Letztes Update am So, 10.02.2019 06:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mardi Gras in Alabama

Dieser Karneval ist ein krasses Fest der Toleranz

In der 200.000-Einwohner-Stadt Mobile in Alabama findet der älteste „Mardi Gras“ der USA statt. Und obwohl er auf den ersten Blick absolut unpolitisch scheint, hat er eine klare politische Botschaft: Er ist ein Statement für ein liberales und multikulturelles Amerika, das unter Trump in eine andere Richtung marschiert.

Wie eine siegreiche Sportmannschaft werden die Karnevalsgruppen auf den Umzugswägen bejubelt.

© Christian SchreiberWie eine siegreiche Sportmannschaft werden die Karnevalsgruppen auf den Umzugswägen bejubelt.



Von Christian Schreiber

Als sich Mr. Burns und Mr. Spock gefährlich nahekommen, ruft Terry Ankerson quer durch die Halle: „Stopp, wir wollen doch nicht, dass die beiden anfangen zu streiten." Die bunten Wagen, die gerade Aufstellung nehmen für den „Mardi Gras"-Umzug durch die Stadt Mobile an der Golfküs­te der USA, halten an. Alle hören hier auf Ankerson, denn er ist der Chef der Karnevalstruppe, die den heutigen Faschingsdienstag fest im Griff hat. Seit 40 Jahren organisiert er die Auftritte und Umzüge seiner Crew. „Bei ?Mardi Gras' denkt jeder nur an New Orleans. Dabei waren wir die Ersten."

In der Tat begann das bunte Treiben in Mobile schon 1703, als New Orleans noch nicht einmal gegründet war. Die Einwohner sprechen stolz vom ältesten Mardi Gras der USA, der auf die französischen Stadtväter zurückgeht. Eine 300 Jahre alte Tradition ruft geradezu Entzückung bei den Amerikanern hervor, die alles, was mehr als 100 Jahre zurückliegt, als „historisch" bezeichnen. Umzüge gibt es in Mobile immerhin seit 1830.

Überzuckerte Munition

Heute sind die Wagen schwer beladen mit Tausenden Päckchen „moon pie", kleinen Marshmallows, die Ankerson und seine Leute jetzt schon eifrig in die Menge feuern. Europäische Geschmacksnerven treffen sie damit nicht. Aber bei den Amerikanern kommen die überzuckerten, fliegenden Süßigkeiten extrem gut an.

Jedes Jahr ein neuer Rekord

Aber noch viel wichtiger sind die bunten Perlenketten aus Plas­tik, die in jeder Saison millionenfach durch die Luft segeln. Kinder stehen mit großen Tonnen hinter der Absperrung. Wer mit einer Kette direkt reintrifft, darf sich über Sonderapplaus freuen. „Dort oben auf dem Wagen stehen und die Leute glücklich machen. Das muss man einfach erlebt haben", sagt Ankerson und blickt auf vollgestopfte Straßenzüge. „Wir denken jedes Jahr: Mehr Zuschauer geht nicht mehr. Und dann gibt es wieder einen neuen Rekord."

Der Karneval in Alabamas Städten erlebt einen ungeahnten Ansturm. Allein Mobile zählt pro Saison knapp zwei Millionen Besucher, die rund eine halbe Milliarde Dollar in die Kassen der 250.000 Einwohner zählenden Stadt spülen. Zum Teil geht der Boom auf Besucher zurück, die New Orleans meiden, weil das Treiben dort zu heftig geworden ist, Schlägereien und Gewalt zunehmen.

Mobile ist zwar keineswegs ruhig, die Leute lassen es krachen, aber nirgendwo liegen Bierleichen, und die Stimmung bleibt stets positiv und freundlich. Und das, obwohl Alkoholkonsum auf offener Straße erlaubt ist — ein No-go in vielen US-Bundesstaaten.

Auch die Zahl europäischer Besucher ist stark gewachsen. Sie erleben einen Mardi Gras, der dem Karneval in Hochburgen wie Düsseldorf, Köln oder Mainz sehr ähnlich ist: Die Umzugswagen entstehen in wochenlanger Handarbeit. Sie sind mit Figuren aus Pappmaché geschmückt, die ihre Köpfe in die Höhe strecken.

Meist stammen die Kameraden aus Comics, Filmen oder Märchenbüchern. Die Figuren und Themen sind politisch absolut unverdächtig — und das ist der große Unterschied. „Mardi Gras besteht aus drei Wörtern: Spaß, Spaß und Spaß. Da hat Trump nichts zu suchen", sagt Terry Ankerson, die Legende aus Mobile.

Dabei sollte sich der US-Präsident glatt mal eine Woche Mardi Gras in Alabama gönnen. Denn letztlich haben die Umzüge, Bälle, Feiern und Königskrönungen doch mehr politische Botschaften als so manches Wahlprogramm und mehr als sich selbst die Amerikaner eingestehen wollen.

100 Vereine und 100 Umzüge

In Mobile gibt es knapp hundert Karnevalsvereine. Jede dieser so genannten „Krewes" veranstaltet einen eigenen Umzug, Besucher können bis zu vier am Tag erleben.

Danach schmeißt jede Truppe ihren eigenen Ball. Wenn es hoch hergeht, kommen bis zu 6000 Menschen, die bejubeln, wie ein König oder eine Prinzessin den Thron besteigt. Die einen verehren Columbus, den Entdecker des amerikanischen Kontinents, gleichzeitig existieren Gruppen, die den indianischen Ureinwohnern huldigen. Die anderen beschäftigen sich mit ihren englischen Kolonialherren oder würdigen die Franzosen, die den Mardi Gras nach Alabama gebracht haben.

Zudem haben sich reine Frauengruppen gegründet, Schwule und Kinder und Jugendliche veranstalten eigene Umzüge. Jede vermeintliche Minderheit oder Randgruppe kommt zum Zug. Besonders beliebt sind die Bälle der afroamerikanischen Bevölkerung, weil die Frauen dort so teure und aufwändige Kleider tragen, an denen sie ein Jahr lang genäht haben, und weil die besten Bands spielen.

Der Mardi Gras lebt von und mit den Einflüssen unterschiedlichster Nationen und Hautfarben, er versteht sich als Abbild einer Gesellschaft, die dank Einwanderung und multikultureller Attitüde gewachsen ist.

Das ist nicht Trumps Amerika

„Mr. Trump könnte viel von uns lernen", sagt Lance Brown. Er ist Moderator einer skurrilen Huldigung in einem Wohnviertel von Mobile, wo als Witwen verkleidete Männer schwarze Rosen ins Volk werfen.

Der mit indianischem Schmuck behängte Lance macht keinen Hehl aus seiner politischen Haltung und wettert gegen den geplanten Zaun an der mexikanischen Grenze und den Rechtsruck der Gesellschaft. „Hier in Mobile kann jeder sehen, wer wir sind, was wir sind und wo wir herkommen."

Und Besucher können fast überall teilhaben — auch damit unterstreicht der Mardi Gras seine soziale, weltoffene und gerechte Haltung. In den sozialen Netzwerken laden Familien Touristen ein, Umzüge auf ihrem Balkon mitzuerleben. In einem Museum wird die ganze Geschichte des Karnevals erklärt und die schönsten Kostümierungen gezeigt. Alle Bälle sind außerdem offen für Besucher.

Als einmal eine „Krewe" unter sich bleiben wollte, gab es Proteste. Der Eintrittspreis hat meist nur einen symbolischen Wert, weil Buffets und Drinks umsonst sind. Arme Familien und Obdachlose erhalten Gratis-Tickets.

Gesichtsverhüllung muss sein

Der Höhepunkt für Besucher, die ganz tief in den Mardi Gras eintauchen wollen, ist der Joe-Cain-Umzug, der dem Begründer des neuzeitlichen Karnevalstreibens in Mobile gewidmet ist.

Wer rechtzeitig eine Facebook-Nachricht an die Veranstalter schreibt, darf unter zwei Bedingungen mitmarschieren: Er braucht eine Verkleidung und muss sein Gesicht verhüllen. So tragen die meisten Menschen an diesem Tag venezianische Masken zu ihren Fantasie-Kostümen.

Hunderte bunte Haufen ziehen durch Mobile. Entlang der breiten Straßen grillen Familien auf ihren Pick-ups oder unter Zeltdächern und reichen Würstchen herum. Wie immer haben die Veteranen einen Ehrenplatz in der Promikurve, wo manchmal auch US-Stars und Schauspieler stehen, die froh sind, dass sie heute dank ihrer Verkleidung niemand erkennen kann, wenn sie sich wie kleine Kinder über bunte Plastikketten freuen.

Der ein oder andere aktive Paraden-Teilnehmer braucht eine Weile, bis er sich daran gewöhnt hat, im Mittelpunkt zu stehen. Da sind Abertausende Menschen, die dem Zug zujubeln und Freudensprünge machen, wenn sie eine noch so billige Perlenkette fangen, obwohl schon Dutzende um ihren Hals baumeln. Aber dann kommt fast jeder in den „Flow", wie die Amerikaner sagen.

Wie ein besserer Mensch

Es ist ein euphorisches Gefühl, andere glücklich zu machen. Werfen, werfen, immer mehr, schneller, weiter. Strahlende Kinder, kreischende Frauen, glückliche Opas. Mobile-Legende Terry Ankerson hatte Recht: Als Teilnehmer fühlt man sich wie ein anderer, besserer Mensch. Einfach Mardi krass.