Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 16.02.2019


Reise

Rudi Pittl: Der „Opa“ auf dem 6000er

Ruhe kehrt bei Rudi Pittl auch in der Pension nicht ein. Der frühere Küchenchef der Villa Blanka besteigt mit 72 Jahren 6000 Meter hohe Gipfel, bereist Nepal und sammelt für Erdbebenopfer.

Seine wichtigsten Fotos speichert Rudi Pittl im Tablet.

© Vanessa RachléSeine wichtigsten Fotos speichert Rudi Pittl im Tablet.



Von Judith Sam

Innsbruck – Zum 70. Geburtstag sollte man sich etwas gönnen. Etwa eine Reise. Die meisten Tiroler Senioren träumen dabei wohl von ein paar Tagen Wellness in Südtirol. Nicht so Rudi Pittl. Der Aldranser reiste nach Nepal, ins Dörfchen Chiwang. Von Wellness war dabei keine Rede: „Nach der Landung in Kathmandu fuhr ich zehn Stunden mit dem Bus über holprige Wege, um dann zu Fuß 1000 Höhenmeter zum Ort zurückzulegen.“ Drei Tage dauerte die Anreise.

Pittl war durch Zufall auf den Geburtsort des Sportkletterers David Lama aufmerksam geworden: „Chiwang wurde 2015 von einem Erdbeben verwüstet. Das hat mich betroffen gemacht, weil die Leute dort arm sind. Ein Lehrer verdient etwa 1500 Euro – allerdings nicht im Monat, sondern im Jahr. Ein Getränk im Lokal kostet wiederum sieben Euro.“

Ein Arbeiter, der ein 80-Kilo-Eisen am Rücken auf den Berg schleppt.
Ein Arbeiter, der ein 80-Kilo-Eisen am Rücken auf den Berg schleppt.
- Pittl

Kurzum sammelte der dreifache Vater zusammen mit seinen Freunden Marie Luise und Romed Giner sowie Eveline und Herbert Freund Spenden für den Aufbau der Schule von Chiwang. Stattliche 75.000 Euro kamen bisher zusammen. „Bei unserem Besuch – der ein Jahr zurückliegt – haben wir gesehen, dass ein Schulgebäude bereits errichtet ist und für den Unterricht von 40 Kindern genutzt wird. Das zweite Haus, das ebenso viele Drei- bis Elfjährige aufnehmen wird, ist im Herbst bezugsfähig“, freut sich Pittl.

Während er spricht, untermalt der inzwischen 72-Jährige seine Erinnerungen mit Fotos auf dem Tablet. Ein Bild zeigt einen Nepalesen, der sich nach vorne gebückt eine Steigung emporkämpft. Auf seinen Rücken sind dicke Eisenstäbe geschnallt. „80 Kilo schleppt der Mann. Man muss jeden Ziegel, jedes Eisen und jeden Sack Zement zu Fuß zur Schule tragen. Straßen sowie Autos sind Mangelware. Achten Sie auf die Details: Der Arbeiter trägt nur Sandalen!“

Nepalesische Schulkinder, die sich über Geschenke aus Tirol freuen.
Nepalesische Schulkinder, die sich über Geschenke aus Tirol freuen.
- Pittl

Das nächste Bild zeigt Pittl, wie er im Basislager des Mera Peak, einem 6476 Meter hohen Berg, Reis isst: „Den Berg haben wir quasi nebenbei bestiegen.“ Eigens trainieren musste der Aldranser dafür nicht. Sport spielte ohnehin stets eine tragende Rolle in seinem Leben – von Marathons, Rad- und Langlaufrennen bis hin zum Besteigen von Bergen wie dem Ararat (5137 Meter), dem Kilimandscharo (5895 Meter) oder dem Elbrus (5642 Meter).

„Wobei ich es jetzt ruhiger angehe. Ich brauche heute nicht mehr 38 Minuten, um auf den Patscherkofel zu gehen, sondern fast eine Stunde“, gesteht der rastlose Pensionist. Kein Wunder, dass die Tour auf den Mera Peak für ihn auch im Alter von 70 Jahren kein Problem war: „Als ,Opa‘ der Runde ging ich als Schlusslicht. Das war gut, weil ich mich an das Tempo der anderen halten musste. Sonst wäre ich wohl vorgesaust und vielleicht höhenkrank geworden.“

Pittls einzige negative Erinnerung an Nepal bezieht sich auf die Verpflegung: „Die Speisen sind zu wenig gewürzt.“ Allerdings hat der ausgebildete Koch in Sachen Kulinarik hohe Ansprüche. War er doch erst Souschef, dann Küchenchef der Villa Blanka: „Wunderbare, wenn auch anstrengende 38 Jahre. Einmal haben wir Otto von Habsburg zu seinem 80. Geburtstag bekocht. Die Speisen wurden in der Tourismusschule zubereitet und zwei Kilometer weiter in der Hofburg serviert.“ Eine Herausforderung, bei 700 Gästen.

Doch Pittl, der außerdem Fachlehrer für Ernährungslehre, Kochen und Hotelmanagement an der Villa Blanka war, ist Druck gewöhnt: „Damals war noch ein Hotel Teil der Schule. Dort residierte auch der Scheich von Arabien. Dem mussten wir täglich frische Datteln über Zürich ordern und jede Speise seines Kochs wurde von seinem Vorkoster getestet.“ Dabei ging es darum, dem Scheich nur das Erlesenste aufzutischen.

Jahre zuvor, als Pittl Juri Gagarin bekochte, blickte der russische Kosmonaut persönlich in alle Töpfe, um sicherzugehen, dass niemand Gift in seine Speisen gemisch hat.

Pittl schmunzelt bei der Erinnerung daran. Mehr als 1000 Schüler hat er während seiner Laufbahn als Lehrer ausgebildet: „Einer von ihnen war Thsering Lama, David Lamas Cousin. Er hat mich auf die Idee zu der Nepal-Reise gebracht.“ Sie soll nicht Pittls letzte nach Chiwang gewesen sein. Der Pensionist und seine Freunde sammeln weiter emsig Spenden: „Damit wollen wir zwei weitere Lehrer bezahlen. Die Dankbarkeit der Kinder motiviert uns. Die freuen sich noch, wenn man ihnen einen Buntstift schenkt.“