Letztes Update am Sa, 16.02.2019 16:42

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Aufs Kleine Matterhorn bei Zermatt: Eine Fahrt wie im Hubschrauber

Zermatt ist weltberühmt und teuer. Nun hat sich der Schweizer Nobel-Skiort die passende Seilbahn zum mondänen Image zugelegt: Die Kabinen wurden von Sportwagen-Designern entworfen, manche haben einen Glasboden und Kristalle. Doch das Wichtigste bleiben – natürlich – die Pisten.

Die Bergstation der Glacier Ride liegt auf 3821 Metern Höhe – das ist Europa-Rekord.

© APA (dpa/gms/Zermatt Bergbahnen)Die Bergstation der Glacier Ride liegt auf 3821 Metern Höhe – das ist Europa-Rekord.



Na hör mal“, ruft eine Frau mit roten Haaren, „das ist ja Luxus pur!“ Sie lässt sich auf die beheizte Lederbank fallen und schaut durch die Glaswände. „Guck mal, das Panorama. Und da, das ewige Eis. Überwältigend.“ Ein Erlebnis soll die Fahrt im Glacier Ride sein, der neuen Edel-Seilbahn aufs Kleine Matterhorn bei Zermatt im Schweizer Kanton Wallis. Entworfen wurden die Kabinen von dem Unternehmen Pininfarina, das sonst italienische Sportwagen designt. Und vier der Gondeln sind sogar mit Hunderttausenden Swarovski-Kristallen besetzt.

Diese Dekadenz gefällt allerdings nicht jedem. „Typisch Zermatt, total übertrieben, die können sich das ja leisten“, bekam Mathias Imoberdorf oft zu hören. „Aber gerade Asiaten setzen viel auf Qualität“, sagt der 30-jährige Sprecher der Bergbahnen. Besonders der Glasboden der so genannten Crystal Rides begeistere viele: „Wie ein Hubschrauberflug, sagen manche.“

Das ist übertrieben. Aber wenn nach drei Minuten das Verbundglas aufklart, fällt der Blick entlang der Felswände auf den Gletscher. „Ein Wow-Effekt“, sagt Imoberdorf. Beeindruckender aber ist der Blick durch die Glaswände ringsum – und den bekommt man in jeder Kabine, ohne den Aufpreis von zehn Franken. Links schaut man auf das Monte-Rosa-Massiv, rechts auf das Matterhorn, nach hinten auf das Weißhorn. Vorne türmen sich steil die Eiswände der Gletscher auf, hellblau leuchtend, braun marmoriert. 60 Millionen Franken, umgerechnet rund 52,9 Millionen Euro, ließen sich die Bergbahnen das neue Gästeerlebnis kosten. „Die Mittelstation Trockener Steg war zuvor ein Flaschenhals“, erklärt Imoberdorf. Besonders abends, wenn die Gäste zurück auf die italienische Seite des Skigebiets wollten, stand man hier bis zu eineinhalb Stunden in der Schlange, um sich dann mit vielen anderen in veraltete Gondeln zu zwängen.

2000 Skifahrer pro Stunde

Die neue Dreilseilumlaufbahn bringt nun 2000 Skifahrer pro Stunde auf den Gletscher. Die beiden Tragseile halten die Kabinen stabil und ruhig, sie können selbst bei 80 Stundenkilometern Wind noch fahren. Kein unwichtiges Detail, wenn die Stahlseile ab dem zweiten Stützpfeiler 2732 Meter weit frei hängen. Und wenn die Bergstation auf 3821 Metern Höhe liegt – die höchste in Europa, wie die sanfte Frauenstimme aus dem Lautsprecher betont.

Das Matterhorn dominiert Zermatt.

Das Matterhorn dominiert Zermatt.

- iStockphoto

„Der Bau der Bergstation war die größte Herausforderung“, sagt Imoberdorf. Sie wurde neben der alten Station in den Gipfelgrat betoniert. Die Arbeiter mussten das Material sofort verbauen, oft an einem Seil baumelnd. Dazu schneite es selbst im Juli. Damit der Beton nicht auskühlte, wurde er mit 65 Grad heißem Wasser gemischt und im Helikopter hochgeflogen. Ein Aufwand, der sich gelohnt hat.

Selbst die Stationen sind chic geworden: die Pfeiler aus hellem Holz, die Wände aus Glas, mit Photovoltaik-Quadraten gepunktet. „Warm, fast wie ein Chalet“, sagt Imoberdorf. Draußen freilich pfeift einem weiter der Wind ins Gesicht, vor allem, wenn man die Stahltreppe zur Gipfelplattform hinaufsteigt.

Von hier überblickt man 38 Viertausender, hochalpine Herrlichkeit ringsum. Das Matterhorn sieht mit den Wölkchen neben dem Gipfel aus wie der Rauchfang eines Ozeandampfers. Aber die Nadelstiche auf den Wangen stören die Muße, und mehr noch das Gewusel der sich Fotografierenden. Die weißen Rampen unterhalb locken nun sehr. Ein kurzer Ziehweg, dann erstrecken sie sich sanft abfallend und in verschwenderischer Breite. „Carving-Autobahnen“, wird später ein Berner im Lift sagen, der hier eine Jahreskarte hat. Die Hänge sind wie gemacht dafür, sich vor dem Breitbild-Panorama in die Kurve zu legen und die Ski laufen zu lassen. Technisch nicht fordernd, aber es macht Spaß.

Enger und steiler wird es später sowieso, spätestens bei der Talabfahrt. Der Wind treibt Schneeschwaden über die Piste, man wedelt wie durch knöcheltiefen Bodennebel. Der letzte Abschnitt ist auf dem Pistenplan schwarz und damit als schwer markiert. Zu Recht. Wer ihn durchholpert hat, muss nur noch den Sirenengesängen des „Hennu Stalls“ widerstehen, der einzigen echten Après-Ski-Hütte in Zermatt.

Vier der Gondeln haben einen Glasboden.
Vier der Gondeln haben einen Glasboden.
- APA (dpa/gms/Zermatt Bergbahnen)

Auf den Gornergrat

Wie wichtig der Wind hier ist, zeigt sich am folgenden Morgen. Am Kleinen Matterhorn pfeift es so heftig, dass die neue Kabinenbahn geschlossen bleibt. Also geht es mit der 1898 gebauten Zahnradbahn auf den Gornergrat. Ein paar Mal kurvt man die blauen Pisten zum Riffelberg hinab und nimmt den Gifthittli-Lift zurück. Dann geht es über die Abfahrt nach Gant und auf der anderen Seite des Hochtals auf die Sonnenhänge des Skigebiets.

Die Bergbahnen planen aber schon die nächsten Verbindungen. Die Seilbahn von Testa Grigia zum Kleinen Matterhorn soll zum Frühjahr 2021 fahren. Und irgendwann auch eine Gondel zwischen den Gemeinden Ayas und Valtournenche. So entstünde ein Skigebiet mit 550 Kilometern Piste, eines der größten weltweit. Ein Superlativ, um Gäste aus den neuen Reisenationen in Übersee zu locken. Passend zum Anspruch von Zermatt. (dpa)

Die neue Bahn transportiert pro Stunde 2000 Skifahrer.
Die neue Bahn transportiert pro Stunde 2000 Skifahrer.
- APA (dpa/gms/Zermatt Bergbahnen)