Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 03.02.2019


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Reise nach Kent: Der Champagner wird very british

In Frankreich wird es langsam zu warm für die Trauben, die den weltberühmten Schaumwein ausmachen – darum schauen sich die Winzer jenseits des Ärmelkanals in Kent nach Feldern um. Denn die Bodenbeschaffenheit dort ist ähnlich.

Eine Weinverkostung fast wie in Frankreich, hier aber im englischen Kent.

© APA (dpa/gms/Visit Kent)Eine Weinverkostung fast wie in Frankreich, hier aber im englischen Kent.



Mitten in den Flitterwochen erreichte Henry Warde ein Anruf, der sein Leben verändern sollte. Am Telefon war sein Vater, der Besitzer der Ländereien in der englischen Grafschaft Kent, die seit acht Generationen in Familienbesitz sind. Und der hatte Besuch von einem Champagner-Produzenten aus Frankreich, der Interesse am Land der Wardes hatte. „In der Champagne wird es langsam zu warm für die Trauben, die sie für ihr Produkt brauchen", erzählt der 42-jährige Henry. Also schaut sich mancher Produzent jenseits des Ärmelkanals nach Land um.

„Die Erde hier ist ähnlich wie in Nordfrankreich, viel Kreide, die Wurzeln der Reben können tief in den Boden wachsen." So wie an der Côte des Blancs in der Champagne. Und der Klimawandel bringt wärmere Temperaturen mit sich, so dass sich die Trauben auch im britischen Klima wohlfühlen. Land verkauften die Wardes dem Franzosen nicht. Aber Henry begann darüber nachzudenken, selbst Wein anzubauen. „2006 haben wir die ersten Reben gepflanzt", erzählt er. Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier: die Sorten, die man zur Herstellung von Champagner braucht. Doch so darf sich nur der Schaumwein nennen, der aus der französischen Champagne kommt.Also heißt das Produkt von Henry Warde schlicht Sparkling Wine, Schaumwein. In Weiß und in Rosé stellt er ihn her, nach der traditionellen Methode der Franzosen, der Flaschengärung. Und obwohl der Squerryes Brut noch sehr frisch auf dem Markt ist, ist er schon eine Nummer auf der Karte der britischen Weinproduzenten und hat bereits Preise gewonnen.

Der Park und das Gebäude der Barnes bilden die idyllische Umgebung für den Weinanbau.
Der Park und das Gebäude der Barnes bilden die idyllische Umgebung für den Weinanbau.
- APA (dpa/gms/Visit Kent)

Die Ahnen wären stolz

Henry will nicht nur guten Wein machen — er hat auch die Sache mit dem Marketing verinnerlicht. Schließlich besitzt er dieses große alte Haus, das wunderschön in einem parkähnlichen Garten liegt. Mit ein paar Zimmern voller Gemälde der Ahnen. Also öffnet er die Pforten und kredenzt neben dem Champagner auch Geschichten der Vorfahren, die eine bewegte Vergangenheit haben — ihr 250 Jahre alter Wahlspruch „Licet Esse Beatis" — „Erlaube dir, fröhlich zu sein".

Mit dieser Mischung hat er anderen Weingütern in der Gegend einiges voraus. Die Anzahl der Winzer ist übersichtlich, allerdings werden es langsam mehr, auch nördlich des 50. Breitengrades. Dort wuchsen bis vor wenigen Jahren nämlich gar keine Reben. Die Grafschaft Kent im Süden des Königreichs ist vor allem als der „Obstgarten Englands" bekannt. Äpfel und Birnen, Kirschen und Erdbeeren — das sind die Früchte, die das Land im Südosten Englands vor allem hervorbrachte. „Das Obst wird durch die kühleren Temperaturen später reif, dadurch bekommt es aber mehr Sonne mit und hat erstklassige Aromen", sagt Henry.

Doch speziell die Äpfel waren eine Weile mehr Fluch als Segen, als die Apfelpreise sanken und die Gärten nicht mehr genügend einbrachten. Ende der 60er-Jahre war das. Da probierte die Familie Barnes sich einfach an der Winzerei. Auf einer kleinen Fläche pflanzte man die ersten Reben. Heute wachsen hier elf verschiedene Sorten auf rund neun Hektar Land, die sich in einem Tal auf den sanften Hügeln am Ortsrand von Biddenden befinden. Besonders bekannt sind die Barnes für ihren Ortega, eine Kreuzung der Müller-Thurgau und Siegerreben. „Dafür hat die Familie schon viele Preise gewonnen", sagt Jenny, die hinter dem Tresen des Shops steht und die Besucher mit den Weinen versorgt. Weitere Sorten, die sie auf den Hügeln anbauen: Bacchus, Dornfelder und die Scheurebe, zudem Schönburger, Huxelrebe und Gewürztraminer.

Bei den Barnes ist bis heute alles übersichtlich, auch wenn sie sich auf die Fahnen schreiben können, als Erste das Wagnis Wein in England probiert zu haben — und damit Erfolg hatten. In ganz anderen Dimensionen ist die Chapel Down Winery in Tenterden unterwegs: Hier werden pro Jahr mehr als 800.000 Flaschen Wein produziert — weiß und rot, Schaum- und Süßwein.

Die Winzerfamilie Barnes ist vor allem für den Ortega-Wein bekannt.
Die Winzerfamilie Barnes ist vor allem für den Ortega-Wein bekannt.
- APA (dpa/gms/Visit Kent)

In Chapel Down ist alles von vorne bis hinten durchgeplant. Auf einer Tour kann man einige ausgewählte Felder besuchen und bekommt im Schnelldurchgang eine Einführung in die Kunst der Weinproduktion. Die Tour endet im Shop, in dem ein Eckchen für eine schnelle Weinprobe vorgesehen ist. Echte Weinkenner befinden sich nur selten unter den Besuchern, es sind eher die, die eine Landpartie machen und hier die Produkte der Winery kennen lernen. Und ihnen schmecken die heimischen Produkte — oder eben auch nicht.

Fast wie in Disneyland

Der Anbau der Reben, die Weinherstellung und der Weintourismus — das alles geht in der Grafschaft Kent also Hand in Hand. Wer die Charaktere kennt, die in Deutschland und Österreich seit Jahrhunderten Wein herstellen, kommt sich hier mitunter vor wie in einer Mischung aus Öko-Tour und Disneyland. Doch eines ist ziemlich sicher: „Wenn die Klimaerwärmung so weitergeht, wie es derzeit aussieht, wird es künftig noch viel mehr Wein aus Großbritannien geben", sagt Henry Warde.

Und wer weiß — vielleicht müssen sich die britischen Winzer dann gar nicht mehr auf Schaum- und Weißweine konzentrieren. „Dann könnten sogar Rotweine hier funktionieren." (APA, dpa)

Die Winzer jenseits des Ärmelkanals schauen sich in Kent nach Feldern um.
Die Winzer jenseits des Ärmelkanals schauen sich in Kent nach Feldern um.
- APA (dpa/gms/Wolff)