Letztes Update am Fr, 12.04.2019 06:57

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Gran Canaria: Heiße Dünen, kalte Berge, nasse Nächte

Die meisten Gran-Canaria-Besucher zieht es nach Maspalomas. Dort ist es bezaubernd schön, doch auf einem Mini-Roadtrip mit Zelt zeigt die Kanareninsel auch ganz andere Gesichter.

Viele Urlauber zieht es nach Maspalomas.

© iStockphotoViele Urlauber zieht es nach Maspalomas.



Text und Fotos: Frank Eberhard

Nebel verschleiert die Sicht beinahe komplett. Die Haare auf den in kurzen Hosen steckenden Beinen stellen sich im kalten Wind auf. Sogar die Wintermütze, die noch in der Tasche der Windjacke steckte, kommt auf den Kopf. Es kann frisch werden in den Bergen Gran Canarias. Doch noch am selben Tag werden wir in der warmen Sonne am Strand sitzen und in den Atlantik springen. Das sind nur zwei der vielen Gesichter der fast kreisrunden Insel. Ein Mietwagen, ein Zelt und ein nicht zu starrer Plan für eine Woche machen es möglich.

Über die Jahre soll es nach und nach auf alle Kanarischen Inseln gehen. Lange schien Gran Canaria bei diesem Plan ein eher weniger interessantes Ziel. Doch ein güns­tiger Flug und nicht viel Zeit zur Planung sprachen plötzlich dafür.

Wer den Strand hinter sich lässt und die Insel mit dem Auto erkundet, erlebt sie auf eine eigene Art.
Wer den Strand hinter sich lässt und die Insel mit dem Auto erkundet, erlebt sie auf eine eigene Art.
- Frank Eberhard

Also hieß es: die Campingplätze auf der Insel raussuchen, einen (extrem günstigen) Wagen mieten sowie Zelt, zwei Isomatten und ein wenig Kleidung für zwei Personen in einen Koffer packen. Zusammen mit zwei kleinen Rucksäcken Handgepäck reicht das locker für eine Woche.

Zeit aufbauen? Lieber chillen

Der Flieger landet am frühen Abend auf der Insel, der Mietwagen steht bereit. Eigentlich soll es gleich weitergehen, um noch im Hellen das Zelt aufzubauen. Doch dann kommt dieser Moment, in dem die laue Brise vom Meer herzuflüstern scheint: „Ihr seid im Urlaub, entspannt euch!“ Einen Snack und eine Limonade später hat das Urlaubsgefühl bereits die Oberhand gewonnen. Die erste Nacht im Zelt mit dem Rauschen des Meeres im Ohr vertieft die Gelassenheit – vielleicht ein bisschen zu sehr. Denn weder ein Gewitter noch unablässiger Regen sorgen für Unruhe.

Doch am Morgen klingen die Tropfen plötzlich anders. Sie fallen nicht mehr auf das Zelt und auf den sandigen Boden, sondern ... auf Wasser?! Ein Blick nach draußen macht klar: Jetzt heißt es handeln. Denn am Campingplatz nahe des Flughafens schützen runde Betonwände die Zelte vor starkem Wind.

„So viel Regen gibt es hier selten“, sagt auch Pedro vom Campingplatz an der Afrika zugewandten Ostküs­te Gran Canarias. Doch in dieser Nacht hörte er nicht auf und flutete den Stellplatz knöcheltief.

 In den Bergen kann es neblig und kalt werden.
In den Bergen kann es neblig und kalt werden.
- Frank Eberhard

Also Zelt abbauen, trockene Klamotten anziehen und überlegen, wie es weitergehen soll. Denn die Wettervorhersage und der Blick in den Himmel machen wenig Hoffnung, dass die patschnassen Sachen hier trocknen.

Ein neuer Plan muss her

Also ab in den Wagen und weiterfahren, nach Südwesten. Autobahnen erschließen große Teile der Insel und lassen die ohnehin kurzen Distanzen wie im Flug vergehen. An der Ausfahrt Maspalomas: immer noch Regen. Ausfahrt Puerto de Mogán: es tröpfelt. Nach etwas Sightseeing am Hafen des Städtchens mit seinen bunten Häusern steht der Plan.

Gran Canaria ist eine bergige Insel, also suchen wir die Sonnenseite. Doch auf der Westseite der Insel war es das mit schnellem Vorankommen. In unzähligen Kehren windet sich die schmäler werdende Straße durch nasse, aber atemberaubend schöne Berglandschaften.

Stachliges gibt es tausendfach im Cactualdea Park zu bewundern. 

Stachliges gibt es tausendfach im Cactualdea Park zu bewundern. 

- Frank Eberhard

Dann, unter dem Montaña de Ojeda, blitzt blauer Himmel durch die Wolkendecke. Da drängt sich eine Pause geradezu auf. Einer macht Sandwiches, einer hält das auf der Leitplanke ausgelegte Zelt fest, damit es nicht im starken Wind davonflattert. Die warme Luft wirkt wie ein Fön, sodass das Problem „nasse Ausrüstung“ schnell ad acta gelegt ist.

Ein Besuch bei den Stacheln

Nun bummelt es sich viel entspannter durch die so gar nicht touristische Stadt La Aldea de San Nicolás. Ein wenig touristische Infrastruktur gibt es dann doch im nahen Kaktus-Garten Cactualdea Park mit seinen scheinbar endlosen Spazierwegen durch Alleen stachliger Pflanzen aus der ganzen Welt. Dazwischen trabt ein Esel, watscheln Pfaue und Enten und kriechen Schildkröten umher. Abends, wieder oben am Pass, wartet noch ein kleines Abenteuer: Die Fahrt über die alpin anmutende, sich teils auf eine Spur verengende Straße nach Tasartico. Drei Kilometer aufrüttelnde Schotterpiste weiter in Richtung Meer liegt ein malerischer kleiner Campingplatz.

Sowohl Gäste als auch Inhaber sprechen nur Spanisch, doch rudimentäre Sprachkenntnisse, kombiniert mit Hand- und Fußakrobatik ermöglichen etwas Kommunikation. Von diesem abgelegenen Ort aus lassen sich Ausflüge in die Berge im Inselzentrum sowie zur beinahe legendären Playa de Güigüi unternehmen.

Online-Foren preisen den Strand massenweise als Geheimtipp, das macht skeptisch. Doch nach einer Wanderung in praller Sonne über einen Bergsattel versammeln sich am Strand wirklich nur wenige Gleichgesinnte. Trotz besten Wetters zieht das Meer aber einen Strich durch deren Badepläne. Die Flut hat den gesamten Sandstrand verschluckt. Die Wellen donnern mit solcher Wucht auf die Küste, dass große Steine darin poltern.

Ein Erlebnis bleibt die Tour an diesen einsamen Flecken trotzdem. In dem Tal über dem Strand stehen einfache Häuser von Einsiedlern; dass es dort kühle Getränke zu kaufen gibt, versüßt den Rückweg. Und das Baden lässt sich am nächsten Tag mit etwas Fahrerei an den berühmten Dünen von Maspalomas nachholen.

Nach drei Nächten im Camp Tasartico und Leben aus dem Kofferraum soll es weitergehen. Im Norden der Insel gibt es keine Campingplätze, also wird der Weg das Ziel sein. Ein typischer Road­trip-Tag: kurvige Küstenstraßen fahren, staunen, sich die Beine vertreten. Die weißen Häuser des Orts Puerto de las Nieves schmiegen sich sehenswert an die dunklen Vulkanhänge und laden zur Mittagspause in einem kleinen Straßenlokal ein.

Bezauberndes Puerto de Mogan.
Bezauberndes Puerto de Mogan.
- iStockphoto

Danach wird die Straße bald wieder vierspurig und rechts und links der Straße drängen sich die Häuser immer dichter. Das kulminiert in der Inselhauptstadt Las Palmas.

Wilde Gassen und Küsten

Doch wer seinen Wagen durch das Gassengewirr im Norden der Stadt navigiert, erreicht auch dort ein Landschaftsschutzgebiet mit spektakulären Küsten. An diese Küste krachen die Wellen mit noch mehr Wucht als an die Playa de Güi-Güi, die ohnehin schon wieder Welten entfernt scheint.

Nach einem Stadtbummel und einer weiteren halben Stunde auf der Autobahn nach Süden schließt sich der Kreis: Unser Zelt steht wieder in den Betonkreiseln am Camping Playa de Vargas in der Nähe des Flughafens. Von dort aus lassen sich die meis­ten Punkte auf der Insel schnell erreichen und an den anderen waren wir bereits. Doch Gran Canaria vermag weiterhin zu überraschen: die Berge mit Kälte und die Dünen mit Hitze. Wer bereit ist, sie zu erkunden, dem zeigt die Insel viele Gesichter.

An den berühmten Dünen von Maspalomas scheint meist die Sonne. Nicht so im gebirgigen Inselinneren.
An den berühmten Dünen von Maspalomas scheint meist die Sonne. Nicht so im gebirgigen Inselinneren.
- Frank Eberhard