Letztes Update am So, 12.05.2019 07:09

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Eine Küste für alte und neue Abenteurer

Entdecker-Wiege, Surf-Mekka, Strandparadies: Andalusiens Costa de la Luz gehört zu den hippsten, geschichtsträchtigsten und schönsten Küstenregionen Spaniens. Hier bereitete Kolumbus die Entdeckung der Neuen Welt vor und schlürfte James-Bond-Mojitos.

Die weißen Häuser, wie hier in Conil de la Frontera, sind typisch für die Region.

© iStockphotoDie weißen Häuser, wie hier in Conil de la Frontera, sind typisch für die Region.



Die Strandbar, in der Pierce Brosnan einen Mojito schlürft, ist eigentlich ein Badehaus von 1926. Heute befindet sich in dem Gebäude das archäologische Unterwasserzentrum. Doch für den James-Bond-Film „Stirb an einem anderen Tag“ musste sich die südspanische Stadt Cadiz am Atlantik in Havanna verwandeln. Allzu schwierig war das nicht.

1 Am Strand von Tarifa lassen zig Kite-Surfer ihre Drachen steigen.
1 Am Strand von Tarifa lassen zig Kite-Surfer ihre Drachen steigen.
- iStockphoto

Die alte Hafenfestung Castillo de Santa Catalina von 1554 könnte so auch in Kubas Hauptstadt stehen. Darüber hinaus wurden ein paar Straßenschilder abgehängt, Oldtimer herbeigeschafft und Statisten engagiert. Die Fischerboote, die hier an der Costa de la Luz ankern, passten ohnehin zur Kulisse.

Havannas „Zwilling“

Die Verbindungen zwischen beiden Städten lässt sich historisch erklären: „Cadiz wurde im 16. Jahrhundert vollständig von Piraten zerstört und zeitgleich mit vielen spanischen Kolonialstädten wieder errichtet“, sagt Juan Ramon Ramirez Delgado, Archäologe und Direktor der Städtischen Museen. „Außerdem gab es zur Kolonialzeit eine wichtige Seeverbindung zwischen beiden Hafenstädten, weshalb Cadiz und Havanna sich architektonisch sehr ähneln.“

Dabei ist Cadiz eigentlich viel älter. Die Stadt wurde schon 1104 vor Christus nach dem Ende des Trojanischen Krieges unter dem Namen Gadir von den Phöniziern gegründet. Römer, Griechen, Hannibal, die Könige der Mauren, Napoleon und englische Piraten waren sich ebenfalls der strategischen Lage von Cadiz auf der Landzunge am Atlantik bewusst.

Manche Strände an der „Küste des Lichts“ sind oft fast menschenleer wie hier bei Tarifa am Abend.
Manche Strände an der „Küste des Lichts“ sind oft fast menschenleer wie hier bei Tarifa am Abend.
- iStock Editorial

Davon zeugen heute noch eindrucksvolle Ausgrabungsstätten im Bischofspalast mit phönizischen Grabstätten, römische Amphitheater, uralte Stadtmauern und mittelalterliche Festungen. Besondere Bedeutung erlangten Cadiz und die Costa de la Luz zur Zeit der Entdeckung Amerikas.

Das im 13. Jahrhundert gegründete Franziskanerkloster La Rabida bei Palos de la Frontera änderte den Lauf der Geschichte. Das verschlafene Örtchen liegt in der Provinz Huelva nördlich von Cadiz. Die spanischen Könige ließen dort für Christoph Kolumbus die Segelschiffe „Santa Maria“, „La Pinta“ und „La Nina“ bauen, um einen Seeweg nach Indien zu finden. Die Costa de la Luz war Ausgangspunkt für die Entdeckung Amerikas. Vorher aber mussten die Könige Spanien von den Mauren zurückerobern.

Kolumbus lebte zwei Jahre in Puerto de Santa Maria, dessen Friedhof malerisch am Meer liegt.
Kolumbus lebte zwei Jahre in Puerto de Santa Maria, dessen Friedhof malerisch am Meer liegt.
- iStockphoto

Sie legten das Projekt auf Eis. Kolumbus zog sich ins Kloster zurück, bereitete monatelang seine Reise vor. Prior Juan Perez, Beichtvater von Königin Isabel, konnte das Königshaus schließlich überzeugen, Kolumbus doch noch auf Reisen zu schicken. Der Entdecker stach am 3. August 1492 in See. An jene Zeit erinnern heute Seekarten und Gemälde, die in dem sehenswerten Kloster im Mudejarstil ausgestellt sind. Aus einigen Fenstern kann man die Nachbildungen der drei Karavellen sehen.

Eine Seite Sand, andere Feucht

Wer vom Kloster nach Westen bis Ayamonte an der Grenze zu Portugal fährt, findet unterwegs einsame und kaum verbaute Sandstrände und Dünenlandschaften. Folgt man der „Küste des Lichts“ in anderer Richtung nach Südosten, gelangt man nach einigen Kilometern in den eindrucksvollen Donada-Nationalpark, mit 53.000 Hektar Fläche eines der größten Feuchtgebiete Europas.

Der Nachbau eines Kolumbus-Schiffes in Palos de la Frontera.
Der Nachbau eines Kolumbus-Schiffes in Palos de la Frontera.
- APA (dpa)

Die Landschaft aus Pinienwäldern, Feuchtwiesen und Dünenlandschaften ist die Heimat von unzähligen Vogelarten, Hirschen und iberischen Luchsen.

An der Südspitze des Nationalparks setzt man über den Guadalquivir nach Sanlucar de Barrameda über. Der quirlige Ort an der Flussmündung zum Atlantik ist bekannt für seinen feinen Sherry, fangfrischen Fisch und zahlreiche Kirchen, Klöster und Stadtpaläste. Klerus und Adel siedelten sich hier an, um ihre Missionen und Handelsgeschäfte in der Neuen Welt zu starten. Kolumbus brach in Sanlucar zu seiner dritten Amerika-Reise auf.

Die alte Hafenfestung Castillo de Santa Catalina wurde 1554 vor Cadiz erbaut.
Die alte Hafenfestung Castillo de Santa Catalina wurde 1554 vor Cadiz erbaut.
- iStock Editorial

Zwei Jahre lebte er im nahen Puerto de Santa Maria unweit von Cadiz, wo er seine zweite Entdeckungsreise plante. Heute ist der Ort für seine Sherry-Bodegas und eine der schönsten Stierkampfarenen Spaniens bekannt.

Die modernen Entdecker

Die Costa de la Luz lockt weiterhin Entdecker an, heutzutage allerdings modernen Typs. Wer zwischen Ayamonte und Tarifa taucht, kann noch historische Wracks entdecken, die mit Gold beladen aus der Neuen Welt zurückkamen. Vor knapp zehn Jahren musste die spanische Regierung viele Unterwasserfundstellen unter Schutz stellen. Der Grund: US-Schatzsucher hatten 2008 die Fregatte „Nuestra Senora de las Mercedes“ gefunden, die 1804 mit 500.000 Gold- und Silbermünzen an Bord gesunken war. Die Regierung wollte weitere Plünderungen verhindern.

Südlich von Cadiz beginnt die vielleicht schönste Küstenregion ganz Spaniens. Die kilometerlangen, teils menschenleeren Sandstrände und unter Naturschutz stehenden Dünen sind nur vereinzelt durch weiße Küstendörfer wie Conil de la Frontera, Canos de Meca oder Zahara de los Atunes getrennt, wo sich der Tourismus konzentriert. Zahara ist für seine Thunfisch-Restaurants und den acht Kilometer langen Sandstrand landesweit bekannt. Eines der schönsten Dörfer ist Vejer de la Frontera, das jedoch etwas von der Küste entfernt liegt.

Blick auf Cadiz, die Stadt, die schon 1104 gegründet wurde.
Blick auf Cadiz, die Stadt, die schon 1104 gegründet wurde.
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Viele Dörfer der Region tragen „de la Frontera“ (an der Grenze) im Namen. Sie waren Grenzgebiet und Schauplatz zahlreicher Schlachten zwischen christlichen und muslimischen Heeren, bis die katholischen Könige 1492 die letzten Mauren nach 800 Jahren wieder von der Iberischen Halbinsel vertreiben konnten.

Das Hinterland der Costa de la Luz ist von Stierweiden und Windrädern geprägt. Der ständige Wind ist ein Grund, warum die schneeweißen und breiten Traumstrände hier im äußersten Süden Andalusiens nicht mit Ferienanlagen und Hotelburgen wie am Mittelmeer verbaut sind.

Sanddünen vergraben Straßen. Zu vielen Stränden wie den natürlichen Becken von Bolonia führen nicht einmal Feldwege. Man muss durch Pinienwälder wandern, in denen viele Hippies leben. Selbst am Bolonia-Strand mit seiner mehr als 30 Meter hohen Wanderdüne und den Ruinen der römischen Handelsniederlassung Baelo Claudia kommt es vor, dass man außerhalb der Hochsaison eher Esel als Urlauber antrifft.

Der Wind ist auch der Grund, warum die Costa de la Luz zu den hippsten Küsten Spaniens gehört – und die Region das europäische Surf-Mekka schlechthin ist. In einstmals verschlafenen Ortschaften wie El Palmar, Punta Paloma und Valdevaqueros haben angesagte Chill-out-Strandbars und moderne Strandhotels für das junge Publikum eröffnet. Die meisten zieht es nach Tarifa, die südlichste Stadt des europäischen Festlands, im Hochsommer eine Partyhochburg.

Eines der schönsten Dörfer der Küste, Vejer de la Frontera, liegt nicht direkt am Wasser.
Eines der schönsten Dörfer der Küste, Vejer de la Frontera, liegt nicht direkt am Wasser.
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Surfen mit Blick auf Afrika

„Schau dir diesen Ausblick an! Wo in Europa kann man schon mit Blick auf Afrika surfen?“, fragt der Italiener Alessandro Bellusci, der vor vier Jahren seine Surfschule in Tarifa aufgemacht hat. Die Antwort ist natürlich: nirgendwo sonst. Hier liegen die Berge Andalusiens und das nordmarokkanische Riff-Gebirge nur 14 Kilometer voneinander entfernt – ein perfekter Windkanal, den auch immer mehr Kite-Surfer für ihre Drachen entdecken.

Katharina Heyer freut sich, wenn der Wind mal etwas nachlässt. Die gebürtige Schweizerin hat vor fast 20 Jahren ihren Job als Modedesignerin an den Nagel gehängt, um sich dem Schutz von Walen und Delfinen in der viel befahrenden Straße von Gibraltar zwischen Tarifa und Marokko zu widmen. Ihr ist es zu verdanken, dass die spanische Regierung dort für die internationale Schifffahrt ein Tempolimit einführte.

Ihre Stiftung Firmm erforscht dabei auch das Leben der Tiere in der Meerenge, was teilweise durch informative Whalewatching-Touren finanziert wird.

Aber sieht man überhaupt Wale und Delfine in der am meisten befahrenen Meeresstraße der Welt? „Und ob“, sagt Heyer. „Es ist natürlich kein Zoo, aber es kommt selten vor, dass wir mal keine Grind- und Schwertwale oder Delfine sehen.“ Sogar Pottwale und Orcas sind häufig zu beobachten. Die größten Chancen bieten sich von April bis Oktober. Heyer greift zum Bordmikrofon: „Finnwale auf 11 Uhr!“

Immer wieder ziehen riesige Gruppen von Delfinen am Boot vorbei. „Die Meerenge ist zwar stark befahren, gleichzeitig aber auch sehr nährstoffreich“, sagt Heyer. „Zudem jagen Wale wie Delfine den riesigen Thunfischschwärmen nach, die zum Laichen vom Atlantik ins Mittelmeer schwimmen“, erklärt die Schweizerin. Den Thunfisch genießen auch die Urlauber, allerdings auf dem Teller – in einem der kleinen, weißen Dörfer oder in Cádiz.

Im Anschluss darf es dann noch ein Mojito sein, wie bei James Bond. (APA, dpa)

Bewegend ist die Geschichte von Palos de la Frontera. Dort wurden die Schiffe gebaut, mit denen Kolumbus nach Amerika segelte.
Bewegend ist die Geschichte von Palos de la Frontera. Dort wurden die Schiffe gebaut, mit denen Kolumbus nach Amerika segelte.
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