015 bereits fast 35.000 Touristen, die den sechsten Kontinent bereisten. Die meis­ten kommen mit Kreuzfahrtschiffen, nur einige wenige per Flugzeug zu handverlesenen Forschungsstationen. Dazu stoßen ein paar Extrembergsteiger, die sich an den Mount Vinson, mit 5140 Metern höchste Erhebung des Südkontinents, heranmachen.

Doch so weit wollen die wenigsten. Ein Sektempfang am antarktischen Festland ist unvergesslich genug, nicht nur weil Santiago ins Wasser gefallen ist und deshalb im Maschinenraum übernachten durfte. Dort ging’s wirklich heiß her, was man den Kabinenduschen nicht nachsagen konnte. Und morgen gibt’s im Bordkino Amundsen & Scott Teil 7, sagt Silvio. Cheers.

Info

Sämtliche Antarktis-Reiseveranstalter sind im Verband der internationalen Antarktis-Reiseveranstalter organisiert und verpflichten sich zur Einhaltung des „Protokolls von Madrid“ (1991), das den Schutz der Antarktis als Naturreservat sicherstellen soll.

Reisezeit: Dezember bis März

Tipp, speziell für internationale Luxusliner: je größer die Schiffsdimensionen/Zahl der Passagiere, desto weniger Landgänge und desto geringer die Chance, bei jedem Landgang dabei zu sein.