Letztes Update am Sa, 23.03.2019 07:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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KAZA: Afrika zwischen Löwenjagd und Massentourismus

KAZA ist das größte grenzüberschreitende Naturschutzgebiet der Erde. Es erstreckt sich über fünf Länder und umfasst einzigartige Safari-Hotspots im südlichen Afrika. Doch während manche hier für Löwenleben kämpfen, wollen andere nichts lieber als die Jagd zurück.

Der Sambesi wird abseits der Victoriafälle selten von Touristen besucht.

© APA (dpa/gms/KAZA TFCA/Marais)Der Sambesi wird abseits der Victoriafälle selten von Touristen besucht.



Als Peter Sibanda am Morgen nach seinen Ziegen sieht, findet er nur noch leblose Überreste auf seinem Grundstück vor. Alle vier Tiere liegen tot auf dem Boden des Bomas, einem Gehege aus hölzernen Pfählen, das Viehhalter im südlichen Afrika traditionell zum Schutz vor Raubtieren anlegen. Die hungrige Löwin auf Beutezug konnte es nicht abgehalten.

Etwa zehn Kilometer weiter wühlen sich schwere Reifen durch den sandigen Untergrund einer schmalen Piste. Eine Gruppe Reisender sitzt unruhig auf den gepolsterten Sitzen eines Safari-Fahrzeugs und will vor allem eines: endlich Löwen sehen. Im Fokus ist ein kleines Rudel von vier Tieren, sandfarben, kräftig und in der Hitze der höher steigenden Sonne vor allem aufs Faulenzen im Schatten aus.

Der Mann am Steuer, der den Besuchern das Sozialverhalten der Tiere erklärt, ist derselbe, der gerade Ziegen im Wert von 100 US-Dollar an eines der Raubtiere verloren hat. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Mitarbeiter einer Lodge nahe des Hwange-Nationalparks in Simbabwe. Wildtiere sind für den 56-Jährigen Teil des Lebens. „Unser Erbe“, wie Sibanda sagt, Bedrohung und Einnahmequelle zugleich. Für viele Touristen im südlichen Afrika sind sie der Grund ihrer Reise.

Ein ruhender Löwe im Hwange-Nationalpark in Simbabwe.
Ein ruhender Löwe im Hwange-Nationalpark in Simbabwe.
- APA (dpa/gms/Julia Ruhnau)

Das größte Gebiet seiner Art

Der Hwange-Nationalpark vor Sibandas Haustür ist das größte geschützte Gebiet Simbabwes – aber nur ein kleiner Baustein eines viel ambitionierteren Projekts: Die „Kavango Zambezi Transfrontier Conservation Area“, kurz KAZA, ist das größte grenzübergreifende Naturschutzgebiet der Welt. Fünf Länder, 520.000 Quadratkilometer, eine Fläche größer als Spanien. Innerhalb seiner Grenzen liegen 36 Nationalparks und zwei Unesco-Weltnaturerbestätten, die Victoriafälle und das Okavango-Delta.

Die Verantwortlichen kämpfen hier – in Namibia, Sambia, Simbabwe, Angola und Botswana – für den Naturschutz, über Grenzen hinweg. Und für einen Weg, die Menschen von der artenreichen Wildnis, die sie umgibt, profitieren zu lassen.

Eine Möglichkeit, wie Einheimische aus den Tieren Kapital schlagen können, ist die Trophäenjagd. Abenteuerlustige Ausländer zahlen Tausende Dollar, um ein Löwenfell mit nach Hause zu nehmen. In Botswana ist das Jagen 2014 gesetzlich verboten worden. Den Gemeinden fehlt so eine Einnahmequelle.

 Botswana ist für die Elefantenpopulation berühmt.
Botswana ist für die Elefantenpopulation berühmt.
- APA (dpa/gms/KAZA TFCA/Marais)

Im krisengebeutelten Simbabwe zeigt sich ein weiteres Problem der KAZA-Staaten. Die Wilderei hat Hochkonjunktur, was vor allem an der Armut liege, sagt Enoch Zulu. Er steht auf dem feuchten Boden am Rande des Hwange-Nationalparks zwischen simbabwischen Teakbäumen und hält eine dicke Drahtschlinge in der Hand. Um ihn herum warten in der Kühle der Morgenluft zehn junge Männer und Frauen in khakifarbener Kleidung samt zwei jungen Schäferhunden auf seine Anweisungen. Die kleine Anti-Wilderei-Einheit geht jeden Tag auf Streife und versucht, ihren Teil dazu beizutragen, dass weniger Antilopen im Topf landen oder Elefanten nicht mehr für den Elfenbeinhandel sterben.

Bisher floss das Geld für das KAZA-Projekt in Infrastruktur und in Tourismusprojekte. In der aktuellen Phase soll es nun um so genannte „Wildlife Dispersal Areas“ gehen, Gebiete, die für die ungehinderte Wanderschaft und Ausbreitung verschiedener Tierarten besonders wichtig sind. In einem dieser Gebiete liegt ein Naturparadies, das vom internationalen Tourismus noch recht unberührt geblieben ist: Der Sambesi, der sich an seiner breitesten Stelle in Sambia in die Victoriafälle verwandelt, bringt in seinem Oberlauf ein zweites, ähnlich atemberaubendes Naturwunder hervor. Etwas abseits der Straße stürzen die Sioma Falls an einer langen Kante in die Tiefe.

Ein besseres Hundeleben

Sambia ist touristisch weniger erschlossen als etwa Botswana. Es ist dieses Ungleichgewicht, das KAZA versucht zu entzerren. Im Wildhunde-Zentrum nahe des Hwange-Nationalparks richtet sich im Gehege ein Wildhund auf und spitzt die Ohren. Leise erzählt David Kuvawoga, einer der Mitarbeiter der NGO, die Geschichte der Tiere. Die Wildhunde lebten in der Nähe eines Dorfes und rissen regelmäßig Ziegen. Die Dorfbewohner waren so erzürnt, dass sie das Rudel samt Welpen beinahe massakriert hätten. Doch dann wählten sie eine für solche Fälle eingerichtete Hotline. Die Tiere wurden gerettet. Nun sucht Kuvawoga einen Platz für sie im Nationalpark – fernab der Dörfer, aber gut sichtbar für die Augen der Touristen. (APA, dpa)

Die Sioma Falls sind ein noch wenig entdeckter Naturschatz am Sambesi.
Die Sioma Falls sind ein noch wenig entdeckter Naturschatz am Sambesi.
- APA (dpa/gms/KAZA TFCA/Marais)