Letztes Update am Fr, 15.03.2019 11:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Reise nach Costa Rica: Das pure Leben am Pacuare

Costa Rica, der grüne Musterknabe Lateinamerikas, ist ein Dorado für Natururlauber. Auf einer Flussreise wird man das Gefühl nicht los, dass es noch so etwas wie eine heile Welt gibt.

Der Vulkan Turrialba bricht in der Ferne aus - aufgenommen vom Berg Cerro Chirripó, dem höchsten Punkt in Costa Rica.

© iStockphotoDer Vulkan Turrialba bricht in der Ferne aus - aufgenommen vom Berg Cerro Chirripó, dem höchsten Punkt in Costa Rica.



Von Simone F. Lucas

Guide Daniel ist überzeugt davon, dass sein Land glücklich macht. „Pura vida“ – glücklich, dankbar und gesund zu sein – ist auch sein Wahlspruch. Zum angenehmen Leben, das stellt der Guide gleich klar, müsse man nicht reich sein: „Je weniger du hast, desto weniger brauchst du.“ Daniel jedenfalls ist zufrieden, und trotz seines Tattoos hat er Verständnis für die Einwohner von Cartago, die tätowierten Zeitgenossen den Zutritt zur Einkaufsmall verbieten. Die riesige Kirche, die Basilika Nuestra Señora de los Ángeles, beherrscht die ehemalige Hauptstadt des Landes, in dem immer noch die meisten Menschen streng katholisch sind – wie Daniel. Ein Pärchen nähert sich kniend dem Altar, während Daniel voll Inbrunst von der wundertätigen Statue der Muttergottes erzählt, die zu dem Bau der Kirche geführt hat.

Gemütlich treiben die Boote an diesem idyllischen Abschnitt des Pacuare dahin.
Gemütlich treiben die Boote an diesem idyllischen Abschnitt des Pacuare dahin.
- iStockphoto

Costa Rica ist reich an Geschichte. Geheimnisvolle Relikte aus Zeiten, bevor Amerika von Kolumbus entdeckt wurde, sind die mehr als 350 Steinkugeln, die im ganzen Land verteilt liegen. Costa Rica ist auch reich an Früchten: Ananas und Tomaten gedeihen hier, Baumtomaten und Guaven, Granadillas und Mangos, Erdbeeren und Cherimoyas, die Stinkfrucht Durian und natürlich Kaffee. Und dann sehen wir, dass Costa Rica Umweltprobleme hat. Daniel zeigt uns bei der Busfahrt durchs Land den Reventazón-Fluss und die Stadt Turrialba, Wiege des Raftings in Costa Rica – heute ein toter Fluss und eine ver­ödete Stadt. Ein Damm, erzählt Daniel, habe den Aufschwung beendet. Auch am Pacuare-Fluss, den wir im Osten des Landes ansteuern, war ein Damm ge­plant, doch 1991 gab es dann ein Erdbeben – das rettete den Fluss. Der Präsident, so Daniel, habe einen Vertrag unterzeichnet, der für den Pacuare 20 Jahre Unberührtheit garantiere. Noch besser wäre der Welterbe-Titel: Er würde das malerische Gewässer für immer retten und damit auch die Lebensmöglichkeiten für die indigenen Stämme.

 Geheimnisvoll sind die Steinkugeln, die vermutlich von Vorfahren der indigenen Völker angefertigt wurden.
Geheimnisvoll sind die Steinkugeln, die vermutlich von Vorfahren der indigenen Völker angefertigt wurden.

Ein High Five mit dem Paddel

Am Fluss liegen schon Schwimmwesten, Helme und Paddel bereit. OG, wie der 31-jährige Raft-Guide sich nennt, scheint den Verlauf des Pacuare gespeichert zu haben und lenkt unser Raft besser als jedes Navi sicher hindurch zwischen Felsen und Stromschnellen. Es ist ein echtes Team-Erlebnis. Wir haben immer wieder Grund, die Paddel zum High Five zusammenzuschlagen. „Pura vida“, brüllen wir und lachen, wenn wir wieder eine Stromschnelle überstanden haben.

OG ist in seinem Element. Nein, etwas anderes zu machen, könne er sich nicht vorstellen, sagt er in einer ruhigen Minute, als wir uns staunend umsehen in dieser grünen Natur. Nur, dass er seine vierjährige Tochter so wenig sieht, schmerzt ihn.

Dorfchef Wim erklärt, wie die Bambushäuser ganz ohne Nägel gebaut werden.
Dorfchef Wim erklärt, wie die Bambushäuser ganz ohne Nägel gebaut werden.

Die Liebe zur Natur teilt er mit dem Besitzer der Lodge: Roberto Fernandez, ein Gentleman mit feinen Gesichtszügen, der so gar nicht wie ein Outdoor-Fan wirkt, kam vor 30 Jahren an den Pacuare und hat sich in die Gegend verliebt. Damals wurden Jaguare noch gejagt, auch Gerardo, Robertos rechte Hand, war ein Jäger. Heute engagieren sich beide in einem Projekt, das der großen Raubkatze das Überleben sichern soll. „Jaguare sind für die Menschen nicht gefährlich“, sagt Roberto, „aber sie sind gefährdet.“ Denn Jaguare brauchen Platz, viel Platz, mindestens 50 Quadratkilometer. Alle vier Monate fängt eine der versteckten Kameras heute ein Foto ein. Auch Ozelots und Pumas werden so aufgespürt.

„Im Ökosystem spielt jedes Lebewesen eine Rolle und sei es noch so klein“, sagt Roberto. Als er vor knapp 30 Jahren anfing, wuchs noch kein Baum, kein Strauch, es gab keine Rückzugsorte für die Tiere. „Wir arbeiteten daran, die Natur zurückzuholen“, erinnert sich der Costa Ricaner. Und sie arbeiteten daran, das Vertrauen der Cabeca zu gewinnen, des am Pacuare ansässigen indigenen Stammes. Vor fünf Jahren hat Roberto die Replik eines Cabeca-Hauses bauen lassen, um seinen Gästen die Kultur dieser Menschen näherzubringen.

Zwei Gläubige knien in der Wallfahrtskirche von Cartago.
Zwei Gläubige knien in der Wallfahrtskirche von Cartago.

Kein Strom, aber ein Handy

Wim, Dorfchef der Cabeca, gibt hier Auskunft, erklärt die Bauweise des Hauses aus Bambus, Lianen und Palmblättern – ohne einen einzigen Nagel. Wim ist ein kleiner Mann mit wachen Augen und rabenschwarzen Haaren unter der Baseballkappe. Er hält die Traditionen seines Stammes in Ehren: „Neugeborene und Tote werden in Decken gehüllt, die aus der Rinde des Mastate-Baums gefertigt werden“, erzählt er. Auch über Heilpflanzen weiß der 52-Jährige Bescheid. Seine Söhne sind erwachsen, sie leben im Dorf wie ihre Ahnen. Strom gibt es dort nicht, sagt Wim, aber ein Handy hat er schon. Das nutzt er, um in Kontakt mit Freunden und Familien zu bleiben. Noch vor ein paar Jahren kommunizierten die Cabeca nur über Radio-Nachrichten. Für die Weltlage interessiert sich Wim eher am Rande. Ob er glücklich ist, dass er so weit weg von Kriegen und Krisen lebt? Wim schaut erstaunt. Wieso sollte er darüber glücklich sein, fragt er zurück. „Auch dort, wo Krieg herrscht, leben doch Menschen wie wir.“

Aber wir sind die Glücklichen. Für zwei Tage tauchen wir ein in ein grünes Paradies. Natürlich nützen wir auch das Angebot, Canoying auszuprobieren. Elf Ziplines durch die Baumwipfel gilt es zu überwinden, um am Schluss in einer Art Baumhaus zu landen, bei dem wir dann abgeseilt werden. Auch das ein Abenteuer. In einem der Bäume kratzt sich ein Faultier den Bauch, ein Tukan turnt durchs Geäst und am Himmel schweben die Montezumastirnvögel, die in den Bäumen ihre glockenförmigen Nester haben, eng beieinander wie Reihenhäuser.

Und dann sind wir schon wieder auf dem Pacuare. Wir trotzen den ordentlichen Stromschnellen und lassen uns verzaubern vom Two Mountain Canyon mit den Wasserfällen und dem Märchenwald.

Ein Tukan turnt durch das Geäst.
Ein Tukan turnt durch das Geäst.
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„Unsere Flüsse sind aufregend“, sagt Daniel später im Bus, „aber unsere Straßen sind gefährlicher.“ Denn seine Landsleute hielten sich an keine Regeln. „Sie betrachten die Ampeln als Dekoration.“

Das neue San José

Lange vor der Hauptstadt San José hat uns der Alltag wieder: Staus auf den Straßen, Häuser hinter Stacheldraht, Wellblechhütten und Betonklötze. Trotzdem: Heute Abend wollen wir San José eine Chance geben. Bei Saul im trendigen Barrio Escalante stärken wir uns für eine Craft-Beer-Tour mit „Carpe Chepe“. Chepe nennen die Einwohner ihre Stadt und Carpe haben sie von „Carpe diem“ (Pflücke den Tag). Vor fünf Jahren, erzählt Marcos Pitti, habe er mit Freunden ungewöhnliche Stadtführungen durch San José ins Leben gerufen, um zu zeigen, dass die Stadt einen Besuch lohnt. „San José hat sich in den letzten zehn Jahren toll entwickelt“, meint Marcos und zeigt uns einen kleinen Park, in dem Pärchen schmusen und Familien auf dem Rasen Picknick machen. „Vor fünf Jahren wäre das nicht möglich gewesen“, erklärt er, „da gehörte der Park den Dealern.“

Inzwischen hätten sich die Ticos, wie sich die Costa Ricaner selbst nennen, ihre Stadt zurückgeholt – und das Nachtleben brummt. „Wir wollen ein Stück des Reichtums, den der Tourismus Costa Rica bringt, für San José abzweigen“, gibt Marcos sein Ziel vor, „die Menschen aus den Hotels holen, ihnen das wahre Leben zeigen.“ Pura vida eben.