Letztes Update am Mi, 24.04.2019 14:30

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Der Mount Everest: Bewegender und bewegter höchster Berg

Die nepalesische Regierung rückte zur Neuvermessung des Mount Everest aus. Gefahr, die Rekordhöhe zu verlieren, besteht allerdings nicht. Einem Sherpa erging es mit seinem Rekord anders.

Billi Bierling erklomm als erste Deutsche den Mount Everest (im Hintergrund) über die Südroute.


© PrivatBilli Bierling erklomm als erste Deutsche den Mount Everest (im Hintergrund) über die Südroute.




Text: Theresa Mair

Exakt 8848 Meter hoch ist der Mount Everest, oder er war es. Die schöne, einprägsame Zahl ist mitsamt dem verheerenden Erdbeben in Nepal vor ziemlich genau vier Jahren ins Wanken geraten. Satellitendaten zufolge hat sich der Berg um ein paar Zentimeter verschoben. Seither halten sich auch Gerüchte, dass sich die Höhe des höchsten Bergs der Welt verändert haben könnte. Ja, dass er sogar geschrumpft sein könnte.

Imposant überragt der höchste aller Berge die Himalaya-Gipfel.
Imposant überragt der höchste aller Berge die Himalaya-Gipfel.
- Getty Images

Die Rekordhöhe von 8848 Metern hat Gültigkeit, seit indische Behörden vor 65 Jahren den Berg vermaßen. Nicht einmal die GPS-gestützte Vermessung durch eine US-amerikanische Expedition 1999 änderte etwas an der gebräuchlichen Höhenangabe – obwohl diese damals sogar auf 8850 Meter gekommen war.

Drei Sherpas und ein staatlicher Gutachter sollen nun – erstmals im Auftrag der nepalesischen Regierung – Klarheit schaffen. Premierminister Khagda Prasad Sharma Oli verabschiedete sie nach eineinhalbjähriger Vorbereitung vor zehn Tagen in der Hauptstadt Kathmandu. Im Gepäck haben die Bergsteiger GPS-Geräte, mit deren Hilfe zwei von ihnen die Höhe und Position des Everest-Gipfels feststellen sollen, während die anderen beiden Abgesandten im Basislager bleiben. Im Dezember wolle man die ausgewerteten Daten präsentieren, wie ein Behördensprecher den Medien mitteilte.

Natürlich hat auch Billi Bierling von der Expedition – oder Mission? – gehört. Anfänglich noch an der Seite der legendären und im Vorjahr verstorbenen Miss Elizabeth Hawley führt die Garmischerin seit 15 Jahren akribische Aufzeichnungen über die Besteigungen der 455 Expeditionsgipfel Nepals.

„Ich denke, dass die Anstrengung, den Gipfel zu erreichen, dann immer noch die gleiche ist.“
Billi Bierling, „The Himalayan Database“

In der Bergsteige-Saison – also jetzt – hechten sie und ihre fünf Mitarbeiter in Kathmandu den Expeditionsteams in die Hotels hinterher und führen Interviews mit den Bergsteigern. Die Daten über gewählte Routen, erreichte Gipfel, Namen der beteiligten Sherpas etc. geben sie in die „Himalayan Database“ ein. Die Datensammlung gilt in der Alpinistenszene als wichtige Instanz, wenn es darum geht, ob es jemand wirklich geschafft hat, den Gipfel zu erklimmen oder nicht.

Die Vermessungsarbeit der nepalesischen Regierung sieht Bierling gelassen. „Eigentlich denke ich, dass es keinen Unterschied macht, ob der Mount Everest nun zehn Meter höher oder tiefer ist. Ich denke, dass die Anstrengung, den Gipfel zu erreichen, dann immer noch die gleiche ist“, sagt die 51-Jährige spontan.

Daran würde sicher niemand zweifeln. Bierling kann sich gut vorstellen, dass sich die Höhe von 8848 Metern verändert hat. „Die Welt bewegt und verändert sich ja, die Schneedecke schmilzt und wächst und Gletscher gehen zurück.“ Dass der Everest weiterhin der höchste Berg der Welt bleiben wird, daran zweifelt sie nicht. „Der zweithöchste Berg, der K2, ist ja ,nur’ 8611 Meter hoch.“ Sollte der Berg „entgegen den Erwartungen gewachsen sein“, werde sie jedenfalls nicht darauf bestehen, dass alle noch einmal hinaufsteigen müssen, um weiterhin behaupten zu können, den höchsten Punkt erreicht zu haben.

Endlich offiziell behaupten, dass er der Schnellste am Gipfel war, darf nun – ganz unabhängig von der aktuellen Vermessungsgeschichte – Lhakpa Gelu Sherpa. Das hat dafür aber gedauert.

Ganze 16 Jahre kämpfte der heute 52-jährige Nepalese um die Anerkennung seines Geschwindigkeitsrekords. In zehn Stunden und 56 Minuten hetzte Lhakpa Gelu mit nur zwei Pausen – um zu trinken und die Sauerstoffflasche aufzufüllen – von der Südseite auf den Gipfel. Das war 2003, genau 50 Jahre nach der Erstbesteigung.

„Als Bergsteiger war ich damals in meiner besten Verfassung“, erinnert sich Lhakpa Gelu in einem Gespräch mit dem Journalisten Deepak Adhikari. Ein Jahr nach seiner Höchstleistung machte ihm jedoch Pemba Dorje Sherpa den Rekord – vorläufig – streitig. „Mein Ansehen stand auf dem Spiel“, sagt Lhakpa Gelu.

Denn dem Konkurrenen war es ohne Beweisfoto gelungen, dem Tourismusamt und dem Guiness-Buch der Rekorde weiszumachen, dass er in nur acht Stunden zehn Minuten den Everest-Gipfel erreichte. Lhakpa Gelu ging mit einem Anwalt dagegen vor.

Ende 2017 erklärte das Oberste Gericht Nepals Pemba Dorjes Rekord für ungültig. Diesen März erhielt Lhakpa Gelu, der inzwischen in den USA lebt, seinen ersehnten Eintrag im Guiness-Buch. „Endlich herrscht Gerechtigkeit.“

2003 erreichte Lhakpa Gelu den Gipfel offiziell am schnellsten.
2003 erreichte Lhakpa Gelu den Gipfel offiziell am schnellsten.
- DEVENDRA MAN SINGH / AFP