Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 03.05.2019


Exklusiv

Bevorzugtes Reiseziel von Tiroler Couchsurferin: Ein „Flüchtlingsland“

Die Innsbruckerin Daniela Kranzlmüller reist als Couchsurferin in Länder, die man sonst nur von negativen Schlagzeilen aus den Nachrichten kennt.

Daniela Kranzlmüller in Herat in Afghanistan. Dort kam sie im Mausoleum eines Geistlichen mit einem Arbeiter ins Gespräch.

© KranzlmüllerDaniela Kranzlmüller in Herat in Afghanistan. Dort kam sie im Mausoleum eines Geistlichen mit einem Arbeiter ins Gespräch.



Von Lena Reiner

Innsbruck – Daniela Kranzl­müller ist 27 Jahre alt, lebt mit ihrer Huskyhündin Yuki in Innsbruck und arbeitet in der Koordinationsstelle Pflege der GemNova, dem Tochterunternehmen des Tiroler Gemeindeverbands. So weit, so normal. Es ist nun bald drei Jahre her, dass die junge Frau ihre erste Reise in ein Land angetreten hat, das kein übliches Touristenziel ist: den Iran. „Es war anfangs ein seltsames Gefühl“, räumt sie ein.

Sie habe sich gefragt, ob es okay sei, in ein Land zu reisen, aus dem Menschen fliehen oder ob das falsche Vorstellungen von den Herkunftsländern präge. „Die Reaktion der Geflüchteten selbst war aber eindeutig: Sie freuten sich, dass ich ihre Heimat besuchen möchte“, erinnert sie sich. Und ihr Beweggrund? Sie wollte mehr über die Länder erfahren als die oftmaligen Schreckensnachrichten, die man im TV sehen kann.

Wie viele andere Österreicher engagiert sich Kranzlmüller nämlich ehrenamtlich seit 2015 im Asylbereich. Dabei entstanden Freundschaften zu Asylwerbern und die wiederum berichteten Dinge aus ihren Herkunftsländern, die sie neugierig machten.

So neugierig, dass sie die Idee hatte, selbst in die Heimat eines ihrer neuen Freunde zu reisen. Die Begeisterung über das Erlebte, das ganz anders war als erwartet, entwickelte sich zu einer echten Leidenschaft.

Seitdem hat sie viele Länder des Mittleren Ostens besucht: Afghanistan, Bahrain, Jordanien, Ägypten, den Libanon, Sudan, den Nordirak, Kuwait, die Arabischen Emirate und den Oman. Dabei war sie einmal eine Woche und auch schon einmal eineinhalb Monate vor Ort.

Tatsächlich erlebte sie ein herzliches Willkommen in jedem bereisten Land. Wann immer sie verneinte, für eine Hilfsorganisation vor Ort zu sein, war die Freude umso größer: „Man muss sich mal hineinversetzen, was es heißt, wenn nur Leute zu dir kommen, weil sie meinen, dass sie dir helfen müssen.“ Anzuerkennen, dass es in den Ländern neben der Fluchtgründe auch viel Schönes gebe, sei wichtig: eine Form von Wertschätzung, Respekt.

Ihre persönlichen Reiseberichte stellt die Innsbruckerin aktiv Vorurteilen über den Mittleren Osten und den dort lebenden Menschen entgegen. Sie legt ihren Fokus auf das Leben, das „neben dem totalen Chaos“ weitergeht. Daher wählte sie die Art zu reisen, die ihr die meisten Einblicke in den Alltag der Menschen verschaffen würde: Couchsurfing.

Couchsurfing ist eine Reiseform, bei der man privat bei Menschen unterkommt; etwa in Gästezimmern oder tatsächlich auf der Couch im Wohnzimmer. Dabei nutzt Kranzlmüller für ihre Reisen sowohl die gleichnamige Onlineplattform als auch das gesamte Spektrum sozialer Medien und besucht so Menschen, die sie teilweise vorher über Monate virtuell kennen gelernt hat.

Nicht nur einmal kam der Kontakt über ein Computerspiel zustande: „Man findet immer eine Gemeinsamkeit, ein Hobby, das man teilt, etwas, über das man gut sprechen kann.“ Ihre Erkenntnis: „In jedem Land der Welt gibt es Leute, die dasselbe mögen wie du.“

Während sie die meisten der Länder bisher nur einmal besucht hat, gilt ihr großes Interesse Afghanistan und den dort lebenden Frauen. Sie hat Freundinnen in dem Land gefunden und arbeitet aktuell an ihrer Doktorarbeit zu afghanischen Unternehmerinnen: ein bisher nicht untersuchtes Feld.

„Die werden total ausgeblendet. In Forschungsarbeiten zu benachbarten Ländern liest man dann etwa: Man kann keine Vergleiche zu Afghanistan ziehen, weil man dort die Frauen eh nie auf der Straße sieht.“ Das öffentliche Bild sei zu sehr von der Opferrolle der afghanischen Frauen geprägt, das erste „Ding“, an das viele bei Afghaninnen dächten, sei ihre Unterdrückung. Daraus werde häufig der falsche Schluss gezogen, dass sie nichts leisteten: „Es ist eigentlich umgekehrt, denn gerade diese Frauen beißen sich richtig rein, haben gute Ideen, die was voranbringen, und eine Energie, die ihresgleichen sucht.“

Genau hinschauen, das wünscht sich daher Kranzlmüller. „Ich wünsche mir generell mehr Neugier, dass man nachfragt, was tatsächlich ist. Das gilt für die Begegnung mit allen Menschen, nicht nur geflüchteten.“

Noch mehr Informationen: https://www.instagram.com/daniela_does_things/ bzw. https://www.facebook.com/DanielaKramue. Am 17. Oktober hält Kranzlmüller einen Vortrag über ihre Reiseleidenschaft an der VHS Innsbruck (Infos im Kursprogramm).